Hundefleisch und Menschenrechte

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Aus den Lautsprechern des China-Restaurants winseln Geigen eine Melodie wie aus einem Trickfilm, in dem Kinder mit Pagodenhüten einen Reigen tanzen. An den Fenstern baumeln rote Stofflampions mit Fransen. Doch Cheng, 26, VWL-Student aus Zentralchina, passt hier nicht rein. Dafür ist er viel zu echt. Außerdem ist er wütend. Mit der rechten Hand nimmt er die Speisekarte, mit der linken legt er sie sofort wieder weg, er ist ja nicht zum Essen hier. Sondern zum Erzählen: davon, wie es ist, als Chinese in Deutschland zu studieren. Was ihn an seinen deutschen Kommilitonen nervt. Und, vor allem darüber, wie er vor einem Jahr einen mittleren Skandal in Trier ausgelöst hat, der bis heute Wellen wirft.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Foto: Wolfgang Lenders Cheng gegenüber sitzt Tom, 28, ebenfalls Student, auch aus China. Er heißt eigentlich Lei, aber er hat sich einen Spitznamen zugelegt, der den Deutschen leichter von der Zunge geht. Er ist an diesem Abend der gelassene Gegenentwurf zu Cheng. Dessen Geschichte geht so: Mai 2005. Chengs Freundin, er nennt sie Li, hat ein Problem: das Geld, mit dem ihre Eltern sie von China aus unterstützen, lässt auf sich warten. Li braucht es aber dringend, weil sie der Ausländerbehörde regelmäßig ihre Kontoauszüge zeigen muss. Für Studenten aus bestimmten Ländern, so auch China, ist das Pflicht. Man will sichergehen, dass sich die Studenten selbst versorgen können. Denn mit ihren Studentenvisa dürfen sie höchstens 90 Tage im Jahr arbeiten und haben keinen Anspruch auf staatliche Hilfen. Wer nicht beweisen kann, dass er mindestens 585 Euro im Monat auf sein Konto kriegt – die Summe entspricht dem Bafög- Höchstsatz – muss gehen. Cheng ist klar, dass er seiner Freundin helfen muss. Er hebt 4000 Euro von seinem Konto ab und gibt ihr das Geld. „Als meine Freundin in der Ausländerbehörde saß, wollten die plötzlich wissen, woher das Geld kommt. Und ob sie mich kennen würde“, erzählt Cheng aufgebracht. „Sie haben gesagt, sie solle alles zugeben, weil die Deutsche Bank ihnen Informationen gegeben hätte.“ Li ist verwirrt. Darf die Bank das? Natürlich darf sie nicht. Das Bankgeheimnis gilt auch für Ausländer. Das hilft Li aber wenig, sie hat ein Ermittlungsverfahren am Hals. Die Chinesin habe sich ein Aufenthaltsrecht erschleichen wollen, glaubt die Ausländerbehörde. Doch das Verfahren verläuft schnell im Sand, weil die Staatsanwaltschaft keine Straftat feststellen kann. Hätte es jemand anderen erwischt als Cheng und Li, wäre die Sache damit vielleicht erledigt gewesen. Denn viele chinesische Studenten missverstehen den Namen der Deutschen Bank und halten sie für ein Staatsunternehmen. Wie soll man sich dagegen schon wehren? Auch Li ist eingeschüchtert, aber ihren Freund packt die Wut. Er geht zur Deutschen Bank und kündigt sein Konto. Gemeinsam mit dem Rechtsberater der Uni schreibt er Briefe an die Bank, in denen er fordert, dass geklärt wird, wer Chengs Daten zur Ausländerbehörde durchtelefoniert hat. Die Bank antwortet, das habe keiner getan. Nicht so toll, aber billig „Das ist diskriminierend, wie man mit uns umgeht. Ich bin nicht der erste, mit dem sie das machen, ich habe mich nur als Erster gewehrt. Kein Wunder, dass die meisten Chinesen es hier hassen.“ Chengs Handy klingelt, etwa zum zehnten Mal an diesem Abend, Cheng verschwindet für ein paar Minuten. Tom lächelt freundlich und macht ein paar Bemerkungen über chinesisches Essen. Als Cheng wiederkommt, ist er ruhiger. „Naja, hassen stimmt nicht ganz“, sagt er beschwichtigend, „aber toll ist es nicht.