Hooligans - Es geht nicht darum, andere ernsthaft zu verletzen

Hooligans gehören zur dunklen Seite des Fußballs. Mit ihnen in Kontakt zu treten und über ihr brutales Hobby zu sprechen ist nicht einfach. Ein Interview über Kämpfe, Ängste und Verletzungen.
marcus-ertle



jetzt.de: Was ist ein Hooligan?
Kevin: Ich würde sagen, jemand der an Fußball interessiert und der Gewalt nicht abgeneigt ist.
  Tim: Man geht zum Fußball und misst sich mit anderen Hooligans und ist auf den Adrenalinkick aus.
  
Gibt es den typischen Hooligan?
Kevin: Es sind alle Berufsgruppen dabei, sogar Polizisten. Altersmäßig fängt es bei 18 an und endet so bei Mitte 30.
  
Wer hat bei Hooligans nichts verloren?
Kevin: Denunzianten und unzuverlässige Leute, die einen im Stich lassen.
  
Was ist mit Psychopathen?
Kevin: Wenn man die Leute nicht unter Kontrolle hat, geht’s nicht, das fällt dann auf die Stadt zurück.
  
Wie seid ihr Hooligans geworden?
Kevin: Ich war erst bei den Ultras (Organisationsform für fanatische Anhänger einer Mannschaft, Anm. d. Red. ), habe das ein Jahr gemacht und hatte irgendwann keinen Bock mehr darauf, Fahnen anzumalen oder zu jedem Auswärtsspiel zu fahren. Aber schon bei den Ultras war es ein Highlight, wenn man irgendwo auf der Straße auf feindliche Fangruppen gestoßen und aufeinander losgegangen ist.
  
Was ist in eurem Weltbild wichtiger, der persönliche Kick oder die „Ehre“ der Stadt oder des Vereins ?
Tim: Das ist fast gleichwertig, aber du kämpfst in erster Linie für die Stadt.

Was braucht ein Kämpfer, damit ihr ihn gut findet?
Kevin: Das sind Leute, die alles wegräumen, da kann kommen wer will, das sind Leute, die noch nie besiegt wurden, zumindest nicht bei offiziellen Kämpfen.
  
Es gibt eine offizielle Rangliste?
Tim: Man muss unterscheiden. Es gibt Ackerkämpfe, also auf einer Wiese und dann Kämpfe auf dem Weg zum Stadion, da präsentiert man sich. Die Rostocker
etwa gehen auf Polizisten los, stürmen den Platz, schießen mit Bengalischem Feuer auf andere, so was machen wir nicht.
  
Ihr verabredet euch zum Kampf.
Tim: Aber nicht im Stadion, da ist einfach die Überwachung zu stark. Das kannst du vielleicht einmal machen, aber dann hast du schon eine Anzeige.

Wie und wo läuft es dann ab?
Tim: Man verabredet sich, macht die Anzahl und das Alter aus, das muss in etwa übereinstimmen, je älter desto erfahrener und gewichtiger sind die Kämpfer.
  
Dann steht ihr da und schaut euch an?
Kevin: Wir sehen den Gegner erst mal gar nicht, das ist ein psychologischer Effekt. Erst machen wir uns warm, reden miteinander, dann treffen sich die Chefs, klären alles ab und dann geht’s los.
Tim: Dann läuft man langsam auf den Gegner zu, wie früher bei den Legionären, währenddessen beschimpft man den Gegner auch mal, oder schreit einfach.

Was ist im Kampf erlaubt, was nicht?
Kevin: Keine Waffen, nur mit Füßen und Fäusten.
Tim: Man hört auf, wenn der andere am Boden liegt und aufgibt, dann ist der Kampf vorbei.
 
Welche Verletzungen bekommt man?
Kevin: Ich habe bisher nur ein blaues Auge bekommen, oder mal Nasenbluten. Einer aus unserer Gruppe hatte mal einen Jochbeinbruch.
  
Habt ihr keine Angst?
Kevin: Klar, die Angst hat man immer, das ist aber der Reiz: Die Angst zu überwinden, danach fühlt man sich spitze.
  
Ich verstehe nicht, wie man ohne Grund auf jemanden einschlagen kann.
Tim: Die Boxer im Ring hassen sich ja auch nicht. Danach gibt man sich die Hand oder geht auch noch einen trinken.
  
Du sitzt dann neben einem, dem du letztes Mal die Nase gebrochen hast?
Kevin: Das unterscheidet uns von den Ultras. Wir stehen schon zu unserem Verein, aber wir respektieren den Gegner.

Was macht ihr beruflich?
Tim: In der Verwaltung.
Kevin: Leitender Angestellter.
 
Weiß eure Familie, dass ihr Hools seid?
Kevin: Nein, die machen sich nur Sorgen. Das ist nichts, was man rumerzählt.
     
Fehlen euch die Chancen, sich als Mann zu behaupten, also im Wettkampf?
Kevin: Körperlich auf jeden Fall, das ist ja auch nicht erwünscht.
Tim: Früher gab es Wirtshausschlägereien, wenn es im Stadion passiert, ist die Aufregung groß. Es geht uns nicht darum, andere ernsthaft zu verletzen.
  
Ihr seht es also als eine Art Sport?
Tim: Nein, Sport ist es auch nicht.
  
Wieso nicht?
Tim: Es ist schon mehr, es hat was Verbotenes und Gefährliches. Wir tragen keine Boxhandschuhe oder Kopfschutz.
  
Wie weit geht das kalkulierte Risiko?
Tim: Man hofft, dass man sich nichts bricht.


Text: marcus-ertle - Foto: Marcus Ertle