„Ich bin überhaupt kein Opfer“

Madame bittet zum Gespräch: Carla Bruni über die Farbigkeit ihrer Musik, die Ehe mit Nicolas Sarkozy, ihr Verhältnis zur Presse und das Recht, sie zu kritisieren
uli-karg
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Illustration: Julia Schubert

Paris, 16. Arrondissement, Ende Juni. Im Schaufenster eines Hundesalons lässt sich ein stoischer Pudel trimmen. An Gemüseständen prüfen elegant gekleidete Damen gewissenhaft die Qualität von Baby-Artischocken und Zucchiniblüten. Erster Eindruck: Keine Hektik im Nobelviertel auf dem rechten Seine-Ufer. Keine Hektik auch in der Art Déco-Villa, die man über eine verlassene Sackgasse erreicht. Ja, das Interview, richtig: Madame sei gerade noch unterwegs, aber man solle es sich doch im Wohnzimmer bequem machen – Carla Brunis Assistent, ein zierlicher Charmeur, der einem Yves-Robert-Film entsprungen zu sein scheint, serviert Wasser in einem Jugendstilglas. Das Zimmer ist großzügig mit Büchern und CDs ausgestattet, die fein säuberlich in Regalen stehen. Keine Bilder. Nur eine Fotografie auf dem Steinway-Flügel, das die Hausherrin mit ihrem Gatten, dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy zeigt. Plötzlich schwingen die Flügeltüren auf und herein tritt eine Frau, die so gar nichts mit der förmlich-distanzierten Gestalt auf dem Foto zu tun haben scheint. Carla Bruni strahlt, entschuldigt sich wortreich für ihre Verspätung, lässt sich auf einen Hocker vor dem offenen Kamin fallen, zündet sich eine ihrer schmalen Zigaretten an. jetzt.de: Madame Bruni, was ist Ihnen als Songwriterin am wichtigsten? Carla Bruni: Dass man den Schlüssel zum Herz des Hörers findet. Das ist wohl das Größte für jeden Songwriter. Als ich noch Model war, hatte ich mit meinem ersten Album einen ähnlichen Eindruck gewonnen. Manche haben sich das Album angehört, weil ich ein berühmtes Model war. Aber manche haben auch gesagt, dass es sich echt nicht schlecht anhört. Es gibt etliche berühmte Leute, die auch Alben veröffentlicht haben. jetzt.de: Naomi Campbell zum Beispiel . . . Carla Bruni: . . . die aber ihre Songs nicht selbst geschrieben hat. Wenn du deine Songs selbst schreibst, dann bringst du einen Teil von deinem Herzen, von dir selbst ein. Es kommt von deiner Seele. Und du fragst die Menschen: Magst du für einen Moment in meine Welt kommen? jetzt.de: Da dürfte es nur wenige geben, die ablehnen würden. Vor allem, weil Sie ja nun nicht nur Ex-Model und Songwriterin, sondern auch noch Präsidentengattin sind. Gab es Zweifel, die Platte jetzt zu veröffentlichen? So vergleichsweise kurz nach der Hochzeit? Carla Bruni: Die einzigen Zweifel, die ich hatte, waren: Ist die Platte gut genug? Ist sie wirklich ehrlich? Und in Bezug auf meine Situation fühle ich mich absolut glücklich. Wie immer meine Situation sich auch darstellt: Es ist eine glückliche Situation. jetzt.de: Neid kennen Sie nicht, oder? In „Péché d’Envie“, einem Song auf dem aktuellen Album . . . Carla Bruni: „Envie“ hat im Französischen zwei Bedeutungen. Einerseits Neid, andererseits kann es aber auch Verlangen bedeuten. In diesem Song geht es eigentlich um Verlangen. jetzt.de: Verstehe. Carla Bruni: Was ich zum Ausdruck bringen wollte, ist die Tatsache, dass ich, so leid es mir tut, generell großes Verlangen verspüre. Es verlangt mich nach Leben, nach Gesang, nach einem Drink. (lacht) Es ist ein Song, der von Verlangen, von Begierde handelt. jetzt.de: Sie erwähnten Ihr erstes Album. Diesmal ist das musikalische Spektrum – auch verglichen mit der zweiten Platte – wesentlich breiter. Woran lag’s? Carla Bruni: Das lag zur Hälfte daran, dass ich die Songs einfach anders geschrieben und mehr offene Akkorde verwendet habe. Den Rest haben mein Produzent Dominique Blanc-Francard und die Musiker besorgt, die natürlich ihren eigenen musikalischen Ansatz pflegen. jetzt.de: Das Album klingt bisweilen wie eine Zeitreise durch die Musikgeschichte der letzten 50 Jahre. Carla Bruni: Das könnte man so sehen. Das Album hat verschiedene Klangfarben und jeder Song für sich hat wiederum verschiedene Farben. Das ist aber auch das Verdienst des Produzenten. Für ihn war jedes Lied eine Art Objekt. Manche Songs hatten ein 60er-Jahre-Flair, weil wir uns einfach an Musik orientiert haben, die uns gefällt, wie zum Beispiel den Beatles. Ein anderes Mal hat es uns dann wieder nach einer anderen Atmosphäre verlangt. jetzt.de: Besondere Akzente hat dabei Benjamin Biolay gesetzt. Was schätzen Sie besonders an ihm? Carla Bruni: Er ist ein so großartiger Songwriter. Ich liebe seine Musik, besonders das letzte Album „Trash Yéyé“. Lauter brillante Songs. Er ist ein großartiger klassischer Musiker. Der Produzent hat ihn gefragt, ob er für einen Song das Arrangement schreiben würde. Er schrieb es, während er den Song hörte. Das war sehr lustig, weil er mir dabei vorkam wie ein Dirigent. Er war auch am französischen Konservatorium und einer der besten dort. Als wir zusammen gearbeitet haben, ist seine Arbeit wahnsinnig gut mit unserer verschmolzen. Ich bin sehr stolz auf diese Zusammenarbeit. jetzt.de: Wann haben Sie die Songs eigentlich geschrieben? Es war immerhin einiges los bei Ihnen in letzter Zeit. Carla Bruni: Insgesamt hat es sechs Monate gedauert. Ich habe letzten Sommer begonnen und im Februar mit „Ma Jeunesse“, dem ersten Song auf dem Album, aufgehört. Auf der nächsten Seite erzählt Carla Bruni von ihrem Verhältnis zur Presse und darüber, wie es ist, derart im Rampenlicht zu stehen.


