"Ich habe unter Angstattacken gelitten"

Mit der Band "Echt" sang Kim Frank vor acht Jahren im Lied "2010" über seine Zukunft. Ist sie geworden, wie erwartet? Ein Gespräch über Ernüchterung.
fabian-mader

sollte sein Jahr werden, prophezeite Kim Frank in einem gleichnamigen Lied auf der letzten Tournee seiner Band „Echt“. Das ist jetzt acht Jahre her. Die Tournee musste die Gruppe damals abbrechen, weil zu wenige Tickets verkauft worden waren. Schließlich löste „Echt“ sich auf. Für Sänger Kim Frank ging danach nicht mehr viel zusammen. Erst verklagte ihn das Finanzamt, dann floppte die erste Soloplatte und die Boulevardpresse fand ihn übergewichtig. Es hieß, er sei pleite und rauche zu viel Marihuana. Wie geht es dem 28-Jährigen heute, im Jahr 2010? Ein Interview entlang der Songzeilen des Liedes. jetzt.de: Kim, Sie haben damals gesungen: „Meine Zeit wird kommen im Jahr 2010.“ Ist sie gekommen? Kim Frank: Wie man’s nimmt. Schön ist zumindest, dass ich nicht mehr so sehr in der Öffentlichkeit stehe. Ich habe einen Bart. Ich hab ein bisschen zugenommen. Wenn ich nicht will, dass mich jemand erkennt, dann erkennt mich auch keiner. Das ist ein ganz großer Luxus. Wirklich sehr befreiend. jetzt.de: Das klingt weniger nach Erfolg als nach ruhigen Tagen. Wie läuft das Jahr sonst? Frank: Ganz gut. Ich hab eine tolle Wohnung, eine tolle Freundin, schon seit einer Weile. Und ich schreibe an einem Roman. jetzt.de: Wann soll er fertig werden? Frank: Tja, die Vorläufe im Buchgeschäft sind ja unfassbar lang, man kann das Buch schon im Internet vorbestellen. Dabei bin ich, würde ich sagen, erst bei der Hälfte. Die Veröffentlichung ist angekündigt für März 2011. jetzt.de: So ein Abgabetermin soll ja manchmal hilfreich sein, um Projekte wirklich zum Abschluss zu bringen. Frank: Na ja, es ist finanziell nicht gerade aufregend, was man da bekommt. Insofern hab ich noch reichlich andere Dinge zu tun, um meine Miete zu bezahlen. Ich drehe jetzt hauptberuflich Musikvideos für andere. Da kommt eine Anfrage und zwei Wochen später ist gleich der Dreh.

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Illustration: Julia Schubert

Kim Frank vor ein paar Jahren - als er noch Sänger war. jetzt.de: Lässt sich mit Musikvideos überhaupt noch Geld verdienen? Frank: Nicht wirklich gut, aber die visuelle Darstellung ist für Bands nach wie vor wichtig, wenn auch nicht mehr im Fernsehen, sondern im Internet. jetzt.de: „Ich lebe in den Tag hinein, brauch nicht viel zum Überleben“ – Das haben Sie mit 17 Jahren gesungen. Heute ist das ganze Geld weg. Fehlt Ihnen der Luxus? Frank: Nein. Geld war mir nie so wichtig. Ich habe ja immer noch mehr als der durchschnittliche Angestellte. jetzt.de: In einer Boulevardzeitung war zu lesen, dass das Finanzamt gegen Sie ermittelt. Frank: Das ist glücklicherweise alles ausgestanden. Ich wurde nicht verurteilt. Das war ein Fehler meines Steuerberaters, der hatte vergessen, drei Kontoauszüge einzureichen. Damals war das gleich eine riesige Summe. jetzt.de: Warum sind Sie mit dieser Sache an die Öffentlichkeit gegangen? Frank: In der Steuerangelegenheit kam ein Reporter der Bildzeitung auf mich zu. Er wusste von meinem Fall. Ich hatte die Wahl, etwas dazu zu sagen oder es komplett ihm zu überlassen, was er schreibt. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass die Presse mit mir noch nie besonders zimperlich umgegangen ist. jetzt.de: „Ich sehe es dir doch an, du denkst, ich kriege nichts gebacken.“ – Als die Verkaufszahlen ihrer Soloplatte „Hellblau“ hinter den Erwartungen zurück blieben, gab es niederschmetternde Artikel. Die taz schrieb über Sie: „Mensch gewordenes Paradoxon der Hässlichkeit“. Frank: Ach ja? Kann ich Ihnen eine Frage stellen? jetzt.de: Bitte. Frank: Was glauben Journalisten eigentlich, was sie mit sowas erreichen? jetzt.de: Musikkritiker haben den Auftrag, für die Leser zu prüfen, welche Werke sich lohnen und welche nicht. Frank: Da kommen wir zu einem interessanten Punkt. Wenn Sie über die Kunst reden würden, hätte ich überhaupt kein Problem. Aber tatsächlich ist es ja so, dass sich solche Formulierungen auf die Person beziehen. Immer wieder. Konsequent. jetzt.de: Aber Sie profitieren auch davon. Ihre Platten haben Sie auch deshalb millionenfach verkauft, weil Sie von den Medien zum Superstar gemacht wurden. Frank: Also wenn mir vorher jemand erklärt hätte, was es bedeutet, berühmt zu werden, hätte ich das – nach dem, was ich heute darüber weiß – alles nicht gemacht. Ich habe unter Angstattacken gelitten. Ich gehörte ja schon als Jugendlicher zur Gruppe der Sozialphobiker. jetzt.de: Und wenn Ihr Roman Sie wieder in den Fokus der Medien rückt? Frank: Ich habe große Angst vor der Buchpromotion. Mein Verlag möchte, dass ich auch mit meinem Namen für das Buch werbe. Die wollen natürlich einen großen Erfolg. Mich freut es zwar, wenn viele auf das Buch aufmerksam werden und es lesen. Aber ich werde mich deshalb nicht wieder unglücklich machen. jetzt.de: „Was kommt dann, ein Baby und ein Ehemann?“ – Im Lied fanden Sie den Familienwunsch spießig. Heute auch noch? Frank: Nein, ich hätte sehr gerne Kinder. Aber die kommen bekanntlich, wann sie wollen, und noch wollte keins. Aber ich habe eine Freundin. Ich wüsste also nicht, was dem im Weg stehen sollte. jetzt.de: „Du willst einen Job bei der Deutschen Bank. Am liebsten für ein Leben lang“ – Das war damals ironisch gemeint. Wäre so ein Job heute nicht ziemlich beruhigend? Frank: Wie bitte? Niemals. jetzt.de: Warum nicht? Frank: Weil ich nach wie vor der Meinung bin, dass Selbstverwirklichung für mich gut ist. Also bleibe ich da weiter dran.

Text: fabian-mader - Foto: Universal

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