“ Cheng spricht aus, was viele Chinesen über ihre Studienheimat denken: nicht so toll. Die meisten kommen, weil das Studium nichts kostet. Britische und amerikanische Hochschulen haben in China den besseren Ruf, das Studium in Deutschland gilt als kompliziert und zäh. Doch wer in England studieren will, zahlt locker 20 000 Euro Gebühren, in den USA sind die Preise noch höher. Also schreiben sich immer mehr Chinesen an deutschen Unis ein. Im Moment sind es etwa 25 000, fast fünfmal mehr als vor sieben Jahren. Aber sie kommen nicht nur, weil Auslandssemester im Lebenslauf schick aussehen. An Chinas Hochschulen gibt es einfach nicht genug Platz für alle, die studieren wollen. Gleichzeitig entwickelt sich die Wirtschaftskraft Chinas in einer Weise, dass Experten sich allein beim Gedanken an die Zukunft Luft zufächeln. Immer mehr Jobs in den Chefetagen wollen besetzt werden. Die meisten jungen Chinesen studieren deshalb karrierebewusst BWL oder VWL. „Ich fühle mich ziemlich fremd, wenn ich nach Hause fahre“, meldet sich Tom. Nach viereinhalb Jahren in Trier verrät nur die Betonung, dass er Chinese ist: seine Worte marschieren nicht geradeaus, sie tanzen beim Reden nach oben und unten. „Es ist, als wären sie in China aus einem langen Schlaf aufgewacht. Jetzt wollen sie alles ganz schnell: Karriere machen, Autos kaufen, usw.“ Auch an der Uni ist seine Heimat immer häufiger Thema: „Alle Professoren reden über China. Immer heißt es, dass China dieser unglaublich große Markt sei und es massenhaft billige Arbeitsplätze gebe. Abgesehen davon wissen die Studenten aber nicht viel. Die meisten haben eine komische Vorstellung davon, wie es bei uns aussieht.“ Cheng fällt ihm ins Wort: „Hundefleisch und Menschenrechte! Das sind die zwei Sachen, nach denen ich immer gefragt werde. Das nervt! Darauf habe ich keine Lust.“ Vielleicht liegt es an dieser Art Gespräche, dass viele chinesische Studenten lieber ihre eigenen Gruppen bilden, statt sich mit deutschen und Erasmus-Studenten auf Uni-Partys die Kante zu geben. Cheng und Tom haben sich weder von frustrierenden Gesprächen, noch vom Stress des Studiums zusammenfalten lassen. Sie sind in Trier vielleicht nicht ganz zu Hause, aber sie sind eindeutig angekommen. Das macht sie zu Ausnahmen. Andere, sagt Tom, kennen auch nach vier Jahren nur die Vokabeln, die man braucht, um eine VWL-Klausur zu schreiben. Das wird spätestens dann zum Problem, wenn Vermieter bei der Wohnungsübergabe ins Protokoll schreiben, dass das verrottete Parkett wie frisch poliert ist. Viele Chinesen haben Hemmungen, sich dagegen zu wehren – aus Schüchternheit im fremden Land, und auch der Sprachprobleme wegen. Deswegen war es durchaus ein besonderes Ereignis, als sich im letzten Winter etwa drei Dutzend Chinesen in der Trierer Innenstadt trafen. Vor einer Filiale der Deutschen Bank, die zufällig nicht weit entfernt von Karl Marx’ Geburtshaus liegt, verteilten sie Flugblätter und hielten ein Transparent hoch „Gegen die Diskriminierung ausländischer Studenten durch die Deutsche Bank.“ Das Weihnachtsgeschäft war in vollem Gang, das Wetter lausig kalt, trotzdem blieben erstaunlich viele Passanten stehen. Etwas später erklärte die Deutsche Bank, sie habe nun doch jemanden gefunden, der Chengs Daten an die Ausländerbehörde gegeben hätte. Die Mitarbeiterin habe man entlassen. Die Rechtsabteilung der Bank sagte Cheng, dass sie den Vorfall bedauere. Cheng ist nicht zufrieden. „Ich hätte eine richtige Entschuldigung fordern sollen,“ sagt er mürrisch. Ein paar Minuten lang herrscht Stille. Dann packt er das Handy ein und greift nach seiner Jacke. „Menschenrechte“, schnaubt er, „ich hatte ihn China nie Probleme mit meinen Rechten. Die habe ich erst hier bekommen.“

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