Geschichten vom Tresen

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Barmänner sind die Schiedsrichter der Nacht Das Spiel dauert eine Nacht und geht so: Spieler A besitzt einen Club. Die eine Hälfte davon ist vollgepackt mit Bier und Schnaps, die andere ist reserviert für Spieler B, den Gast. Das Spielfeld liegt dazwischen, ist einen Meter zwanzig hoch und eine Armlänge breit: die Bar. Das Spiel ist merkwürdig, denn im besten Fall endet es unentschieden: Dann hat der Clubbesitzer guten Umsatz gemacht – und der Gast Spaß gehabt, ohne sich über die Preise zu ärgern. Deshalb gibt es Sonderregeln, Kniffe und Tricks, die im Ermessen der Schiedsrichter liegen: Ein nettes Lächeln zum Beispiel, eine besonders starke Longdrink-Mischung oder ein Schnaps aufs Haus. Die Schiedsrichter, das sind wir, die Barmänner. Charme auf Knopfdruck Warum eigentlich so oft „-Männer“? Weil für Spieler A, den Clubbesitzer, Mädchen die wichtigsten Gäste sind. Mögen Mädchen einen Club, kommen die Jungs von alleine. Andersrum stimmt dieses Gesetz leider nicht. Hier liegt die Grundproblematik: Barmänner werden nicht nur dafür bezahlt, Alkohol zu verkaufen und Umsatz zu machen – sondern auch dafür, dass die Gäste sich wohlfühlen und wiederkommen. Ob wir gut arbeiten, merken wir am Trinkgeld. Es gibt nur wenige Jobs, bei denen eine positive Ausstrahlung so unmittelbar Einfluss aufs Gehalt hat. Flirten für Geld: Das erfordert Charme auf Knopfdruck, und leider führt es oft zu einer gewissen Kaltschnäuzigkeit im Umgang mit Gästen, die kein Trinkgeld geben, unhöflich sind oder einfach nur unsympathisch – das mag arrogant wirken, ist aber eine Berufskrankheit. Genau wie eine gewisse Eitelkeit übrigens: Eine Erhebung im Kollegenkreis hat ergeben, dass drei von vier Barmännern sehr auf ihre Kleidung achten und mehr als eine halbe Stunde brauchen, um sich für die Arbeit fertig zu machen. Ich selbst putze vor jeder Schicht die Zähne, trage dick Parfüm auf und checke dann stündlich die Frisur. Es ist ein oberflächliches Spiel: Es geht um Alkohol, und es geht um Geld. Kritisch wird es, wenn man diesen Rahmen vergisst und Flirtversuche von Gästen persönlich nimmt. Dann passiert es, dass ich andere warten lasse, um diesem einen putzigen Mädchen ihr Bier zu geben – das sie mit einem Grinsen an ihren Freund weiterreicht, der sich hinter ihr versteckt hat. Eine wichtige Lektion für Anfänger: Der Grund für das Flirten mit dem Barmann ist nur selten ernsthaftes Interesse – meistens ist es die Hoffnung auf ein schnelleres Bedientwerden oder einen Gratisdrink. Aber unter uns: der Trick zieht trotzdem fast immer. Als Barmann ist man nicht einfach nur die Schnittstelle zwischen Wirt und Gast, man ist auch die Personifikation des Alkoholrausches – und dadurch bei Angetrunkenen naturgemäß positiv besetzt: Die erotische Anziehung des Dealers, man kennt sie von Drogenfilmen. So gesehen handelt es sich beim Verhalten von Mädchen an der Bar oft um eine Vorstufe von Beschaffungsprostitution. Wer diesen Faktor unterschätzt, oder gar die Flirtversuche ausschließlich seiner eigenen Attraktivität anrechnet, wird sich beim nächsten privaten Clubbesuch wundern, wie wenig sein Charisma bewirkt, wenn es nicht über einen Tresen hinweg strahlt. Die Regeln besagen, dass das Spiel endet, sobald die Nacht vorbei ist und die Lichter im Club angehen. Dann geht Spieler B, der Gast, nach Hause, oft mit einem Teamgenossen im Schlepptau. Übrig bleiben die Schiedsrichter, die das Spielfeld putzen und es auf die nächste Runde vorbereiten. Doch selbst zur Nachspielzeit gibt es eine Sonderregel: „Wer Sex angeboten bekommt“, sagt meine Barchefin, „darf gehen, ohne zu putzen.“ Der Autor arbeitet in dem Münchner Club „Pimpernel“(Müllerstraße). jan-stremmel


