"Homer Simpson wählt McCain, Lisa wählt Obama"

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Wie würden die Simpsons bei der Wahl des US-Präsidenten am Dienstag entscheiden? Gibt es in der Serie eigentlich so etwas wie eine Schmerzgrenze in Sachen Witzigkeit? Und warum wirkt Homer nicht mehr so warmherzig wie früher? jetzt.de hat vor der US-Wahl mit Bill Morrison über seine Figuren gesprochen. Er ist Chefzeichner der Serie und rechte Hand von Simpsons-Erfinder Matt Groening. jetzt.de: Mister Morrison, es gibt viele popkulturelle Querverweise bei den Simpsons. Dauernd fallen bekannte Zitate, berühmte Bilder oder Symbole tauchen auf. Wer trägt das alles zusammen? Bill Morrison: Das machen die Schreiber, aber auch die Produzenten bringen Ideen ein. Ein bis zwei Leute schreiben ein Skript, das wird dann in den "Writer's Room" gebracht. Dort sitzen ein Dutzend Schreiber zusammen und alle werfen zusätzliche Ideen und Witze ein. Bei der Umsetzung sind dann 80 bis 100 Zeichner im Einsatz. jetzt.de: Es heißt, eine einzige Folge koste eine Million Dollar. Stimmt das? Morrison: Die Kosten kenne ich nicht genau, aber die Produktion dauert ein halbes Jahr pro Folge. jetzt.de: Werden die Pointen vor Publikum getestet, bevor die Folge ausgestrahlt wird? Morrison: Nein, aber es gibt einen "Table Read". Wenn das Skript fertig ist, treffen sich alle Synchronsprecher. Sie sitzen dann um einen runden Tisch herum und lesen gemeinsam die Story zum ersten Mal. Die Schreiber und Produzenten sind dabei, zusätzlich werden Leute wie ich eingeladen - also Personen, die zwar in die Simpsons involviert sind, aber nicht direkt in die Produktion der aktuellen Folge. So kann man sehen, ob die Gags funktionieren.

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Illustration: Julia Schubert

Bill Morrison jetzt.de: Gibt es Ideen, die selbst für die Simpsons zu krass wären? Morrison: Ja, die Simpsons beschäftigen sich zum Beispiel nicht mit Fäkalhumor. Auch über verstorbene Menschen machen wir uns eigentlich nicht lustig. Es sei denn, sie sind schon sehr lange tot. jetzt.de: Welche Idee wurde denn mal verworfen? Gibt es ein gutes Beispiel? Morrison: Es gab eine Folge, in der Bart mit ein paar Schulkindern die Itchy&Scratchy-Studios besuchen. Sie kommen auch durch die Räume, wo die Witze für die Show getestet werden. Dort sieht man dann eine "echte" Katze und eine "echte" Maus, mit denen allerlei Sachen angestellt werden. Die Zensoren beim Fernsehsender Fox haben dann gesagt, dass das nicht gehe, weil man einfach keine echte Maus und keine echte Katze im Fernsehen umbringen könne. Wir haben erwidert, dass es doch nur ein Cartoon sei und deswegen kein Problem. Aber die Fox-Leute meinten, dass es hier um "echte" Tiere im Kontext eines Cartoons ginge. jetzt.de: Hat sich eigentlich noch nie ein Star oder ein Politiker über seine Darstellung in den Simpsons beschwert? Morrison: Nicht, dass ich wüsste. Gerade Politiker haben eigentlich eine gute Selbstironie. Und selbst wenn sie beleidigt wären, würden sie sich nie öffentlich beschweren. Selbst Sarah Palin hat ja neulich bei Saturday Night Live mitgespielt - obwohl sie imitiert wurde, bevor sie die Bühne betrat. jetzt.de: Okay, aber wer im US-Wahlkampf bei diesen Sendungen nicht mitspielt, der hat ja quasi schon verloren. Morrison: Das stimmt natürlich. jetzt.de: Die Serie ist in vielen Ländern populär, die Simpsons sind also auch irgendwie US-Botschafter. Ist die Familie ein passendes Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft? Morrison: Ich denke schon. Das Gesamtbild der Charaktere bietet eine gute Zusammenstellung der amerikanischen Gesellschaft. jetzt.de: Es gibt tausende Fan-Artikel, die Simpsons treten sogar in der Autowerbung auf. Ist diese Kommerzialisierung nicht gegen die Grundidee der Serie? Schließlich ging es immer auch darum, in subtiler Weise die amerikanische Konsumkultur zu kritisieren. Morrison: Wenn Matt Groening in der Lage wäre, die Simpsons komplett zu kontrollieren, dann gäbe es wohl deutlich weniger Merchandising. Die Simpsons würden nicht so stark benutzt, um andere Produkte zu verkaufen. jetzt.de: Aber wer ist dann dafür verantwortlich? Morrison: Nun, Fox besitzt die Simpsons - Matt Groening kann das nur bis zu einem bestimmten Punkt beeinflussen. Er kann es ein wenig lenken, aber das ist schon recht beschränkt.


