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Würden die beiden heute noch im Irak leben, hätten sie vermutlich nichts miteinander zu tun: Bashar, der schiitische Araber aus Bagdad und Rebar, der sunnitische Kurde aus dem Nordirak. Doch als sie sich im April 2003 kennen lernten, hatten sie viel gemeinsam. Beide waren mit ihren Eltern vor Saddam Hussein geflohen und lebten jetzt im Münchner Stadtteil Moosach. Beide waren Ausnahmeerscheinungen, Flüchtlingskinder, die es nach kurzer Zeit in Deutschland auf ein Gymnasium geschafft hatten. Das einzige Problem war der Krieg. Über ihn waren sie sich alles andere als einig. Schlachthofviertel, ein Abend Anfang April. Es zieht ein bisschen im Café Marat in der Thalkirchnerstraße. Bashar und Rebar wirken in ihren modischen Klamotten und mit ihren Frisuren im Beckham-Stil etwas deplatziert zwischen den abgenutzten Sofas und vollgesprühten Wänden des Café Marat, einem bekannten Treff der Linken. Hier wollen sie die letzten Vorbereitungen für ihre erste gemeinsame politische Aktion treffen: eine Demonstration für die Rechte irakischer Flüchtlinge in Bayern. Was bleibt, ist die Tat Bashar ist 22 Jahre alt, schlaksig und sitzt auf dem Boden. Während sich Rebar mit der Beschriftung von Transparenten beschäftigt, holt Bashar im Gespräch erstmal aus, zitiert Kant und Trotzki. Seit kurzem ist er an der Ludwigs-Maximilians-Universität immatrikuliert – für Zahnmedizin. „Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert. Aber was bleibt, ist die Tat“, sagt er gerne. Bashar verbrachte eine glückliche Kindheit in Bagdad. 1997 floh sein Vater, ein politischer Gegner Saddams, aus dem Gefängnis und danach mit Frau und Sohn über die Türkei nach Deutschland. Die Familie erhielt das so genannte „Kleine Asyl“: eine befristete Aufenthaltserlaubnis und einen Flüchtlingspass. Bashars Familie kam nach München; hier besuchte er die Übergangsklasse für Einwanderer an einer Hauptschule. Dann wollte er den Übertritt aufs Gymnasium wagen. Doch seine Lehrerin war dagegen. „Sie sagte: Du schaffst das nicht, dein Deutsch ist zu schlecht.“ Bashar fand erst am Moosacher Gymnasium einen Direktor, der bereit war, ihm eine Chance zu geben. Anderthalb Jahre lang absolvierte er eine Probezeit, bis er regulär eingestuft wurde. „Ich habe hauptsächlich gute Erfahrungen gemacht an dieser Schule. Ich hatte Glück, denn ohne die Lehrer und ihre Unterstützung hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft“, sagt Bashar. Nur eine unangenehme Erinnerung hat er. Kurz nach dem 11. September 2001 sollte die gesamte Klasse einen USA-Austausch machen. Die Mutter eines Klassenkameraden kam auf ihn zu und meinte, er solle sich doch bitte gut überlegen, ob er wirklich mitfahren wolle. „Sie passen nicht ins Konzept, hat sie zu mir gesagt!“ Zuhause blieb er schließlich, weil das amerikanische Konsulat ihm das Visum verweigert hatte. Und dann, Bashar war 18 und ging in die zehnte Klasse, kündigten die USA ihre Invasion im Irak an. „Ich bin sofort aktiv geworden“, sagt er. „Überall habe ich Protestplakate aufgehängt, die Nein-zum-Krieg-Poster.“ Bashar ist bis heute stolz auf seinen 21. März 2003, den Tag, an dem der Krieg ausbrach. Mit allen seinen Freunden zog er bei einer Schülerdemonstration zum Marienplatz. „Dann bin ich ins Rathaus gelaufen und habe es irgendwie auf den Balkon geschafft“, erzählt er und grinst dabei von einem Ohr zum anderen. „Ich habe meine irakische Nationalfahne ausgepackt und aus dem Rathaus gewunken. Die Leute auf dem Platz waren begeistert.“


