15 Jahre arbeitete  Marco Löw bei der Polizei – unter anderem als Kriminalbeamter, Betrugsermittler und Verhörspezialist. Seit vergangenem Jahr berät der 36-Jährige Unternehmen und gibt Seminare zu gefälschten Bewerbungen, im April ist sein Buch „Falle Bewerbungsbetrug“ erschienen. Mit jetzt.de spricht er über die Grenzen des gepimpten Lebenslaufs.
 
  jetzt.de: Herr Löw, Sie decken Schummeleien von Bewerbern auf, früher waren Sie Kriminalbeamter. Wer lügt besser – Kriminelle oder Bewerber?
  Marco Löw: Jemanden, der seine Bewerbungsunterlagen fälscht, muss man bereits als kriminell einstufen, weil man dafür bereits ein hohes Maß an krimineller Energie haben muss. Wenn ein Personaler so jemanden einstellt, hat er, krass ausgedrückt, einen Kriminellen in der Firma.
 
  jetzt.de: Den Lebenslauf ein bisschen aufzuhübschen, ist aber doch mittlerweile ganz normal, oder? Wo fängt denn der Betrug an?
  Löw: Man muss unterscheiden zwischen Flunkern und Fälschen. Das Aufhübschen ist nicht das Problem. Das klassische Beispiel dafür sind die Fremdsprachenkenntnisse: Ich kann der Meinung sein, gute Englischkenntnisse zu besitzen, wenn ich mir in London ein Eis bestellen und ein Hotel buchen kann. Ein anderer versteht darunter, dass man eine komplizierte Verhandlung führen kann. Solche Flunkereien liegen im Auge des Betrachters, sind nicht strafbar und leicht zu überprüfen. Das Problem sind Leute, die Zeugnisse fälschen oder welche ausstellen, die es gar nicht gibt.
 
  jetzt.de: Wie viel wird denn in Bewerbungsunterlagen geschummelt?
  Löw: Es gibt dazu verschiedene Untersuchungen, vor allem aus den USA. Die Firma ADP Employer Services hat im Jahr 2005 drei Millionen Bewerbungsunterlagen überprüft und in zehn Prozent der Fälle Unregelmäßigkeiten gefunden. Außerdem gibt es in den USA den Liars Index, der gefälschte Bewerbungsunterlagen überprüft und auch im zweistelligen Bereich liegt. Das deckt sich mit meinen Erfahrungswerten. 
  

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Marco Löw

  jetzt.de: Was war die dreisteste Lüge, die ihnen bisher untergekommen ist?
  Löw: Den dreistesten nenne ich den „Autohaus-Fall“. Ein Bewerber wollte eine zweijährige Arbeitslosigkeit tarnen. Sein Onkel hat in Süditalien zwei Autohäuser und hat ihm bescheinigt, zwei Jahre lang eines davon als Geschäftsführer geleitet zu haben. Die Firma hat den Onkel sogar noch angerufen, um das zu überprüfen. Aber der hat das natürlich bestätigt. Dann wurde der Bewerber eingestellt und hat als Geschäftsführer einen Riesenschaden verursacht. 
 
  jetzt.de: Wären Sie ihm auf die Schliche gekommen?
  Löw: Man hätte die Widersprüche im Bewerbungsgespräch innerhalb von zehn Minuten aufdecken können. 
 
  jetzt.de: Wie denn?
  Löw: Jemand, der eine falsche Angabe macht, kann sich normalerweise nur relativ oberflächlich auf das Kernthema vorbereiten und nicht alle Nebensächlichkeiten abdecken. Wenn der Mann zwei Jahre in Italien war, stelle ich ihm ein paar Detailfragen zur Mentalität der Leute in der Region, in der er angeblich gelebt hat, oder frage Details zu der Automarke ab, für die er gearbeitet haben will. Die Fragen sind harmlos, wenn er wirklich dort unten war. Wenn er da aber nicht souverän wirkt, kann man mit bestimmten Folgefragetaktiken weiterbohren.
 
  jetzt.de: Mal angenommen, der Bewerber hätte sich in der Region wirklich gut ausgekannt und alle Fragen souverän beantwortet – gibt es noch andere Wege, ihn zu entlarven?
  Löw: Ich benutze die sogenannte forensische Befragungstaktik. Ein wichtiger Punkt dabei ist die nonverbale Wahrnehmung, also die Körpersprache. Ich achte auf die sogenannten drei Ur-Instinkte: Erstarren, Flucht und Kampf. Wenn sich der Bewerber in einer Fragesituation unwohl fühlt, möchte er instinktiv den Raum verlassen. Dann kann es sein, dass sein Fuß zur Tür zeigt oder er den Kopf Richtung Ausgang dreht. Erstarrung ist, wenn jemand, der zum Beispiel eigentlich eine lebhafte Körpersprache hat, bei einer Frage plötzlich wie eingefroren wirkt und die Arme kaum noch bewegt. Wichtig ist dabei natürlich der Vorher-Nachher-Abgleich: Ich muss am Anfang des Gesprächs erst mal eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, um seine natürliche Körpersprache ohne Stress kennenzulernen.
 
  jetzt.de: Kann man sich auch durch seine Art zu sprechen verraten?
  Löw: Es gibt auf verbaler Ebene sehr viele Wege, Leute zu überprüfen. Ein Lügner steht generell vor dem Problem, sich alle seine Angaben merken zu müssen. Das ist eine hohe kognitive Anforderung. Wenn jemand Sachverhalte komplex und detailreich schildert und sprunghaft erzählt, sagt er wahrscheinlich die Wahrheit. Denn einen Lügner würde das kognitiv überfordern. Gegenfragen sind auch ein Faktor, auf den ich achte. Wenn sich die häufen, ist das ein Indiz dafür, dass der Bewerber nicht die Wahrheit sagt. 
 
  jetzt.de: Sortieren Sie auch schon Bewerber aus, bevor sie überhaupt zum Gespräch eingeladen werden?
  Löw: Ja. Der erste Schritt ist die Internetanalyse. Einen Fall habe ich nur dadurch aufgedeckt. Es wollte wieder jemand seine Arbeitslosigkeit verbergen. Er hat angegeben, längere Zeit für ein Sprachstudium in den USA gewesen zu sein. Er hatte sich aber in einem Autoforum im Internet engagiert. Dort gab es regelmäßig Stammtische, und aufgrund der Postings in dem Forum konnte ich nachvollziehen, dass er alle vier Wochen bei einem dieser Stammtische war. Und dafür ist er sicher nicht jedes Mal aus den USA eingeflogen.


Text: christian-helten - Foto: oh