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„Ich beerdige dich in meinem leeren Grab“

Die Sucht verstehen und sie endlich abschreiben: Fünf Abschiedsbriefe von Abhängigen an ihre Droge
erik-brandt-hoege

In einer Klinik in Niederbayern gehen junge Mütter für vier bis sechs Monate in den Drogen- oder Alkoholentzug (mehr dazu in diesem Interview). In einem Teil ihrer Therapie schreiben sie Briefe an ihre Droge – Abschiedsbriefe. Wer sie liest, versteht mehr über das Entstehen einer Sucht, über die Ursachen von Abhängigkeiten. Mit Einverständnis der Schreiberinnen und der Fachklinik Schlehreuth druckt jetzt.de die Transkripte von fünf Briefen, die junge Mütter vor kurzem an ihre Droge geschrieben haben.

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Mein liebster bester Freund & Feind! Wenn ich nicht fühlen will, nicht mehr weiter weiß oder am Ende bin, ist immer Verlass auf Dich. Du trägst mich durch meine Verzweiflung, machst die Tage wieder erträglich, gibst mir Stärke wenn ich schwach bin. Ich brauche nichts & niemanden, wenn du an meiner Seite bist. Du füllst mich & begleitest mich. Doch Du besitzt zwei Gesichter & verstehst es, mich professionell hinter’s Licht zu führen. Du hast Deine schwarzen Seiten erst preisgegeben, als ich Dir schon längst verfallen war. Am Ende war nicht mehr Verlass auf Dich, sondern ich fühlte mich endlos verlassen. Und zwar von mir selbst. Mein Ich hatte sich aufgelöst. Ich war verschwunden, aufgequalmt, verzehrt & verzerrt, betrogen & belogen, in eine verschwommene, verworrene, dreckige Welt geglitten, in der ich die Realitäten nicht mehr wahrnahm, so wie sie sind. Wo bin ich geblieben? Wie kann ich mich entwirren? Du bist nicht die Befreiung, sondern die Versklavung meiner Seele. Du erleichterst meine Probleme nicht, sondern führst mich in ein abgrundtiefes Chaoslabyrinth, verstrickt mit endlosem Drama & falscher Existenz. Ich möchte & werde wieder von echtem Herzen fühlen, werde denken ohne Besessenheit und erleben ohne zerrissen zu werden. Deshalb endet unsere Hassliebe hier und ich werde Dich in meinem leeren Grab beerdigen, in das Du mich bei lebendigem Leib legen wolltest. Mein Leben ohne Dich ist gefühlvoller und begehrenswerter & ich möchte mich endlich wieder spüren können! Trotzdem werde ich Dich wahnsinnig vermissen, mich nach Deinem Schutz sehnen, nach Deiner Gesellschaft, Deiner Zuverlässigkeirt, Deinem Geschmack, Deiner Nähe. Ich muss gehen. Martina *** Liebes Heroin! Es fällt mir sehr schwer, dir diesen Brief zu schreiben. Ich möchte mich von dir verabschieden. Das fällt mir sehr schwer, deshalb habe ich auch Tränen in meinen Augen. Du warst lange Zeit immer für mich da. In deiner Gegenwart habe ich mich geborgen und unbeschreiblich wohl gefühlt. Du hast mir Wärme und ein sehr schönes Gefühl des Wohlfühlens geschenkt. Ich habe auch eine schöne Zeit mir dir verbracht. Doch du hast mir auch sehr weh getan & durch dich bin ich innerlich zerbrochen, durch dich habe ich großen Schmerz erfahren und ich habe mich lange Zeit selbst verloren. Das alles möchte ich nicht mehr. Es fällt mir nicht leicht, von dir loszulassen, doch ich habe bemerkt, dass es mir besser geht ohne dich! Ich danke dir für all die schönen Gefühle und Momente. Und ich hasse dich für all den Schmerz, den ich durch dich erfahren habe. Ich verabschiede mich von dir, weil ich „ICH“ sein möchte. Ich möchte nicht mehr beherrscht und geleitet werden. Ich hab’ dich lieb. Amelie *** Liebe Drogen! Ich will mich bei euch bedanken für die schönen Zeiten, die wir gemeinsam hatten. Auch wenn ihr mir oft weh getan habt oder mir Schmerzen bereitet habt, wart ihr, wenn ich ein Problem hatte, immer da. Ihr habt mir gezeigt, dass es ein Leben außerhalb der Realität gibt. Doch dann machte ich die Erfahrung ohne euch! Ohne Schmerzen und Leid. Oft hatte ich Sehnsucht nach euch, doch heute bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich weiß, ich brauche euch nicht mehr zum Weiterleben. Ihr habt mir meine Probleme abgenommen, doch nun habe ich gelernt, meine Probleme zu lösen. Ich bin ohne euch viel besser dran. Ich wache ohne Schmerzen auf, kann von Herzen lachen und bin glücklich. Ich bin wieder in der Realität und fühle mich hier wohl und sicher. Ich brauche euch nicht mehr! Ich werde unsere Zeit niemals vergessen! Danke für die schönen Momente! Doch ich will leben, deshalb gibt es keine Zukunft mit euch! Macht es gut! Sabine


