Gut aufgelegt in der Schule

Lehrpläne erstellen, scratchen und Hausaufgaben abhören: Felix Gott ist DJ-Lehrer
michael-moorstedt

Auf den ersten Blick könnte die Einrichtung auch aus dem Nachlass einer Grundschule stammen. Knorrige Stühle aus braunem Holz, zerkratzt und mit ein paar Filzstiftflecken verziert. An dem Tisch davor sitzt Felix Gott, mit verschränkten Armen und weiter Hose und strahlt Autorität aus. Das ist nötig, denn Felix ist Lehrer. Auf den zweiten Blick fallen die Lautsprecher in den Zimmerecken und die vier Plattenspieler in der Mitte auf, das ist das Unterrichtsmaterial von Felix Gott. Gerade hört er zu. Der junge Mann, der ihm heute zum ersten Mal gegenübersitzt, berichtet davon, wie er durch Google auf die Idee gekommen ist, in einer DJ-Schule DJ zu werden. Er wolle, sagt der junge Mann in leicht stakkatohaftem Deutsch, „Pro werden, Geld damit verdienen“.

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Illustration: Julia Schubert

Felix Gott ist DJ-Lehrer und nun bittet er seinen angehenden Schüler zur ersten Hörprobe. Der Junge soll herausfinden, von welcher der beiden laufenden Platten die zu hörenden Beats stammen. Seine Antworten sind unbeholfen. Oft nur ein schüchternes Nicken, oft liegt er falsch. Aber den Kopfhörer halten, diese Pose kann er schon richtig gut: Kopf schräg, nur einen Hörer am Ohr. Fast wirkt es, wie vor dem Spiegel eingeübt. Die bunten Schilder an den Türen in dem Haidhauser Hinterhof verraten, dass hier vor allem Event- und Marketingagenturen ihren Sitz haben. Durch die Fenster im Erdgeschoss sieht man junge Menschen angestrengt in ihre iBooks blicken. Die leise Musik aber dringt aus den Fenstern der Vibra DJ-School, eine von 16 Filialen im ganzen Land. „Europas führende DJ-Schule“ steht auf dem Hochglanzflyer zusammen mit der Frage, ob man nicht den Wunsch hätte, die Leute zum Tanzen zu bringen? Davor kommt aber ganz normaler Schulalltag. „Lehrpläne erstellen, die Hausaufgaben abfragen und auf die Schüler eingehen“, all das, sagt Felix, gehört auch in der DJ-Schule zum Lehrerdasein. Ein Vokabular, das jede Kultusministerversammlung schmücken würde. Unter dem Alias DJ Stamina hat Felix bereits in den meisten Münchner Clubs aufgelegt. Muffathalle, Parkcafé, Backstage – nur ein kleiner Ausschnitt aus der Liste seiner ehemaligen Arbeitgeber. Über ein Praktikum ist er dann irgendwie in die Vibra DJ-School reingerutscht und hat, obwohl er erst 26 Jahre alt ist, keine Berührungsängste mit dem Lehrerdasein. Im Einzel- und Gruppenunterricht erklärt er seither die Physik des Plattenspielers, beschreibt wie Beats und Frequenzen aufgebaut sind, wie man Platten ihrem Tempo anpasst, im richtigen Moment überblendet oder scratcht. Von jeder dieser DJ-Grundlagen gibt es unzählige Varianten mit komplizierten Namen. Also erklärt Felix auch die richtige Aussprache. Fulltimejob DJ-Lehrer Als Zeitvertreib mit subkultureller Glaubwürdigkeit funktioniert das Auflegen auch nach seiner Hochkonjunktur in den 90er Jahren. Hinzugekommen sind heutzutage allerdings DJ-Fachkongresse, Hochschulen bieten Seminare über die Kultur des Diskjockeys an und an der Londoner Academy of Contemporary Music kann man ein DJ-Diplom absolvieren. In Deutschland ist die Arbeit an den Plattentellern jedoch kein anerkannter Ausbildungsberuf. Die mitzubringenden Voraussetzungen sind deswegen nicht genau definiert. Die Bundesagentur für Arbeit versuchte sich vor einiger Zeit an einer Einordnung. Demnach ist der DJ eine Fachkraft mit „vertieften Kenntnissen der jeweiligen Musikszene und den erforderlichen technischen Fähigkeiten, um Plattenmaschinen, Regeleinrichtungen und gegebenenfalls Steuerpulte bedienen zu können.“ Die DJ-Schule scheint trotzdem ihre Nische gefunden zu haben. „Für mich ist das ein Fulltimejob“, sagt Felix. Fünf Tage die Woche kommen unterschiedlichste Leute zu ihm. Die Jungs der späten MTV-Generation oder der Mann nahe des Rentenalters, der davon gehört hat, man könne „zwischen zwei Songs hin- und herschalten.“ Sie alle lassen sich nicht von den 90 Euro abschrecken, die man für vier Einzelstunden im Monat bezahlen muss.


