„Hier wollen alle lernen“

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jetzt.muenchen: Wie lange dauert es, wenn man auf dem München Kolleg sein Abitur nachholen möchte? Cornelia Kemmer: Wer die Mittlere Reife hat, benötigt dafür drei Jahre. Wir haben aber auch Schüler, die nur mit einem Hauptschulabschluss zu uns kommen. Die besuchen dann vorher noch einen Vorkurs, nach dem und nach der bestandenen 1. Klasse haben sie dann die Mittlere Reife. Ist die Abbrecherquote nicht sehr hoch? Ja, sie ist schon hoch, vor allem in den Vorkursen. Da verschätzen sich auch viele. Aber von etwa 30 Schülern, die in einer Klasse zusammen anfangen, machen auch drei Jahre später 20 davon das Abitur. Das relativiert sich, wenn man die Zahlen mit einem normalen Gymnasium vergleicht. Von denen, die zusammen in der fünften Klasse anfangen, machen auch nicht so viele zusammen das Abitur. Überschätzen sich grundsätzlich viele, die auf dem Kolleg anfangen? Ja, wie gesagt vor allem in den Vorkursen. Ein Abitur ist ja für die meisten so etwas wie ein Versprechen auf ein besseres Leben. Viele aber verkennen, dass dafür sehr viel Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen nötig ist. Den meisten mangelt es weniger an der intellektuellen Kapazität oder Intelligenz als an einer „Lernsozialisation“. Wer jahrelang nur gejobbt hat, weiß einfach nicht, wie man richtig lernt. Die meisten unserer Schüler sind 23, 24 Jahre alt und haben die letzten Jahre gearbeitet. Jetzt sollen sie plötzlich etwas über die Französische Revolution oder mathematische Gleichungen lernen. Das ist eine komplette Lebensumstellung.

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Illustration: Julia Schubert

Was sagen Sie jemanden, bei dem Sie das Gefühl haben, dass er sich mit übernimmt? Unsere Haltung ist eine andere: Wir wollen das Potential, das in Menschen schlummert, wecken. Sie glauben gar nicht, wie viele Leute durch das Raster des ersten Bildungswegs fallen! Vor allem junge Frauen mit Migrationshintergrund, in deren Familien Bildung keinen Wert darstellt. Übrigens haben wir auch Schüler, die straffällig waren. Ich hatte schon Leute, deren polizeiliches Führungszeugnis katastrophal aussah. Die haben erfolgreich ihr Abitur gemacht und studieren heute. Menschen ohne jegliche Vorbildung können auch nicht auf die FOS oder BOS gehen. Die kommen zu uns. Der Abschluss, den sie hier machen, ist identisch mit dem bayerischen Abitur und wir haben jedes Jahr Schüler mit einem Schnitt von 1,0. Sind die Schüler eigentlich disziplinierter? Oh ja! Es ist wunderbar, hier zu unterrichten! Ich spreche da aus Erfahrung, ich war früher Lehrerin an zwei städtischen Gymnasien. Hier wollen alle Schüler lernen, das macht das Klima so angenehm. Erteilen Sie auch Verweise? Ja, aber eigentlich nur wegen unentschuldigten Fehlens. Selbst dann ist das weniger eine Strafmaßnahme – die würde ja bei erwachsenen Schülern eh wenig bringen. Wir machen das, wenn wir einem Schüler mitteilen wollen, dass wir seine Anwesenheit für wichtig halten, weil er sonst sein Ziel verfehlen könnte. Es ist eine Art Warnschuss. Woher kommen denn die meisten Schüler? Das ist sehr gemischt. Etwa drei oder vier pro Klasse sind ehemalige Gymnasiasten, die in der 10. oder 11. Klasse abgebrochen haben. Die anderen sind Schüler, die die letzten Jahre rumgejobbt haben und solche mit ganz klassischen Ausbildungen. Wir hatten auch schon mal einen ehemaligen Starfighter-Piloten und einen 55-jährigen Unternehmer. Der sagte: Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet, jetzt will ich mir Bildung leisten. Aber unsere eigentliche Zielgruppe sind junge Erwachsene. Gibt es im Unterricht keine Unterschiede zum normalen Bildungsweg? Die Lehrer müssen bei uns natürlich oft mehr erklären, schließlich können wir nicht auf dem Wissen der Vorjahre aufbauen wie auf normalen Gymnasien. Deswegen ist der Unterricht stärker auf das Abitur konzentriert. Im ersten Jahr ist es auch ziemlich hart: da stehen 34 Wochenstunden auf dem Programm. Ansonsten aber machen unsere Schüler ein ganz normales Abitur mit vier Fächern.

Text: philipp-mattheis - Foto: oh

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