jetzt.de: Wo wir bei Fox sind: Hat Rupert Murdoch, dem der Sender gehört, seine Figur wirklich selbst synchronisiert? Morrison: Ja, er hat sich tatsächlich selbst gesprochen und sich einen "milliardenschweren Tyrannen" genannt. Er fand es lustig. Murdoch liebt die Simpsons! Und klar liebt er auch das Geld, das die Sendung bringt. jetzt.de: Geld bringen die Simpsons ohne Frage. Die zeichnerische Hauptarbeit wird mittlerweile in Korea gemacht. Sind die Zeichner da so gut oder geht es nur um die billigere Produktion? Morrison: Es spart auch Geld, ja. Aber die Zeichner sind tatsächlich ziemlich gut. US-Vertreter unseres Studios betreuen die Produktion dort vor Ort. Diese Beziehung ist über die Jahre gewachsen, wir vertrauen den Zeichnern dort sehr. jetzt.de: Viele Fans beschweren sich darüber, dass der subtile Humor und die Vielschichtigkeit der Simpsons langsam verloren gehen. Homer war zum Beispiel immer schon dumm, aber zeitgleich auch sehr warmherzig und gutmütig. Jetzt ist er scheinbar nur noch dumm und instinkt-gesteuert. Morrison: Ich glaube, die Schreiber haben sich dabei etwas gedacht. Sie haben Homer zwar dümmer gemacht, aber den sympathischen Aspekt an andere Charaktere weitergegeben. Das sieht man zum Beispiel an der Beziehung zwischen Bart und Lisa. Bruder und Schwester streiten viel, aber wenn die Schwester von außerhalb der Familie angegriffen wird, dann wird der Bruder seine Schwester verteidigen. Diese Fürsorge ist von Homers Charakter auf ihn übertragen worden. Charakterzüge sind auch ein Prozess, eine evolutionäre Sache. Das passiert über lange Zeit, oft merkt man das nicht mal. jetzt.de: Wen würde Homer, wen würden die Simpsons am Dienstag wählen - Obama oder McCain? Morrison: Hm, das kommt auf die einzelne Person an. Homer wählt McCain, Lisa würde Obama wählen. Marge würde wohl Ralph Nader (unabhängiger Kandidat, Anm. d. Red.) wählen. Bart würde irgendeinen Kandidaten der Anarchisten-Partei wählen. Und Maggy - würde Marge wählen, glaube ich. jetzt.de: Und wer wird Ihrer Meinung nach der neue Präsident? Morrison: Oh, das ist schwierig. Es wird offenbar ein enges Rennen. Die Umfragen für Kalifornien sind aber recht deutlich: Die Stimmen des Wahlmänner-Gremiums gehen wohl an Obama. Ich hätte ja lieber McCain als Präsident, aber ich habe trotzdem für Obama gestimmt - weil meine Frau für Obama ist. Ich dachte mir: Wenn ich jemals wieder etwas mit ihr haben will, dann muss ich wohl Obama wählen. jetzt.de: Wieso ist man als Art Director der eher kritischen Simpsons für McCain? Morrison: Ich bin politisch eher in der Mitte, außerdem auch ein Liberaler. Ich will so wenig Staat wie möglich in meinem Alltagsleben. Trotzdem finde ich Sozialprogramme gut. Aber Obama steht auch für mehr Staat, mehr Regelungen durch die Regierung. Da fühle ich mich den Republikanern näher. Die 11. Staffel der Simpsons ist gerade auf DVD erschienen.

Text: johannes-graupner - Foto: jg

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