Der Gott am Zapfhahn Über eine Nacht mit einem Barmann Ich hatte an diesem Abend wirklich kein Interesse, irgendjemanden kennenzulernen. Ich war mit ein paar Freundinnen in einer Kneipe verabredet und wollte einen entspannten Abend verbringen. Doch als wir an die Bar gingen, um uns was zu trinken zu bestellen, sah ich den Barmann und dachte nur noch: Wow! Da steht ein Gott an der Bar. Er spülte gerade Gläser. Als er mir ein Bier zapfte, sah er dabei einfach begehrenswert aus. Ich bin aufs Klo gerannt und habe mich diverser Kleidungsstücke entledigt, ich war in Angriffslaune. Dann ging ich zu ihm zurück und sagte, dass ich gerne in der Bar arbeiten würde. Das war natürlich gelogen, aber dadurch tauschten wir Nummern aus. Nach einer Woche rief er tatsächlich an und teilte mir mit, dass es mit dem Job nicht klappt. Aber wir könnten ja noch einmal reden, wenn ich wieder da bin. Daraufhin bin ich alle paar Tage mit Freundinnen in die Bar gegangen, doch er beachtete mich kaum. Ich dachte, er interessiert sich einfach nicht für mich. Eines Abends kam ich wieder in die Bar und war etwas angetrunken. Es war nicht viel los und er hatte Zeit, von hinter der Bar zu mir zu kommen. Wir unterhielten uns kurz und nach ein paar Minuten begannen wir, in einer Ecke der Bar rumzuknutschen. Sein Kollege kümmerte sich in der Zwischenzeit um den Ausschank. Mein Barkeeper war total in Trinklaune und stellte uns ständig Getränke hin. Er gab mir alles aus, so dass wir am Ende beide ziemlich betrunken waren. Um etwa halb drei hat die Bar zugemacht. Er fragte mich, ob ich mit zu ihm kommen wollte. Wir stiegen in ein Taxi und ich verbrachte die Nacht bei ihm. Es war toll, nur hat er sich danach nicht mehr bei mir gemeldet. Wir haben nur noch ein Mal kurz gesprochen, als ich wieder in der Bar war. Katharina, 23
Im Schutz des Tresens Barmänner sind mutig – wenn sie hinter der Bar stehen Ich fragte sie, ob sie einen Schnaps möchte. Es war das erste, das ich zu ihr sagte. Zuvor hatte ich sie bedient und sie mich angelächelt. Jetzt aber blickte sie verwirrt. Es war drei Uhr nachmittags, sie hatte gerade einen Salat gegessen und einen Kaffee getrunken. Engländerinnen beim Junggesellenabschied auf Mallorca trinken um diese Zeit harten Alkohol. Genau das fiel mir auch wieder ein, als sie „Nein, danke“ sagte. „Wer trinkt denn bitte um diese Uhrzeit einen Schnaps?“ Wenn ich in diesem Moment keine Schürze und Hemd getragen hätte, wenn in meinem Hosenbund nicht ein riesiger Geldbeutel gesteckt hätte, wenn ich also einfach nur so in dieser Bar gewesen wäre, hätte ich einen hochroten Kopf bekommen und die Sache auf der Stelle aufgegeben. Sie hätte mich für einen Freak mit Alkoholproblem gehalten. So aber musste sie lachen – und ich zurück hinter die Bar, um einem Stammgast seinen Milchkaffee zu machen. Barmänner sind mindestens genauso schüchtern wie alle anderen. Aber sie können mit ihrer Wirkung auf Menschen experimentieren, weil sie sich im Notfall sofort hinter den Tresen zurückziehen können. Dort sind sie unangreifbar, werden idealisiert, sind begehrenswert für weibliche und wichtig für männliche Gäste. Sagt ein Barmann einen blöden Satz, versinkt er nicht in Peinlichkeit, sondern er verlässt für einen Augenblick die Szene, um einen anderen Gast zu bedienen. Kurze Zeit später kehrt er zurück, um seinen Fehler von vorhin auszubessern. Außerdem haben sie ein Stück kleiner Macht und Macht macht Menschen attraktiv – auch wenn sie sich nur über ein paar Gläser Alkohol erstreckt. Das macht sie mit der Zeit mutig und manche von ihnen sogar verwegen. Wenn die Angst, abgewiesen zu werden oder sich zu blamieren, erst einmal verschwunden ist, beginnt Flirten erst richtig Spaß zu machen. Den Kaffee des Stammgastes verschüttete ich, weil ich wie so oft versuchte, zwei Dinge gleichzeitig zu tun. Ich wurde dann doch rot, während ich mich entschuldigte und den Tresen wischte. Der Stammgast beschwerte sich und sie verlangte nach der Rechnung. Ich fragte: „Sehen wir uns wieder?