Nur etwa zehn Millionen Euro Umsatz werden in Deutschland laut einer Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung mit altmodischen Plattenspielern gemacht. Das ist wenig im Vergleich zu den iPod-Zahlen. Aber die Industrie hat aus anderen Gründen ein Interesse an Nachwuchs. Der DJ als Popikone besitzt weiterhin enorme Strahlkraft. Da verwundert es nicht, dass neben den eigentlichen Herstellern von DJ-Equipment wie Vestax, Gemini oder Technics auch andere Firmen in der DJ-Kultur mitmischen. Coca-Cola beispielsweise, die mit der Aktion „Coke dj-culture“ den jungen Verbrauchern Lifestylekredibilität demonstrieren möchte.

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Illustration: Julia Schubert

In Haidhausen beginnt die nächste Schulstunde. Schüler Martin hat seine Hausaufgaben gemacht. „Das mit den Übergängen klappt jetzt besser“, sagt er. Lehrer Felix nickt anerkennend. Vor den großen Ferien waren Martin und seine zwei Freunde das letzte Mal im Unterricht. Ein knappes Jahr sind sie nun schon DJ-Schüler. Damals noch völlig unbedarft, haben sie inzwischen ihren ersten Club-Auftritt überstanden – und Selbstbewusstsein getankt. Widerworte gibt es nun häufiger als zu Beginn ihrer Ausbildung, gelernt wird dafür eher sporadisch. Die theoretischen Fragen, die Felix ihnen stellt, werden oft einfach ignoriert. Vielleicht liegt das aber auch an den unterschiedlichen musikalischen Geschmäckern. Obwohl er sich selbst als Hiphop-DJ begreift, kann Felix mit der gerade auf dem Plattenspieler laufenden Blackmusic wenig anfangen. Aber er verschafft sich Respekt, indem er selbst diesen leiernden Vocals aus dem Stand einen Mix entlockt, der Martin und seinen Freunden zeigen soll, „wo der Hammer hängt“, wie Felix sagt. Anders gesprochen: Der Lehrer demonstriert seine Fingerfertigkeit. Felix Hände wieseln ans Vinyl, an den Mixer, über die Regler, die Tonarme, den Kopfhörer und wieder zurück an die Platten. Ohne zu zögern, kein Griff geht daneben. Bald stehen den Schülern die Münder offen. Ihre Renitenz ist für die nächsten Minuten vergessen. Schon längst besitzt mancher DJ Superstarstatus. Bisher schafften es die meisten, sich mit Authentizität gegen das Abziehbildchen-Image ihrer Kollegen aus den Charts zu wehren. Doch schon bald werden die DJ-Schulen den ambitionierten Nachwuchs am laufenden Band liefern – knapp 50 Schüler unterrichtet allein Felix im Moment.

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Illustration: Julia Schubert

Er habe kein Problem damit, seine zukünftige Konkurrenz zu erziehen, sagt Felix am Ende der Stunde, während er den Verstärker abschaltet. In seinem Lehrerdasein ist er pragmatisch. Vielleicht heiligt ja der Zweck die Mittel, sagt er. Und dann: „Ich kann sie ja auch ein bisschen in die richtige Richtung schubsen.“ Sein in den letzten zehn Jahren mühsam angesammeltes Wissen, seine Tricks und Kniffe gegen Bezahlung zu vermitteln – Felix kommt das nicht komisch vor. „Die Schule verschafft mir ein gewisses finanzielles Polster, mit dem ich sorgenfrei meinen eigenen Kram verfolgen kann.“ Der eigene Kram, das ist für Felix vor allem die Musik. „Es klingt zwar abgedroschen, aber durch das Lehren lerne ich auch selbst etwas dazu“, sagt er, als er den Raum der DJ-Schule abschließt. Noch so ein Satz für die Kultusministerversammlung. Fotos: Michael Moorstedt

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