"Hammerhart, Alter!"

Tuncay wurde in Deutschland geboren, doch der Staat hat ihn aussortiert und in die Türkei geschickt. Der Filmemacher Murat Aydin hat sich nach zwanzig Jahren auf die Suche nach seinem abgeschobenen Freund gemacht.
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Ümit zum Beispiel, blieb im Auto. Das war sein Glück. Er war nicht dabei, als Tuncay und seine Kumpels damals in einem Tante-Emma-Laden 54 Mark erbeuteten und dabei einer eine Waffe zog. Er hat auch nicht, wie Tuncay, einmal den Kopf eines Menschen mehrmals gegen eine Motorhaube geschlagen. Ümit darf daher noch in der Stadt wohnen, in der Tuncay und er geboren sind. Wo sie sich einst täglich auf dem Rathausplatz trafen und herumhingen. „Hast du das nie gemerkt, dass ich nie nach Hause wollte?“, fragt Tuncay Jahre später. Heute würde er gern nach Hause, nach Ingolstadt. Einfach mal die Stadt sehen, in der er geboren wurde, in der er aufgewachsen, zur Schule gegangen ist. Aber Tuncay darf nicht mehr nach Bayern, nicht nach Deutschland, der Staat hat ihn aussortiert. 1994 war es so weit, man setzte ihn in ein Flugzeug in die Türkei, ein Land, das ihm bis dahin nur von ein, zwei Urlaubsreisen bekannt war. Türkisch sprach er kaum. „Da hätten sie mich gleich nach Marokko abschieben können.“

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Illustration: Julia Schubert



  Bis Tuncay seine Sicht auf seine Abschiebung noch einmal erklären darf, vergehen zwanzig Jahre. In denen seine Kumpels in Ingolstadt immer wieder an ihn gedacht haben, sagen sie, aber keiner ihn je besucht hat. Einer von ihnen, Murat Aydin, wollte das endlich ändern. Also hat er sich auf die Suche nach seinem ausgewiesenen Kumpel gemacht und darüber einen Film gedreht. Er heißt „Krähen- und Kalifenjahre“ und läuft demnächst auf der türkischen Filmwoche in Berlin.

  Seine Suche beginnt in Ingolstadt. In einem Fachwerkhaus, an einer Sitzgruppe im Landhausstil. Es sitzt die alte Clique zusammen. Jener Ümit, der beim Überfall auf den Tante Emma Laden dabei war, aber nur im Auto saß. Kemal, der heute zwei Kinder hat und geschieden ist. Michaela, die Jugendfreundin von Tuncay. Sie packt Briefe von ihm aus, fast 20 Jahre alt. Der damals 17-Jährige schreibt: „Hier in der Türkei, geht es auch nicht schlecht zu. Aber in Deutschland möchte ich doch wieder bald sein. Weißt du noch, als wir jeden Tag auf dem Rathausplatz getroffen haben und endsviel Spaß hatten? Das war schon eine schöne Zeit.“ Der Brief endet so: „Vergiss mich nicht.“
  Michaela schrieb damals noch zurück. Von seinen Kumpels bekam Tuncay, wie er sagt, dagegen keine Briefe aus Deutschland. Irgendwann schickte er auch keine mehr hin. „Eigentlich sollte Freundschaft da sein“, wird er später sagen. „Aber ihr braucht mich nicht. Ich brauche euch nicht.“

  Murat Aydin ist Schauspieler geworden. In der Serie „Marienhof“ hat er vor zehn Jahren mal in einer Staffel mitgespielt. Daher kennen ihn einige, auch sonst hat er viel in Serien mitgewirkt. An den Münchner Kammerspielen war er in „Mia san Murat“ zu sehen. „Krähen- und Kalifenjahre“ – seinen ersten Film in Kinoformat – hat der 39-Jährige mit der Regisseurin Svenja Klüh produziert. Er hat sie bei einem Nebenjob kennengelernt. Vor sechs Jahren arbeiteten beide beim Münchner Filmfest hinter den Kulissen. Er brachte Filmrollen zu den Kinos, sie prüfte vor den Vorführungen am Schneidetisch, ob die Kopien auch in Ordnung sind. Sie fanden sich sympathisch, trafen sich in einem Café. Dort erzählte Murat ihr von seiner Idee, seinen alten Freund Tuncay zu suchen.
  Svenja Klüh war da noch mitten im Studium, an der Hochschule für Film und Fernsehen München, der HFF. Die beiden hatten Glück. Ihr Treatment gewann bei einem Wettbewerb des Bayerischen Rundfunks und Telepool den dritten Platz. Der BR ist in die Finanzierung eingestiegen. Beide gründeten dann noch Jamurfilm, ihre eigene Firma, um den Film auch ganz eigenständig zur produzieren.

