Gute Nacht, Freunde!

Von Deckenhöhle bis Gästezimmer: eine kurze Biografie des Fremdschlafens
max-scharnigg

Mit 7: Deckenhöhle beim Spielkameraden
  Okay, auf die Idee wärst du ja wirklich nie gekommen – woanders schlafen als deine Eltern! Aber dein BMX-Kumpel Andi hat das am Spielplatz aufgebracht und dann hast du deine Mutter so lange genervt, bis klar war: Am nächsten Freitag darfst du bei Rochlitzers übernachten. Am Nachmittag wirst du abgeliefert und deine Mutter hat nicht nur eine riesige Tasche für dich gepackt, sondern steckt der Andi-Mama nicht nur dein Kuscheltier sondern auch jede Menge Infos über dich zu: Wie deine Asthma-Anfälle ablaufen, wie oft du nachts aufs Klo musst und was du nicht essen darfst. Na, egal, jetzt wird ja erstmal wahnsinnig super gespielt, solange bis du merkst, dass andere Dinge eigentlich viel spannender sind: dass Andi ein echtes Mädchen als Schwester hat zum Beispiel und sein Vater Bier aus der Flasche trinkt. Außerdem wird hier gebetet und es gibt keine Gutenachtgeschichte, alles riecht so seltsam und es gibt ein Klavier. Weil ihr in eurer fabelhaften Deckenhöhle versehentlich auch den Kaschmirschal von Andis Mama eingebaut habt, wird es kurz sehr ungemütlich. Dann aber müsst ihr mindestens noch zwei Stunden kichern und funzelt mit der Taschenlampe rum, bis du auf einmal kotzen musst, weil du noch nie Käsebrot und Punica zum Abendessen bekommen hast. Zwei Stunden später bist du wieder in deinem eigenen Bett, abgeholt von den Eltern. Aber für einen ersten Eindruck vom Leben der anderen hat es schon gereicht.
 
  Mit 13:   Die wilde Übernachtungsparty
  Das ist bald klar: Es gibt Partys, die um elf zu Ende sein müssen und es gibt Partys, wo der Inner Circle übernachten darf und nach denen die unfassbarsten Gerüchte durchs Klassenzimmer wabern. Meistens finden die bei dem Typen aus deiner Klasse statt, der so weit woanders wohnt, dass es einfach besser ist, gleich zu übernachten. So versuchst du es zumindest deinen Eltern beizubringen, die sich überrascht zeigen, angesichts von soviel Umsicht. Dann musst du nur noch ein bisschen lügen, zum Beispiel, wenn es darum geht, ob die beiden als „schlechter Umgang“ eingestuften Typen auch dabei sind oder ob überhaupt auch Mädchen kommen. „Glaub’ nich“ murmelst du und denkst: „Hoffentlich!“ Die Party selber krankt dann ein wenig daran, dass alle auf das Übernachten hinfiebern und warten, bis die bemitleidenswerten Kandidaten weg sind, die doch noch abgeholt werden. Aber dann: Süßes Zeug trinken und mit Kennermiene aufs Etikett gucken, konspirative Radiohits hören, Erdnussflips-Schlacht anzetteln und endlich den Aufbau einer Matratzenlandschaft vorantreiben, bei der der richtige Platz ewigen Klassenruhm bedeuten könnte. Denn natürlich sind auch Mädchen da. Und natürlich knutschen Flori und Jana auf einmal total wild in der Ecke. Und natürlich passieren im Licht der Lavalampe bis in den Morgen die aufregendsten Sachen. Nur dir nicht, weil du dann doch einfach eingeschlafen bist. Aber immerhin sind Flori und Jana jetzt zusammen und Tobi hat so sauwitzige Fotos von Tilly gemacht und du warst ganz nah dabei, als das passiert ist. Für ein bisschen Ruhm reicht das immer noch.
 

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Illustration: Julia Schubert



  Mit 17: Das erste Mal nachts bei der Freundin
  Wahnsinn, wie verliebt du bist und wie ernsthaft. Natürlich wirst du auch bei Svenja übernachten, was für eine Frage. Nein, ihre Eltern haben nichts dagegen und schließlich seid ihr beide schon 17, also bitte. Irgendwie geht dir dein stolzer Liebesmut aber flöten, als du vor dem Salzteig-Türschild stehst, das deine Zukünftige mit fünf Jahren angefertigt hat. Ihre Eltern sind aber wirklich locker, sieht man mal davon ab, dass du zwei Stunden Kaffeetrinken musst, dann beim Abendessen helfen und schließlich erwartet wird, dass ihr eine Runde Familien-Mikado mitspielt. Wobei allerdings alle Beteiligten so nervös sind, dass die Punktestände lange einstellig bleiben. Schließlich musst du sehr viel gähnen, obwohl es erst halb zehn ist und nach einigen komplizierten Verbeugungen verschwindet ihr endlich auf die Insel der Liebenden in den ersten Stock. Der Sex, den ihr später hier habt, ist aber derart unentspannt (O-Ton: „Psst, sei mal kurz still!“), dass ihr euch fortan immer nur noch dann Übernacht-Besuche abstattet, wenn das Haus wirklich leer ist.
 
