Grundkurs Dramatisches Gestalten

Endlich verstehen, was die Bretter dieser Stadt bedeuten – der jetzt.muenchen Theatertest
dirk-vongehlen

Wenn das Jahr noch jung ist, sind die Vorsätze noch richtig gut: endlich mal wieder ins Theater gehen. Nur wohin? Und was zieht man an? Der jetzt.muenchen Theater-Test weiß Rat: mit einem Überblick über die besten Bühnen der Stadt. Theater 44 Theater ist schön; ein gemütliches Glas Wein mit Freunden am Küchentisch ist aber schöner, findest du. Dann bist du genau richtig. Denn hier gibt’s gemütliches Theater – im Zuschauerraum stehen rote, abgewetzte Stoffbänke mit schmalen Tischen, an die man sich was zu Trinken bestellen kann. Das geht allerdings nur vor der Vorstellung oder in der Pause, Konsum ist aber auch während des Stücks erlaubt. Das Publikum ist im Laufe der Jahre mitgewachsen. Kein Wunder, denn es ist das älteste Privattheater Münchens. Hierher kommt, wer von einem Schlachtschiff wie dem Residenztheater nichts hält. Wer Schauspielen kann, muss sich selbst schminken können. Das gilt aber nur für die Frauen. Denn Männer, findet der Chef Horst A. Reichel, malen sich nicht an. Die Adresse: Hohenzollernstr. 20 Dieser Satz geht immer: „Das war mal wieder richtig nett.“ Den kennt hier jeder: Horst A. Reichel, er hat es 1959 gegründet und leitet es immer noch. Das darf man nicht verpassen: Es geht nicht um Stars, sondern um das Gesamtkonzept. Also ist jedes Stück geeignet. Vergleichbar mit: Fraunhofer Schoppenstüberl Was kostet eine Karte: Vollzahler: 13 - 20 Euro, ermäßigt: 8 - 15 Euro Das gibt’s in der Pause: Getränke – alles, was raschelt oder zum Kauen ist, ist verboten. Münchner Kammerspiele Münchens schönstes Theater. Ein Jugendstilbau an der Maximilianstraße. Da macht es tatsächlich Spaß, ein paar Minuten vor der Vorstellung zu kommen. Auch weil man die Farbkombination Orangerot-Grün-Blau wieder gerne ansieht. Neben dir in der Halle stehen mehrere kleine Gruppen zusammen, die Frauen mit einem Lieblingskleid über der Hose, bunten Perlenketten um den Hals und einem Tuch, gekonnt ins Haar gewickelt. Die Männer irgendwie kreativ, am Besten mit einem Label-Pulli aus der Hamburger Marktstraße – und wenn das der Kleiderschrank nicht hergibt, ist Schwarz angesagt. Denn hier halten sich Theaterleute von anderen Bühnen gerne auf und die erkennt man immer noch am Heiner-Müller-Look: ganz in Schwarz mit dicker Hornbrille. Die Adresse: Maximilianstr. 28 Dieser Satz geht immer: Du musst unbedingt über das Stück reden. Ein bisschen kritisch darfst du sein, doch bloß nicht zu sehr. Die Worte „Dekonstruktion“ und „entrückt“ und „postdramatisch“ solltest du mal fallen lassen. Wirkt immer. Den kennt hier jeder: Das Theater ist derart hip, dass eigentlich so gut wie jeder Schauspieler bekannt ist. Momentanes Sternchen ist natürlich Julia Jentsch. Das darf man nicht verpassen: Das Gute an den Kammerspielen – du kannst eigentlich wahllos eine Karte kaufen. Du musst es danach ohnehin gut finden. Und meist stimmt das ja auch. Vergleichbar mit: Café am Hochhaus Was kostet eine Karte: Vollzahler: 6 - 40 Euro, Studenten: 4 - 7,80 Euro Das gibt’s in der Pause: Das Übliche, Cola zu 2,50 Euro, Brötchen, Suppen und Salate zwischen 3 und 4,50 Euro. Außerdem gibt es einen tollen Bücherstand mit Programm- und Textheften. Residenztheater Wer einen Putzfimmel hat und am liebsten in einer klinisch reinen Isolierstation leben würde, ist hier genau richtig. Die weißen Marmorböden und Säulen sehen aus wie in einer Meister-Proper-Werbung, und vom ersten Stock kann man einen Laborblick hinunter ins Foyer werfen. Dort stehst du in der Pause, sprichst über Werktreue und all die Klassiker-Inszenierungen, die du selbstverständlich schon gesehen hast. Und du schwärmst für die wunderbaren Schauspielgrößen an diesem Haus. Nach dem Gong blätterst du noch einmal schnell in den Reclam-Text, in dem du vorher bereits die interessantesten Stellen markiert hast. Die Adresse: Max-Joseph-Platz 1 Dieser Satz geht immer: Wiederhole einfach, was der Dramaturg in der Einführung gesagt hat, denn das ist wirklich sehr schlau. Wenn du das vergessen hast, sag einfach: „Diese Figur steht irgendwo zwischen Antigone und Medea.