Für Rebar hatte der Krieg im Irak ganz anders angefangen. „Ich war total für den Angriff der Alliierten“, erzählt er. „Es hat mich gefreut, dass endlich etwas unternommen wurde gegen diesen furchtbaren Diktator. In der Klasse wurde natürlich viel diskutiert und ganz besonders laut schimpfte Bashar. Ich habe bloß gedacht, mein Gott, was will der verdammte Faschist!“ Der 21-Jährige lacht kurz auf, so als könnte er sich selbst kaum glauben. „Meine Meinung hat sich mittlerweile ziemlich geändert. Es ist immer dasselbe mit uns Kurden. Das ist jetzt schon das dritte oder vierte Mal, dass wir herein gelegt wurden.“ Rebar nimmt sich Zeit, bevor er etwas sagt. Er hat Sport und Chemie im Leistungskurs und ein Handy, das ständig summt und piepst. Rebar stammt aus Kirkuk im Nordirak, einer Region, die wegen ihres hohen Kurdenanteils besonders unter der Diktatur Saddams litt. Sein Vater leitete ein Speditionsunternehmen. Anfang 2001 fanden Polizisten Waffen in einem seiner Laster. „Ich glaube ein paar Dutzend Kalaschnikows“, sagt Rebar und bleibt dabei so gelassen, als spräche er von einer Ladung Hühner. „Mein Vater hatte damit nichts zu tun, Geschäftspartner müssen die Waffen hinein geschmuggelt haben.“ Der Fahrer des LKWs wurde zum Tode verurteilt. Weil Rebars Vater dasselbe Schicksal drohte, verließ die Familie das Land und kam nach München. „Die Flucht war der Horror“, erinnert sich Rebar. „Meine Mutter war im neunten Monat schwanger und wir mussten Hals über Kopf fliehen.“ In Deutschland erhielt die Familie Asyl. Rebar machte einen Deutschkurs. 2003 bekam auch er seine Chance am Moosacher Gymnasium. „Der Direktor meinte, wir haben ja schon einen Iraker, der kann dir helfen. Also steckte er mich zu Bashar in die Klasse.“ Bashar erinnert sich: „Es gab so viele Dinge, die wir teilten. Da war es selbstverständlich, dass wir miteinander reden und uns gegenseitig helfen.“ Doch als die Amerikaner die Autonomie Kirkuks verhinderten, ist auch Rebar zu einem überzeugten Kriegsgegner geworden. Vor allem, wenn er an seine Verwandten denkt. „Fast meine ganze Familie ist noch dort“, erzählt er. „Sie rufen an und sagen: Bitte schickt uns Medikamente, hier gibt es nichts. Oder meine Tante erzählt am Telefon, sie lässt ihr Kind seit einem Monat nicht mehr in die Schule gehen, weil sie Angst hat, dass es von einer Bombe zerfetzt oder entführt wird.“ Das Glück ist eine Verpflichtung Auch Bashars Familie leidet sehr unter dem Krieg. Er hat einen Onkel verloren, der als Pfleger arbeitete. „Eines Tages kamen Männer in die Klinik und haben angefangen, wahllos um sich zu schießen. Er war jung, Ende 20 und frisch verheiratet. Sie haben ihn einfach so erschossen, in einem Krankenhaus. Das muss man sich mal vorstellen.“ In Bagdad hat Bashar mittlerweile keine Verwandten mehr, sie sind alle geflüchtet. Wenn er an den Irak denkt, sagt er, werden die Schmerzen manchmal so groß, dass er am liebsten aufhören würde, sich damit zu beschäftigen. „Aber ich kann nicht anders. Denn noch schlimmer als die Trauer ist das Gefühl der Ohnmacht.