Gute Nacht, wo immer du auch bist

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Ich weiß deinen Chat-Namen nicht mehr, aber dein echter Name war Linda – und ist es wohl immer noch. Ich war vielleicht 15 und du ein paar Jahre älter, als ich dich irgendwo im Internet getroffen habe, wahrscheinlich in einer dieser Punkrock-Emo-Hardcore-Communitys, in denen ich mich damals herumtrieb. Wir haben anfangs viel über Musik gesprochen, dafür ist das Internet ja auch da, wenn man jung ist: mit irgendwelchen Leuten, die man nicht kennt, über irgendwelche Musik zu reden. Aber mit uns, das war dann doch anders. Wir haben viel geredet und ich habe viel von dir gelernt. Marcus Wiebusch hatte damals gerade eine Band mit dem Namen Kettcar gegründet und du hast mir ihre erste EP geschickt, und als ich begeistert war wie es wohl nur 15-jährige sein können, hast du mir auch von ...But Alive erzählt und mich mit tausend anderen Bands munitioniert, die ich noch Jahre später innig geliebt habe. Und wir haben nicht nur über Musik gesprochen, sondern über so gut wie alles, Schule, meine erste Freundin, deinen Freund, Sex. Du warst ein wenig wie die Gruppenleiterin im Sommerferiencamp, die man auf diese ganz besondere Art bewundert und in die man auch ein bisschen verknallt ist. Ja, das ist der übliche Jugendbiographienschmonz, den jeder noch Hans-Guck-in-die-Luft erzählen kann. Aber das ändert nichts daran, dass ich dir heute noch dankbar bin. Ich glaube, ohne dich wäre ich jetzt nicht so, wie ich bin – und damit meine ich nicht den blöden Teil von mir, den ich ganz gerne los wäre, sondern den Teil, der eigentlich ganz gut ist.

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Illustration: Julia Schubert


  Irgendwann bist du dann nicht mehr so oft online gewesen und schließlich dann gar nicht mehr und ich kam auch dann ohne dich zurecht. In den vergangenen Tagen musste ich aber wieder an dich denken – zwischen Weihnachten und Neujahr, der Zeit im Jahr, in der man die alten Freunde, Bekannten, Klassenkameraden, Weggefährten wiedergetroffen hat, weil sie sich in der Heimat zusammenscharen. Man hat sie nie so ganz aus den Augen verloren, weil man sich in einer der drei Kleinstadtkneipen von früher dann doch irgendwann über den Weg läuft. Aber dir laufe ich nicht über den Weg. Klar, du kommst nicht aus der gleichen Stadt wie ich. Ich weiß ja nicht einmal mehr, aus welcher Stadt du kommst oder auch nur, wie du mit Nachnamen heißt. Aber trotzdem fand ich das auf einmal seltsam: Auch wenn wir nicht auf die gleiche Schule gegangen sind oder im gleichen Turnverein waren, unsere Freundschaft existierte im Internet, sie war sogar ganz eng verschlungen mit ihm. Und über das Internet sagen die Leute viel, und ganz oft sagen sie: Es sorgt dafür, dass sich keiner mehr aus den Augen verliert, weil jeder seine alten Bekannten googlet oder ihre Statusupdates kommentiert. Vielleicht mag es am vielen Wiedersehensbier in der Kleinstadtkneipe gelegen haben, aber mich hat diese Paradoxie dann in den Bann geschlagen: dass wir uns trotzdem aus den Augen verloren haben, obwohl doch gerade unsere Freundschaft nur in diesem „Nicht aus den Augen verlier Medium“-Internet bestand. 

  Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir uns in einem alten Internetzeitalter trafen, noch bevor der Siegeszug der großen, allumfassenden Social Communities wie Facebook begann. Würden wir uns heute treffen, wüsste ich vielleicht in zehn Jahren noch deinen Nachnamen und würde manchmal ein Video liken, das du gepostet hast. Vielleicht ist es aber auch einfach eine gute Ecke zu kurz gedacht, wenn die Leute sagen, das Internet habe das Aus-den-Augen-Verlieren abgeschafft. Klar, es hat es für die analogen Bekanntschaften minimiert, aber ich glaube, das Internet streicht nichts ersatzlos. Es hat uns nämlich gleichzeitig auch digitale Bekannschaften wie dich ermöglicht – und die kann man immer noch genauso gut aus den Augen verlieren wie einen Freund in den Kriegswirren eines kalten Winters im letzten Jahrhundert. Oder, um einen vielleicht etwas passenderen Vergeich zu wählen: wie ein Sommerferiencampteilnehmer seine Gruppenleiterin.