  Mit 20:  Besuch in der WG des Kumpels
  Auf einmal sind alle weg und irgendwo verstreut, zwischen Passau und Paraguay. Klar habt ihr euch geschworen, euch ständig zu besuchen. (O-Ton: „Pflicht, Alter!“) Streng genommen klappt es aber erst nach über einem Jahr, dass du mal in Bamberg bei deinem besten Freund in seiner WG vorbeischaust. Dort stellst du fest, dass er inzwischen vier neue beste Freunde hat, die alle mit roten Augen um einen Couchtisch herumliegen, auf dem sich ein kokelndes Panorama aus Aschenbechern, Playstation-Controllern, Drumsticks und Uni-Unterlagen erstreckt. Yeah, denkst du. Zumindest, bis du erfährst, dass du unter diesem Couchtisch schlafen sollst. Der Besuch wird sehr zäh, weil ihr nichts anderes macht als auf kaputten Gartenplastikstühlen zu sitzen und über WG-Parties zu reden, auf denen du nicht dabei warst. Dabei müsst ihr sehr stark rauchen und später ein bisschen über Kommunismus streiten. Schließlich versucht ihr noch am Computer einen Song aufzunehmen, aber es fehlt irgendein Kabel. Egal. Der Intercity zurück mit seiner ollen Techno-Möblierung kommt dir nach diesen zwei Tagen jedenfalls sehr zivilisiert vor.
 
  Mit 27:  Die unwillkommene Übernachtung
  Mittlerweile ist jeder irgendwo angekommen und hat nicht nur eine Wohnung, sondern auch kaum mehr Wochenendfreizeit. Spontaner Besuch wird nicht mehr gerne gesehen, weil eben auch Partner und Hundesitter zu koordinieren sind, bei manchen gibt es sogar schon eine Work-Life-Balance. Umso hilfloser bist du, als Jens anruft, mit dem du Zivi gemacht hast und verkündet, dass er es mit seiner Freundin endlich mal wieder nach München schafft. Und da wäre es doch geil, findet Jens, wenn sie gleich bei dir pennen könnten, wegen der alten Zeiten und weil ihr ja bestimmt soviel zu bequatschen hättet. Das findest du nicht schlecht, „aber . . . “ sagst du und überlegst eilig, was hinter diesem „aber“ kommen könnte, um dieses Vorhaben zuverlässig zu vereiteln. Schließlich hast du keine Lust mehr, deine eineinhalb Zimmer mit zwei Menschen zu teilen, von denen zumindest der eine fast zwei Meter groß ist und seine Haare mit bedenklichen Haargummis bändigt. Du beschließt also die schlechteste Notlüge aller Zeiten und sagst, dass du dieses Wochenende leider selber schon äh, unterwegs bist zu einem Kumpel in einer anderen Stadt, äh, Bern, ja genau. „Schade“, sagt Jens, „aber dann kannst du mir ja vielleicht den Schlüssel verstecken, dann könnten wir trotzdem bei dir pennen, wäre echt super.“ Dagegen kannst du wirklich nichts sagen, deswegen wird das dann das Wochenende, an dem Jens mit seiner Freundin in deiner Wohnung ein Fass aufmacht, während du deinen Eltern einen spontanen Besuch abstattest.
 

Mit 30: Man logiert auswärts
  Das wird jetzt so Mode: Alle heiraten und um daran teilzuhaben, quartiert man sich, natürlich, im Hotel vor Ort ein. Und sei es nur, um nicht bei irgendwelchen Verwandten untergebracht zu werden. Weil du aber ohnehin in ein Alter kommst, in dem du saubere Duschen, ein richtiges Bett und ein Frühstücksei am Morgen zu schätzen beginnst, wählst du auch jenseits von Hochzeiten diese Variante, wenn du Freunde besuchst. Das heißt, du fährst ja jetzt ohnehin nicht mehr zu Chris oder Meike als Selbstzweck, sondern du „musst“ eben unbedingt mal wieder nach Paris und London. Dort triffst du dann deine Freunde in Cafés und Bars, die danach ausgewählt wurden, ob sie etwa in der Mitte zwischen deinem Hotel und ihrer Wohnung liegen. Ihr haltet einen zweistündigen Plausch, der sich vorwiegend aus „Weißt du noch?“-Anekdoten und ein bisschen „Und sonst so?“ bestückt, bis du nervös wirst, weil du ja gleich noch einen ehemaligen Arbeitskollegen treffen musst. Zum Abschied fragst du deinen alten Freund: „Und, wo musst du jetzt hin?“ Dabei fällt euch auf, dass du ihn noch nie in seiner Wohnung besucht hast und streng genommen keine Ahnung mehr von seinem Leben hast. Bevor ihr darüber unglücklich werdet, rettet euch eine tröstende Vision: Endlich doch das eigene Haus bauen. Mit Gästezimmer! Dann könntest du jederzeit vorbeischauen.


Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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