“ Den kennt hier jeder: Dieter Dorn, Intendant und Altvater der Münchner Theaterszene. Und dann natürlich die Schauspielrige: Rolf Boysen, Sibylle Canonica, Thomas Holtzmann . . . Das darf man nicht verpassen: Ab 18. Februar inszeniert Franz Xaver Kroetz Servus Kabul von Drehbuchautor Jörg Graser, und im Mai kommt Gerhard Polt mit der Biermösl Blosn. Vergleichbar mit: Traumschiff Was kostet eine Karte: Vollzahler: 11 - 46 Euro, Studenten: 7 Euro Das gibt’s in der Pause: Theaterbar-Häppchen bis zu fünf Euro und beispielsweise Nicht-Alkoholika zu 2,50 Euro von Herrn Fleischmann, der ab Ende Januar den Wintergarten mit Blick auf den Max-Joseph-Platz nach den Vorstellungen bis Mitternacht bewirten will. Tolle Idee. Münchner Volkstheater Theater war dir bislang eher fremd gewesen. Du brauchst also ein Einsteigertheater. Voilà. Außerdem bist du Mutters beste Freundin und hast von ihr einen gemeinsamen Theaterbesuch geschenkt bekommen. Aber es ist dir peinlich. Du hasst ihre Sabine-Christiansen-Frisur und sie hasst deine Schlaghosen, die unten vom Laufen zerfranst sind. Außerdem gehst du grundsätzlich lieber mit deiner Freundin weg. Hier kannst du Freundin und Mutter ins Schlepptau nehmen. Fällt gar nicht auf. Über Männer gibt’s kaum etwas zu sagen, denn das hier ist überwiegend ein Frauentheater, meint der Barmann. Pärchen, sagt er, kommen eher beim „Brandner Kaspar“. Vor der Vorstellung gehst du in die Einführung des Regisseurs. Der sitzt, jung und blass, auf einem Stuhl in der Mitte, aber du hörst ihm nicht richtig zu, obwohl das, was er sagt, klug ist, sondern genießt den schönen, schwarzen Holzraum – die Probebühne. Die Adresse: Brienner Straße 50 Dieser Satz geht immer: „Das letzte Mal war’s ja echt gut, aber sowas von zu lang.“ Den kennt hier jeder: Christian Stückl. Der Intendant und Regisseur brachte eine Menge Theatererfahrung mit. Kein Wunder, denn als gebürtiger Oberammergauer ist er mit den Passionsspielen groß geworden. Das darf man nicht verpassen: Am 4. Februar ist die nächste Premiere: Woyzeck. Der Intendant inszeniert selbst. Im April ist wieder ein Radikal Jung Festival. Vergleichbar mit: Muffathalle Was kostet eine Karte: 12 - 25 Euro, mit dem „Abo Jung Ganz Vorn“ sind Einsparungen bis 40 Prozent möglich. Das gibt’s in der Pause: Brotkorb mit vegetarischen Aufstrichen vom Volksgarten, das billigste Getränk – Fanta, Cola, Wasser – kostet 2,50 Euro. Komödie Bayerischer Hof Oft kannst du dort nicht hingehen, weil zu viel Komödie letztlich schwer verdaulich ist. Die Besucher erinnern etwas an Monaco Franze und seine Freundinnen. Das Alter der Besucher entspricht dem Alter der Darsteller, meint Frau Wimmer von der Bar. Weil aber die Schauspieler eher alternde Fernsehpromis sind, bist du völlig fehl am Platz. Es sei denn, du hast gerade eine Bekanntschaft mit einem Grünwalder Nachwuchs gemacht. Nimm den kleinen Bruder deiner Flamme mit ins Theater, er wird dir im Kommmunionsanzug Champagner bestellen, zumindest, wenn du ihm vorher das Geld gegeben hast. Designertasche aus rosa Plastik und Perlenohrringe nicht vergessen. Für die Männer gilt: Gel, Gel, Gel. Die Adresse: Promenadeplatz 6 Dieser Satz geht immer: Du zeigst auf einen beliebigen Schauspieler auf einem der vielen Plakate, die im Foyer hängen, und sagst: „Mein Vater war mit einer befreundet, die einen Freund hatte, der mit dem da befreundet war.“ Den kennt hier jeder: Heiner Lauterbach, weil er dort gespielt hat, und Michaela May, weil sie so gern bei Frau Wimmer einen Orangensaft trinkt. Das darf man nicht verpassen: Ab dem 8. März kannst du Uschi Glas bei ihrem Comeback auf die Bühne erleben. Vielleicht wird das auch ein paar Promis aus der Klatschspalte an die Bar locken. Vergleichbar mit: Mallorca Was kostet eine Karte: Vollzahler: 19 - 157,50 Euro. Restkarten: 11 Euro Das gibt’s in der Pause: Champagner für neun Euro – das ist billiger als im Bayerischen Hof. Und Wasser oder Cola für 2,80 Euro. Theater Halle 7 Du träumst von den Brettern, die die Welt bedeuten. Da bist du hier genau richtig, denn auf der Bühne wie im Publikum sind fast alles Theaterleute. Du bist umgeben von Dramaturgen und Theaterleitern, also künftigen Arbeitgebern, und lernst auch gleich noch die Schattenseite des Berufes kennen. Denn das Theater wird von einem Verein betrieben, der vom Arbeitsamt gefördert wird. Arbeitslose Theaterleute sollen hier die Möglichkeit finden, sich zu präsentieren. Das passiert bisweilen auf hohem Niveau. Die Adresse: Waltherstr. 7a Dieser Satz geht immer: „Die eine sieht ein bisschen aus wie die Julia Jentsch.“ Den kennt hier jeder: Dirk Engler, Claus Peter Seifert und Mario Andersen. Das darf man nicht verpassen: Im Februar gibt es ein Festival für neue Dramatik: „Stück für Stück zum Glück“ – ein Theatermarathon im ganzen Haus. Vergleichbar mit: Uni-Cafeteria Was kostet eine Karte: Vollzahler: 13 Euro, ermäßigt: 6 - 8 Euro Das gibt’s in der Pause: Wenn man Glück hat, kochen die Theatermacher hier selber und zwar Gerichte, die zum Stück passen. Ein individueller Genuss. Text: Christina Maria Berr

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