jetzt.de: Wenn Sie Ihre eigenen Lieder hören: Erfahren Sie da manchmal noch neue Geschichten über sich selbst? Carla Bruni: Wenn ich Songs anderer Leute höre, dann erzählen die mir natürlich Milliarden Geschichten. Bei meinen eigenen Liedern habe ich immer das Gefühl, in jenen Moment zurückversetzt zu sein, als ich das Lied geschrieben habe. jetzt.de: Reicht ja auch. Was damals sonst mit Ihnen los war, können Sie schließlich in Magazinen nachlesen. Carla Bruni: Die Leute machen doch auch nur ihren Job. Allerdings muss man im Umgang der Presse vorsichtig sein. Alles, was man sagt oder tut wird geschrieben und gedruckt. jetzt.de: Wahnsinnig anstrengend, oder? Carla Bruni: Diese Leute haben alle einen sehr harten Job. Ich war zwar nie Journalistin aber viele Freunde meiner Freunde sind Journalisten. Journalismus ist ein besonderer Job, ein Job, bei dem sehr viel Kreativität gefragt ist. Aber es wird nun mal über alles geschrieben, was passiert. Da ist es dann auch egal, ob es sich um Boulevardmedien oder seriöse Medien handelt. jetzt.de: So abgeklärt, wie Sie über die Presse sprechen, klingt das fast, als hätten Sie nie Probleme damit gehabt. Carla Bruni: Ich hatte nie ein Problem mit der Presse. Ich respektiere die Medien. Was auch immer geschrieben wird, es stört mich nicht. Es gibt keine Möglichkeit die Medien zu kontrollieren, also gibt es auch keinen Grund, es zu versuchen. Die Aufgabe der Medien ist es, zu informieren. Und das machen sie, sogar wenn sie kritisieren oder negativ berichten. Und das ist wichtig. Die Medien sind wie ein Fenster zur Welt. jetzt.de: Das klingt schön. Carla Bruni: Natürlich manipulieren Medien auch. Aber meine ersten beiden Jobs, Modeln und Musik, sind von den Medien abhängig. Deshalb ist es sehr schwer für mich, über Menschen zu urteilen mit denen ich arbeite. Ich benutze sie ja auch, um meine Arbeit und mein Image zu vermitteln. Es ist ein Deal. Und ich fühle mich davon nicht unter Druck gesetzt. Schließlich hätte ich ja auch Ärztin oder Anwältin werden können. Ich hätte studieren können – und ich wäre gerne Ärztin geworden. jetzt.de: Warum sind Sie es doch nicht geworden? Carla Bruni: Vielleicht bin ich einfach zu faul dazu gewesen. Was ich sagen will: Jeder hat die Möglichkeit, einen Job zu wählen, bei dem man nicht gezwungen ist, in der Öffentlichkeit zu stehen. Mir war klar, dass ich mich aufgrund bestimmter Entscheidungen öffentlich exponieren würde. Dasselbe mit meinem Mann. Es war eine absolut bewusste Entscheidung, ihn zu heiraten. Also kann ich doch jetzt nicht sagen, dass ich das Opfer von irgendetwas bin. Ich bin überhaupt kein Opfer. Und wenn irgendwem mein Image oder meine Arbeit nicht gefällt, dann darf er das ruhig sagen. Wir leben schließlich in einer Demokratie. jetzt.de: Was bedeutet das für Sie? Carla Bruni: Seit ich verheiratet bin, bin ich viel gereist. Wir waren in einigen Ländern, in denen es keine Demokratie gibt. Also sollten wir uns doch über unsere demokratischen Verhältnisse freuen. Es ist doch klar, dass das, was du machst nicht allen gefällt. Wenn du dich in die Öffentlichkeit begibst, musst du mit Kritik rechnen. Und dann wird auch kritisiert. Und selbstverständlich ist es erlaubt, zu kritisieren.

Text: uli-karg - Foto: Claude Gassian

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