“ Sie antwortete „Vielleicht.“ Wir sahen uns wieder. Aber da war sie schon mit dem Barmann von der Kneipe gegenüber zusammen. Der Autor arbeitete drei Jahre in verschiedenen Bars. philipp-mattheis
Alle kannten uns Über die Beziehung mit einem Barmann Barkeeper umgibt ein gewisser Charme, so etwas Lässiges. Ich bin jetzt 26 und habe wirklich wahnsinnig viele Jungs aus der Gastronomie, speziell Barkeeper, kennen gelernt. Einer von ihnen war mein Exfreund. Ich bin damals regelmäßig in dieselbe Bar gegangen, ich war Stammgast. Mit dem Typen an der Bar habe ich mich ganz gut verstanden. Er war ein guter Barkeeper und hatte ein enormes Fachwissen: Er hat mir die Weine erklärt und erzählt, wie bestimmte Spirituosen hergestellt werden. Ich fand das interessant und außerdem hatten wir so immer Gesprächsthemen. Und während wir so redeten – ich saß immer direkt an der Bar – ging er seinen normalen Tätigkeiten nach, wie Cocktails mischen, Bier zapfen und Gläser spülen. Ich weiß nicht warum, aber die Arbeit hinter einer Bar sieht einfach sexy aus. Mich hat das fasziniert. Nach einer Zeit bin ich auch alleine ohne meine Freundinnen auf einen Kaffee in die Bar gegangen. Er kümmerte sich rührend um mich, wusste immer genau, was ich trinken möchte. Es ist ein schönes Gefühl, in einer Bar so individuell und bevorzugt behandelt zu werden. Das gab natürlich Pluspunkte für ihn. In einer Mittagspause sind wir dann einmal etwas Essen gegangen. Das war für uns ein Durchbruch, wir trugen unsere Beziehung aus der Bar ins echte Leben hinaus. Dieses Hinausgehen hat mich in dem Gefühl bestärkt, dass er es ernst meint und nicht nur aus beruflichen Gründen flirtet. Ich hatte damals nämlich schon das Gefühl, er könnte mich nur verarschen und behandelte jedes Mädchen so nett, um sie rumzukriegen. Typisch Barkeeper eben. Und glaub mir, Barkeeper flirten wirklich gerne. Vielleicht gehört das zum Job und ist gut fürs Geschäft. Vielleicht bedeutet es aber auch eine Abwechselung, ein Aufheitern der Arbeitsatmosphäre für die Jungs. Mit meinem Barkeeper war ich jedenfalls eineinhalb Jahre zusammen. Plötzlich grüßten Türsteher Die Freundin des Barkeepers zu sein, hatte schon seinen Reiz. Das ist der Eintritt in eine ganz eigene Welt. Die Gastro-Jungs kennen sich untereinander alle. Das bedeutete, ich kannte auf einmal alle Barbesitzer in der Gegend und die Türsteher grüßten mich freundlich. Egal, wo wir hinkamen, alle kannten uns, nirgends mussten wir Eintritt bezahlen. Das war schon cool. Nach dem Beziehungsende war die Bar für mich gestorben. Ich wollte dort nicht mehr hingehen, weil ich die Bar so sehr mit ihm verband. Aber es bahnt sich in meinem Freundeskreis wieder etwas Neues an. Meine Freundinnen und ich haben eine neue Stammbar. Wir gehen dort seit vier Monaten jeden Mittag hin und trinken Kaffee. Eine meiner Freundinnen versteht sich mit einem der Barkeeper mittlerweile sehr gut. Sie ist von uns allen die regelmäßigste Besucherin der Bar und achtet sehr auf ihr Styling, bevor sie dort hingeht. Lisa, 26 Eine Umfrage unter Münchens Barmännern. Achtmal die Wahrheit, bitte!

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