  Für Murat war es ein sehr persönliches Projekt. Nicht nur deshalb, weil Tuncay sein Kumpel ist. Murat war selbst drei Jahre alt, als er nach Ingolstadt kam oder wie er es formuliert: aus Istanbul nach Bayern verpflanzt wurde. Sein Vater hatte einen Job in einer Fabrik in Ingolstadt angenommen. Frau und Kinder holte er nach. Seinem Kind machte er immer wieder klar, dass die Familie hier in einem „fremden Land“ lebe. Was das bedeutet, hat sich Murat nie so richtig erschlossen. Ist seine Heimat also doch die Türkei? In dem Film will er sich auch ein wenig selbst helfen, das herauszufinden.
  Was ist Heimat? Diese Frage stellen sich alle, die in dem Film zu Wort kommen. Jeder sucht einen Weg, sie zu beantworten, aber allesamt treibt diese Frage um. Man bekommt den Eindruck, sie macht die Gastarbeiterkinder zu einem guten Stück zu den Personen, die sie sind.

  Murat ist nicht zufällig in seinem Beruf als Schauspieler ständig jemand anderes. Er wollte nie sein wie sein Vater, der Gastarbeiter, der in einer Gießerei malocht. Er wollte in andere Hüllen schlüpfen. Im realen Leben ist er so gut darin, dass ihn niemand ernsthaft für einen gebürtigen Türken halten könnte. Murat sieht aus, wie man eben aussieht, wenn man zwischen 25 und 40 Jahre alt ist, in der Großstadt wohnt und in einer Kreativbranche arbeitet. Jeans, Sneakers, T-Shirt. Kurze braune Haare, natürlich ohne Gel.
  Nicht immer hat das so gut hingehauen. „Es ist ja nicht so, dass wir immer akzeptiert wurden“, sagt er. Lali, noch ein Mitglied der früheren Jugendclique, drückt sich weniger diplomatisch aus. Er erzählt im Ingolstadter Freibad eine Geschichte. Einige der Jungs wollten mit 16 hoch hinaus. Sie machten Fotos, mit der fixen Idee, ins Modelgeschäft einzusteigen. Sie sind nach München gefahren und haben sich bei einer Agentur präsentiert. „Dann hat die Frau gesagt: Dunkle Leute, keine Chance. Der Markt ist eher weißorientiert.“ Es sind diese kleine Geschichten, die den Film so stark machen. Es ist natürlich leicht dahin gesagt, dass sich Migranten anpassen müssen. Aber die subtile Herablassung, mit der sie täglich konfrontiert werden, macht man sich allzu oft nicht bewusst.

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Illustration: Julia Schubert


  Murat findet seinen einstmals besten Freund Tuncay schließlich im Internet, über „Stayfriends“. Er schreibt ihn unter falschem Namen an, gibt sich als ein gemeinsamer Freund aus. Dann schickt er erst mal das Filmteam vor, Tuncay soll nichts von seiner Ankunft erfahren.
Tuncay kauert auf einer Mauer, am Meer, in der Nähe von Antalya. Svenja hat ihn unter einem Vorwand vor die Kamera gelockt. Er posiert – soweit wurde es ihm gesagt – für eine Dokumentation über Deutsche in der Türkei. Dann tritt plötzlich sein ehemals bester Freund Murat dazu. Tuncay reagiert irritiert.
„Bist du nicht mehr in Deutschland? Bist du hier in der Türkei?“
„Nein, ich bin in Deutschland.“
„Dann bist jetzt momentan auf Urlaub da?“
„Nein, ich bin wegen dir da.“
„Hammerhart, Alter.“

  Beide sind aber schon lange nicht mehr die, die sie einmal waren. Wenn sie zusammensitzen, auf der Mauer, wirkt es fast so, als spräche da ein Mittdreißiger aus Deutschland mit einem alten Mann. Tuncay hat tiefe Furchen auf der Stirn, die Haare voll Gel und zurückgekämmt. Er trägt ein graues Hemd, schwarze Lederschuhe. Immerhin, er hat sich einen Platz in der Türkei erkämpft. Er hat ein Büro am Flughafen und betreut deutsche und russische Touristen, bringt sie zum Flieger. Sogar für ein kleines Häuschen reicht es.

  Murat hat ihn nun schon häufiger besucht. Der Kontakt zwischen beiden soll nicht wieder abreißen. So ganz kann sich Murat noch immer nicht erklären, warum er eigentlich sauber durchgekommen ist, Schule, Studium, Job. Und warum sein Freund Tuncay beim deutschen Staat irgendwann nicht mehr erwünscht war. „Der Tuncay hat nach außen gekämpft und sich immer wieder Feindbilder geschaffen. Ich hab eher versucht, es mit mir selbst auszumachen. Wir leben eben in zwei Welten. Das hat jeder versucht auf seine Weise zu lösen.“

Der Film „Krähen und Kalifenjahre“ läuft am 22. April auf dem türkischen Filmfest in Berlin und im Sommer im Bayerischen Rundfunk.

Text: fabian-mader - Fotos: Jamurfilm

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