„Heimat ist eine Mischung aus Menschen und Landschaft“ Marcus H. Rosenmüller im Interview

Am 3. Januar kommt der Film „Beste Gegend“ in die Kinos, die Fortsetzung von „Beste Zeit“. Wieder geht es darin um die Jugend von Kati und Jo in der bayerischen Provinz. Ein Gespräch mit Regisseur Marcus H. Rosenmüller über Heimat, Bayern und Klischees.
philipp-mattheis

jetzt.muenchen: In den letzten zwei Jahren hast du fünf Filme gedreht. Ist das nicht ein bisschen viel? Marcus: Die letzte Zeit war auf jeden Fall hart. Aber ich habe nicht das Gefühl auszubrennen, im Gegenteil: Das war ein super Training. jetzt.muenchen: „Beste Zeit“ und „Beste Gegend“ waren ursprünglich als Fernsehfilme geplant. Warum laufen sie jetzt doch im Kino? Marcus: Die Filme sind von Fernsehgeldern finanziert. Deswegen haben manche Leute die Filme auch fürs Fernsehen eingeplant. Aber ich habe immer versucht, die Filme auch ins Kino zu bringen. Sie sprechen zwar nicht die breite Masse an, aber viele Leute, eben gerade vom Land, können sich darin wiedererkennen. jetzt.muenchen: Beide Filme spielen in Tandern bei Dachau. Du selbst kommst aus Hausham am Tegernsee. Ist die in den Filmen dargestellte Jugend deine eigene? Marcus: Absolut. Das hat mich an den Drehbüchern auch so fasziniert. Als ich sie las, dachte ich mir: Die schreibt ja von mir! Leider ist das schon lange her. Aber es sind gerade diese Momente, wenn man im Sommer verkatert am Baggersee aufwacht, die man nicht vergisst.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Marcus H. Rosenmüller. jetzt.muenchen: In deinen Filmen werden Zeit, Landschaft und Leute verherrlicht. Auf dem Land aufzuwachsen kann allerdings auch ziemlich öde sein. Marcus: Klar neigt man dazu, die schlechten Dinge auszublenden. Ich musste zum Beispiel immer viel arbeiten, auf dem Bau oder Zivildienst. Daran denke ich nicht so gerne zurück. Und Liebeskummer war natürlich immer eine Katastrophe. jetzt.muenchen: Würdest du sagen, du drehst Heimatfilme? Marcus: „Wer früher stirbt, ist länger tot“ zum Beispiel behandelt klassische Motive wie Sühne, Vergebung und Schuld. Das sind letztlich globale Themen, von denen sich vieles problemlos auf andere Gegenden der Welt übertragen lässt. Aber natürlich spielt Heimat immer eine große Rolle. jetzt.muenchen: Was macht Heimat aus? Marcus: Heimat ist eine Mischung aus Menschen und Landschaft. Für mich persönlich sind es vor allem alte Freunde und Familie, die mir das Gefühl geben, daheim zu sein. Aber die Landschaft wiederum formt die Mentalität der Leute. Daneben prägen natürlich Sprache, Religion und kulturelle Institutionen wie Vereine. Mindestens genauso identitätsstiftend sind die entsprechenden Gegenbewegungen dazu – das sollte man nie vergessen. jetzt.muenchen: Ist es heute schwerer, gute Schauspieler zu finden, die bayerrisch sprechen? Marcus: Eigentlich nicht, ich hatte immer Glück. Freilich gibt es München immer weniger Leute, die bayerisch reden, aber auf dem Land ist das noch anders. jetzt.muenchen: Die große Zeit der bayerischen Serien war in den 80ern und ist lange her. Trotzdem sehen sich gerade noch junge Leute Serien wie „Monaco Franze“, „Irgendwie und sowieso“ oder „Kir Royal“ an. Sind das Vorbilder für Dich? Marcus: Helmut Dietl und Franz Xaver Bogner waren immer meine großen Vorbilder. Die Folgen kann ich zum Teil auswendig. Ansonsten verehre ich Gerhard Polt: Keiner schafft es wie er, Wahrheiten so brachial-philosophisch auf den Punkt zu bringen. In letzter Zeit habe ich mich aber mehr mit bayerischen Schriftstellern und Lyrikern wie Harald Grill beschäftigt. Gerade vor drei Tagen habe ich „Wir sind Gefangene“ von Oskar Maria Graf fertig gelesen. jetzt.muenchen: Menschen wie Gerhard Polt oder Oskar Maria Graf sind bzw. waren auf ihre Art ziemliche Querköpfe. Sind das typische Bayern? Marcus: Diese Sturköpfigkeit ist sicherlich etwas typisches Bayerisches. Aber gerade bei Oskar Maria Graf liegt darin auch eine Geradlinigkeit. Und die wiederum findet man auch bei vielen konservativen CSUlern. Das hat etwas mit Selbstbehauptung zu tun: Ein bayerischer Sturkopf will sich von niemanden was sagen lassen. jetzt.muenchen: Warum glaubst du, ist dann die CSU in Bayern so erfolgreich? Marcus: Das funktioniert nur über Abgrenzung zu anderen Ländern. Gäbe es diese „Mia san mia“-Stimmung nicht, würden selbstbewusste Bauern nicht die CSU wählen. jetzt.muenchen: Du bist in Hausham auch in der SPD aktiv. Marcus: Die Partei vertritt für mich die richtigen Grundsätze, wie die soziale Gerechtigkeit. Natürlich behauptet auch die CSU von sich, sozial zu sein. Aber gerade weil ich Christ bin, könnte ich mir als Politiker nie ein „C“ auf die Fahnen schreiben. Das ist ein Widerspruch in sich, als Christ politisch zu kämpfen. Wenn wir vor ein paar Jahren einen CSU-Politiker von Deutschland gehabt hätten, wäre Deutschland sogar mit einem „C“ in den Krieg gezogen.

Text: philipp-mattheis - Foto: Stephan Rumpf

  • teilen
  • schließen