Gestatten, Petrus Schmidt

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Plötzlich bin ich Petrus. Das Becken neben mir wird zum blauen Himmel, in dem die Engelein baden. Die Stufen der Tribüne werden zu Wolken, auf denen meine Schäflein sitzen. Dann und wann treten sie vor mich, wenn sie etwas fragen wollen. Ganz so, wie der Herr sie geschaffen hat. Nun ja: fast ganz so. Sie tragen Badehosen, Badeanzüge und Bikinis. Links die schlecht verheilte Blinddarmnarbe, rechts die Weltkriegsverletzung, hier die Bierbrüste und dort der Kaiserschnitt. Bevor Chlor und der immer gleiche Lärmbrei die kleine Vision ausgelöst und mich zum Petrus haben werden lassen, heiße ich anders. Schmidt steht auf meinem Hemd, Stadtwerke München. Bademeister Schmidt wäre nicht ganz korrekt, weil Bademeister gibt es in keinem Schwimmbad. Rettungsschwimmer, die gibt es – und Fachangestellte für Bäderbetriebe. Denn wer ein Schwimmbad leiten will, der muss vom Fach sein. Nicht, dass er zu viel Chlor ins Wasser kippt, dann gäbe es zwischen Weltkriegsverletzung und Blinddarm noch ein paar Verätzungen.

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Illustration: Julia Schubert

An solch eine Verantwortung will ich aber gar nicht denken, als der Herr Grosser mir morgens mein blasstürkises Polohemd aushändigt. Erst bin ich skeptisch, weil blasstürkis eine gemeine Farbe ist: Jedes Bürogesicht wirkt darin kränklich. Nur die Bademeister nicht, die mögen ja UV-Strahlen noch lieber als Cola-Weizen. Dann aber fällt mir auf, dass der Herr Grosser zwar echte Bademeister-Muskeln hat, aber gar nicht so viel bräuner ist als ich. Das Nordbad ist eben ein Hallenbad. Vor allem die jungen Muttis lächeln und zwinkern mir zu. Uniformen scheinen attraktiv zu machen, wenn sie blasstürkis sind. Die Damen wissen aber nicht, dass es unten im Bauch des Nordbads ein Fenster zum Becken gibt, durch das man ihnen beim Schwimmen zuschauen kann. Das weiß ich allerdings auch noch nicht, sonst stünde ich schon dort. Umgeben von dicken Rohren und großen Kesseln, zwischen denen ein Mann herum saust, wahrscheinlich der Sohn vom Heizer aus dem Film „Das Boot“. Der Mann mit dem Rucksack, der um halb zehn kommt, sieht dem armen Johann aus dem U-Boot-Film ein wenig ähnlich. Ein Hallenbad ist auch für die da, die zu Hause keine Dusche haben, weil sie kein Zuhause haben. Selbst wenn es im reichen Schwabing steht, das betont der Herr Grosser sehr deutlich. Das schicke Schwabing komme aber auch manchmal. Der Tatort-Kommissar, der Konstantin Wecker oder der alte Abi Ofarim, weil sie in Badehose nie jemand erkennt. Heute aber kommt keiner, nicht mal die sonstigen Schwabing-Spinner lassen sich blicken. Dann verrät mir der Herr Grosser, dass das mit dem Chlor, das sich beim Reinpinkeln verfärbt, nur eine Legende ist. Und zeigt mir, wie man vier Leberkassemmeln nach einander isst. Ich schaffe nur zwei und auch die liegen mir schwer im Magen, als ich danach die rechte Beckenseite bewache. Früh bin ich aufgestanden, da war das Bad noch still und leer. Der Herr Grosser ist schlau und läuft immer rund ums Becken, so schläft er nicht ein. Ich sitze auf dem Bademeisterstuhl und freue mich, dass es schön warm ist, aber langweile mich ein bisschen. Das Kindergeschrei zerschwimmt zu einem immer gleichen Lärmbrei, die architektonische Strenge des alten Hitlerbaus lässt dem Geist viel Platz. Ich zähle die Balken der Decke. Immer, wenn ich bei 17 angekommen bin, sagt ein Stammgast: Einen Herrn Schmidt habe er hier noch nie gesehen. Dann aber doch: 33 Balken. An denen hängen insgesamt acht Lampen mit je zehn Strahlern, deren Licht auf je vier Reflektoren trifft, die wiederum aus 100 kleinen Spiegelquadraten zusammengesetzt sind. Die Schwimmer zu zählen ist schwieriger, die bewegen sich. Fehlt da nicht plötzlich einer? Nein, einem guten Petrus passiert sowas nicht. Korrekte Job-Bezeichnung: Rettungsschwimmer/Fachangestellter für Bäderbetriebe Verdienst: gute Mittelklasse Wie bewirbt man sich? Mit einem Rettungsschwimmer-Schein München-Faktor: Hallenbäder gibt es überall, Schwabing nicht: 55 Prozent

Text: moritz-baumstieger - Illustration: Katharina Bitzl

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