Hassliebe München

Ein Interview mit dem jetzt.de-User Igor K., der gerade eine Liebeserklärung an den Münchner Stadtteil Giesing auf YouTube gestellt hat.
markus-okur

Igor Krjutchkow, 31, ist in Moskau aufgewachsen, 1989 kam er im Alter von neun Jahren alleine mit seinem Vater nach Deutschland. Nach einer nicht gerade leichten Jugend hat Igor sich wieder aufgerappelt, er hat die Mittlere Reife und eine Ausbildung als IT-Systemelektroniker abgeschlossen. Und er rappt – zum Beispiel in seiner Liebeserklärung an den Münchner Stadtteil Giesing, die unter dem Titel „Das ist Giesing!“ seit Sonntag auf Youtube zu sehen ist.

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Illustration: Julia Schubert


 
jetzt.de: Erzähle doch zuerst mal kurz etwas zu deinem Song „Das ist Giesing“.
 Igor: Die ersten 30 Sekunden hört man ein altes Volkslied vom Giesinger Künstler Peter Jakobi. Gleich danach setzt ein Instrumental ein, in dem auch eine türkische Melodie vorkommt. Ich habe bewusst diesen harten Kontrast gewählt, um die Vielseitigkeit des Viertels auch in meiner Musik widerzuspiegeln. Das Video ist übrigens komplett selbst von mir gedreht worden.
 
Wie würdest du das Viertel Giesing charakterisieren?
Giesing ist ein geschichtsträchtiger und bunter ehemaliger Arbeiterbezirk. Bislang ist der Zustand der Häuser dort relativ schlecht, sodass vor allem sozial schwächere Menschen, Studenten oder auch Künstler dort leben. Gerade befindet sich das Viertel im Wandel, die Gentrifizierung ist voll im Gange. Speziell Untergiesing mit seiner guten Lage – es liegt einerseits nah an der Isar und andererseits genauso nah am Stadtzentrum – ist ein gefundenes Fressen für die vielen Immobilienhaie, um dort schöne Eigentumswohnungen und schicke Büros einzurichten.

http://www.youtube.com/watch?v=y6HOdCNo2HU

Warum hast Du das Lied aufgenommen?
Der Track ist ein Plädoyer für die Bewohner Giesings, die durch Luxussanierungen von ihrem bisherigen Wohnort vertrieben werden. Oftmals leben diese Leute schon seit 20 bis 30 Jahren dort und haben in Giesing ihre Heimat gefunden. Die müssen nun raus an den Stadtrand ziehen. Leider habe ich als Ausländer keine Möglichkeit zu wählen. Ich denke aber, dass mein Anliegen besser auf YouTube aufgehoben ist, wo ich tausende Klicks sammeln und viele Leute erreichen kann. Musik ist eben mein Instrument der Meinungsäußerung.

Ich habe mir noch ein anderes Lied von Dir angehört: Es trägt den Titel „Hassliebe München“, und ist teilweise ziemlich aggressiv. Was nervt Dich an dieser Stadt?
München war mir nie aufregend genug. Die Kultur der Stadt ist geprägt von Leuten, die lethargisch am Eisbach oder in irgendwelchen Cafés sitzen. Auch aus musikalischer Hinsicht, war München nie mein Ding. Die Satire-Gruppe Aggro Grünwald hat den Geist dieser Stadt schon ziemlich auf den Punkt gebracht, finde ich. Das sind die mit den Stehkrägen und dem Motto „Eure Armut kotzt mich an“. Da fällt mir übrigens noch ein Zitat aus dem Film Shoppen ein: „München ist eine Lebensfalle. Du sitzt im Café, freust dich über den Föhn, trinkst Cappuccino – und rumms, mit einem Schlag bist du 55 Jahre alt. Und plötzlich merkst du, dass alle ein Leben gelebt haben, und nur du hast Cappuccino getrunken.“
 
Du ziehst jetzt nach Berlin. Warum? Was hätte dir München bieten müssen, um Dich am Wegziehen zu hindern?
Ich habe oft gemerkt, dass mich die Leute hier von oben herab behandelt haben oder mich einfach ignoriert haben. So richtig willkommen habe ich mich hier niemals gefühlt, bin aber dennoch 20 Jahre geblieben. Heimat ist halt Heimat. Aber nun habe ich keinen Bock mehr, ich will mal woanders leben. Andere Menschen, andere Mentalität. Was ich mir als Musiker für München wünschen würde, wären mehr Orte für Subkultur und mehr Vielfalt, speziell die Münchner Rap-Szene ist doch sehr überschaubar. Mit meinem Giesing-Song wollte ich München einerseits ein Abschiedsgeschenk machen, andererseits auch einen Denkanstoß zum Thema Gentrifizierung geben.
 
Igor beschreibt als jetzt-User Igor K. im Text "Assi Berlin" ausführlich seine Erlebnisse in Berlin-Friedrichshain. Sein Album kann man sich hier herunterladen.

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