Lieber Alk Speekok (Alkohol, Speed, Kokain)! 10 Jahre sind es her, als wir uns zum ersten Mal über den Weg gelaufen sind. Vom ersten Tag an verstanden wir uns prächtig, Nächtelang verbrachten wir gemeinsam ohne wenn und aber, ich war mir sicher: „Du bist es!“ Denn: ICH FÜHLTE MICH NIE ALLEINE. DU HAST MICH NIE ABGESTEMPELT, DU HAST DICH NIE ÜBER MICH LUSTIG GEMACHT. ICH HATTE SPASS MIT DIR. ICH FÜHLTE MICH VON DIR VERSTANDEN. DU WARST FÜR MICH DA. DU WARST MEIN BESTER FREUND!!! Doch mit der Zeit hat sich alles verändert, DU hast MICH verändert!!!! Du hast über mich, mein Leben und meinen Körper regiert. Ich dachte, ich könnte noch über mich selbst herrschen, doch ich hatte mich getäuscht, es war schon zu spät!!! Du hattest mich in deinem Bann, von dem ich alleine nicht mehr rauskam!!! Alles war mir egal: Mein Leben, meine Familie, die Welt. Alles wurde grau, ich ließ mich gehen, ich wollte mein Leben wegschmeißen. Doch EINS hattest du nicht geschafft mir zu nehmen: MEINE INNERE STIMME, die für mich sprach, die mir half! Jetzt bin ich da, wo ich mich selbst finden kann; wo ich gelernt habe, mich selbst zu verstehen und zu lieben; da, wo ich MEIN INNERES GLEICHGEWICHT sowie meine ZUFRIEDENHEIT wieder gewinnen kann. Mit diesem Brief will ich mich von dir verabschieden, denn ich RESPEKTIERE dich, doch es ist an der Zeit, dass sich unsere Wege trennen, denn ich kann auch ohne dich, ALLEINE, meinen Weg gehen. DIE WELT IST JETZT WIEDER BUNTER, DAS LEBEN MACHT JETZT WIEDER SPASS!!! „BEFREIUNG“ Tanja *** Ich will mich von dir verabschieden, liebes Crystal! Du hast mir sehr viel gegeben. Du warst immer da, wenn ich dich gebraucht habe. Du warst alles für mich – mein Freund, meine Mutter und meine beste Freundin. Trotz allem möchte ich mich von dir verabschieden. Du hast mich zerstört. Ich habe Sachen getan, die ich niemals nüchtern machen würde. Das Schlimmste an der Sache ist: Ich habe mein Kind hergegeben, nur damit ich dich haben kann. Du hast mich unter Kontrolle gehabt wie eine Marionette. Und das möchte ich nicht mehr. Und deswegen schicke ich dich zum Teufel und hoffe, dass du nie wieder in meinem Leben auftauchst. Es fällt mir sehr schwer ohne dich, aber im tiefsten Inneren weiß ich, dass es besser ist. Anna