“ Deswegen liest er jeden Tag deutsche Zeitungen, irakische Medien im Internet und schaut Al-Dschasira im Fernsehen. Und deswegen hat er sich für ein medizinisches Studium entschieden. „Ich habe solches Glück gehabt: Dass ich hier sein kann, dass ich hier aufs Gymnasium gehen konnte und jetzt an die Uni. Für mich ist dieses Glück allerdings auch eine Verpflichtung. Irgendwann will ich in den Irak fahren und dort Menschen helfen.“ Aber dort leben? Bashar sagt, er sei hin- und her gerissen. „Klar hängt ein Teil von mir immer noch sehr am Irak. Aber letztlich bin in München aufgewachsen, meine Freunde sind hier, mein Leben.“ Rebar geht es ähnlich. „Wenn ich die Politik dort und hier vergleiche, ist es zum Kotzen“, meint er. Die Korruption und die alltägliche Gewalt machen den Irak für ihn zunehmend zu einem fremden Land. „Natürlich will man helfen, etwas tun. Aber manchmal bin ich einfach nur froh, dass ich nicht dort bin. Man weiß ja schon gar nicht mehr, gegen wen sich das dort richtet.“ Gegen die Gewalt Die ethnische Gewalt ist für Bashar und Rebar das schwierigste Thema, wenn es um ihr Herkunftsland geht. Seit einigen Jahren geht eine Kluft durch die irakischen Moslems: Schiiten gegen Sunniten. Bashar und Rebar finden diese Unterscheidung verwirrend und sinnlos. „Das gab’s früher ja gar nicht“, erzählt Bashar. „Bis vor kurzem hat sich im Irak kein Mensch dafür interessiert, ob man Kurde war oder Araber, Schiit oder Sunnit. Ich habe einen kurdischen Onkel – sollen wir einen Krieg mit ihm anfangen? Jetzt muss man sogar bei deutschen Behörden angeben, zu welcher islamischen Richtung man gehört. Ich bin Moslem – reicht das nicht?“ Rebar lacht. „Ich habe zum Beispiel erst ein paar Monate nach dem Krieg erfahren, dass ich Sunnit bin. So unwichtig war das. Für uns war damals im Irak alles gleich. Wir haben die schiitischen Feiertage mitgemacht, das war immer toll, es gab viel zu essen.“ Auch in ihrer Freundschaft spielt ethnische Zugehörigkeit keine Rolle. Es gibt noch viel zu tun Wenn überhaupt, nutzen sie ihre unterschiedliche Herkunft sogar. Zum Beispiel bei der Organisation ihrer Demonstration. Sie wollten dagegen protestieren, dass seit 2003 die Aufenthaltsgenehmigungen irakischer Flüchtlinge widerrufen werden: Für das bayerische Innenministerium ist der Krieg nämlich beendet. Doch inzwischen hat die Kluft im Irak auch Auswirkungen auf die Exil-Iraker in München: Viele irakische Kurden wollen sich mittlerweile von keinem arabischen Iraker etwas erzählen lassen – und andersherum. Bashar und Rebar wollten für ihre Demonstration aber alle Iraker in der Stadt erreichen. Also verteilte Rebar Flugblätter an Kurdentreffpunkten, während Bashar Demonstranten unter den Arabern rekrutierte. Marschiert sind sie auf der Demo dann zusammen – ohne Probleme. Dennoch haben sich die beiden Freunde über die Haltung mancher ihrer Landsleute geärgert. „Was mich wirklich ärgert, ist, dass sich die Leute plötzlich so sehr mit etwas beschäftigen, dass sie kein Stück weiter bringt. Statt auf religiöse Unterschiede zu achten, sollten sie lieber gemeinsame Ziele entwickeln, danach gucken, was sie vereint“, sagt Bashar. Rebar schüttelt den Kopf: „Ich frage mich immer wieder, wie es im Irak so weit kommen konnte. Und ich verstehe es nicht. Manchmal habe ich einfach das Gefühl, dass ich gar nicht mehr dazu gehören will.“ Dann springen beide entschlossen auf. Sie müssen noch Transparente malen für ihre Demonstration für das Bleiberecht. Es gibt noch viel zu tun.