  Woran das liegt, dass ausgerechnet unsere digitalen Freundschaften nicht ausreichend vom digitalen Im-Auge-Behalten beschützt wurden, das müssen die Soziologen und Küchenpsychologen erforschen, ich weiß es nicht genau. Es hat wohl mit dieser ganz speziellen Mischung aus Intimität und Anonymität zu tun, die sich dort entwickelt. Manchmal gibt man dem Online-Freund nicht einmal seinen Namen preis und ist doch ein Freund. Und selbst wenn man die klassischen Identifikationskriterien offenlegt, dann sind Onlinefreunde im Freundschaftsnetzwerk immer noch ein isolierter Knotenpunkt, ungeschützt vor den Wogen der Zeit. Da ist kein gemeinsamer Bekannter, auf dessen Geburtstag man sich wiedertrifft. Es gibt kein Wiedersehen in der Weihnachtszeit. Solange jedenfalls, wie sich nicht neben dem weihnachtlichen Besuch in der alten Stammkneipe aus Schultagen auch die Tradition etabliert, sich zwischen den Jahren noch einmal in all den alten Foren und Communitys einzuloggen, in denen man sich früher herumtrieb. Vielleicht hat auch die Technik ihr eigenes Vergessen: Ließe sich ICQ auf meinem alten PC noch starten, könnte ich sicher in unseren gespeicherten Chatprotokollen noch vieles über dich herausfinden. Aber der alte PC tut es nicht mehr so richtig, und so muss ich mich auf die vagen Erinnerungen verlassen, die ich noch habe – und das sind zu wenige, um dich irgendwo ausfindig zu machen. 

  Oft reden die Leute sogar mit Bedauern darüber, wie unvermeidlich man durch das Internet miteinander in Kontakt bleibt. Sie schätzen vermutlich die alte Kulturtechnik des Sich-aus-den-Augen-Verlierens und sehen sie bedroht von der neuen Zeit. Denen mag unser Beispiel ein Trost sein: Wo das Internet nimmt, da gibt es auch immer, und sei es nur den Umstand, dass man irgendwen immer aus den Augen verlieren kann. Ich hoffe, die Kulturpessimisten verzeihen mir, dass ich mich in unserem Fall trotzdem nicht so richtig darüber freuen kann.
  In der Zeit, als wir noch voneinander hörten (oder vielmehr lasen), da hat irgendwann meine Freundin mit mir Schluss gemacht hat und auch dein Freund mit dir. Wir haben dann etwas besonders Schmonzettiges getan: Wir hielten uns für Marcus Wiebuschs und schrieben uns gegenseitig Durchhalte-Songtexte aus Gesprächsfetzen unserer Chats – was mir nicht besonders schwer fiel, denn ich hatte ein ganzes Notizbuch voll mit Dingen, die du gesagt hast. Mein Text war natürlich viel schlechter als deiner und ihn hier wiederzugeben, würde mich auf der Stelle vor Scham implodieren lassen. Aber eine Sache muss ich trotzdem erwähnen, weil ich mich in der Kleinstadtkneipe mit Andacht daran erinnere: Ich habe dich darin zitiert, wie du einmal Alf zitiert hast (was du oft getan hast). Du hast mir erzählt, wie er einmal am Fenster steht, seine alten Freunde von Melmac vermisst und in den Sternenhimmel sagt: „Gute Nacht ihr da draußen, wo auch immer ihr seid.“ 

  Vielleicht erinnerst du dich ja an mich und schickst mir noch mal eine Nachricht. Ich könnte eine Feriencamp-Gruppenleiterin immer noch gut gebrauchen und hätte sicher immer noch viel zu lernen von dir. Vielleicht erinnerst du dich auch nicht oder hast keine Lust, mir zu schreiben, weil die Kulturpessimisten recht haben, und sich aus den Augen zu verlieren hin und wieder das Richtige ist. „You bought a seasonticket and now it’s over“, hast du schließlich auch damals in deinen Songtext geschrieben. In dem Fall lass mich dir dann noch antworten: Gute Nacht du da draußen, wo auch immer du bist.



Text: lars-weisbrod - Foto: dpa

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