"Ich hätte mir sehr oft Sorgen machen sollen"

Kann man mit der Musik und dem Anspruch, sich selbst zu verwirklichen alt werden? Klar, findet Nagel, der früher in der Punkband "Muff Potter" sang und jetzt über die Provinz schreibt.
christina-waechter

Nagel, 34, war bis Dezember 2009 Komponist, Sänger und Gitarrist der deutschsprachigen Punkband „Muff Potter“. Dann löste die Band sich auf und Nagel (einfach nur Nagel) konzentrierte sich aufs Schreiben. Sein zweiter Roman „Was kostet die Welt“ handelt von Meise (einfach nur Meise), einem Berliner Barkeeper, der nach dem Tod seines Vaters Geld erbt und beschließt, es komplett und nur für Reisen auszugeben, um es schon mal ganz anders zu machen als der Vater, der es nie über Jena hinaus geschafft hatte. Zurück in Berlin findet Meise nicht mehr in sein altes Leben zurück. Also macht er sich mit den letzten 1000 Euro auf und kommt für drei Tage bei Flo unter, der an der Mosel den familiären Winzer-Betrieb weiterführt. Wir haben mit Nagel über die Provinz gesprochen und darüber, wie man es schafft, auch ohne Geld älter zu werden. jetzt.de: Obwohl der Protagonist deines Romans der Berlin-Slacker schlechthin ist – er hat keine Zukunftspläne, arbeitet als Barkeeper, hat bevorzugt schlechte Laune –, ist „Was kostet die Welt“ das Gegenteil eines Berlin-Romans geworden. Ist die Stadt auserzählt? Nagel: Ja, definitiv. Berlin ist für mich toterzählt. Wenn ich in einen Buchladen gehe und ein Buch sehe, das in Berlin spielt, dann törnt mich das direkt schon wieder ab. Deshalb war ich sehr froh, als ich an die Mosel gelangt bin. Ich wusste: ,Okay, das ist es jetzt, hier kann mein Roman spielen, das ist jetzt sogar für mich neu, da habe ich nicht bei jedem Satz und jeder Ecke das Gefühl, dass es vielleicht jemand schon besser oder genauer beschrieben hat.‘ jetzt.de: Stattdessen widmest du dich in dem „existenzialistischen Drama im Weißwein-Milieu“ der Provinz. Meise erlebt seinen Ausflug an die Mosel in einer unglaublichen Ambivalenz, aus der er bis zum Ende des Romans nicht rauskommt. Die Enge bedrückt ihn, gleichzeitig beneidet er seinen Kumpel Flo um die Sicherheit und die Beständigkeit. Nagel: Im Prinzip interessiere ich mich für Widersprüche an sich: dass man von den Bedürfnissen, die man so hat, selbst irgendwie abgestoßen oder gelangweilt ist und gleichzeitig nach etwas sucht und dem gar nichts Besseres entgegensetzen kann, eine Unbeständigkeit in sich spürt und eine Rastlosigkeit und überhaupt nicht weiß, wohin damit. Bei mir persönlich ist das nicht so extrem wie bei Meise, aber ich kann mit dieser Ambivalenz sehr viel anfangen. Ich selbst komme ja auch aus der westdeutschen Provinz und weiß natürlich so ungefähr, worüber ich da schreibe. jetzt.de: Die Ausgangssituation des Romans ist eigentlich ziemlich simpel: Meise erbt 15 000 Euro von seinem Vater und gibt alles sofort wieder aus – für Reisen. Und irgendwie kommt es einem so vor, als hätte er das einzig Sinnvolle mit dem Batzen Geld gemacht. Oder? Nagel: Ja schon, aber ich glaube, es ist ein bisschen komplizierter. Solange man arm ist und nicht darüber nachdenken muss, kann man von Tag zu Tag leben. Wenn man aber ein bisschen Geld hat, geht es los: Was ist denn im nächsten Jahr? Was, wenn ich mal Familie habe? Soll das so bleiben, dass ich immer zum Waschsalon gehe oder könnte ich mir nicht mal eine Waschmaschine kaufen? Die Idee ist schön und romantisch, aber ich glaube, die meisten Menschen würden sich da schon anders entscheiden.

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Illustration: Julia Schubert

Der Nagel jetzt.de: Meinst du, die meisten Menschen haben zu viel Angst davor, Geld auszugeben? Nagel: Ich glaube, dass mit ein bisschen Geld auch die Verlockung kommt, es zu horten, es anzulegen, es zu vermehren. Aber ehrlich gesagt kann ich das auch gar nicht so gut beurteilen. Mir geht es jetzt finanziell ganz gut, aber ich war mein ganzes Leben lang arm. Wobei man sagen muss: arm in einem luxuriösen Sinne. Ich hab in einer Band gespielt und habe in tollen Hotels gewohnt, man hat mir applaudiert. Und ich wusste gleichzeitig nicht, wie ich die Miete für die nächsten drei Monate zahlen sollte. Das ist natürlich auch eine ganz komische Art von Armut und Reichtum zusammen. Das ist nicht die Armut einer Familie, die von Hartz IV lebt, verschuldet ist und nicht weiß, wie sie durchkommen soll. Aber ich habe über zehn Jahre am Existenzminimum verbracht, deswegen hat sich mir die Frage auch so nie gestellt, ob ich zu viel Angst vor dem Ausgeben habe. jetzt.de: Hattest du Nebenjobs oder hast du ganz radikal gesagt, du willst nur von deiner Kunst leben? Nagel: Na ja, das habe ich mir vielleicht gesagt, aber funktioniert hat es natürlich nicht. Ich kann jetzt seit fünf oder sechs Jahren nur von meiner Kunst leben. Das geht mal gut, mal wird es ein wenig eng, aber es geht. Und es wird in kleinen Schritten immer besser, von daher kann ich mich überhaupt nicht beklagen. Und vorher? Hatte ich Nebenjobs, dutzende. jetzt.de: Das Slacker-Leben, das Meise in Perfektion lebt, sieht von außen bisweilen ziemlich beängstigend und stressig aus, weil er keinerlei Sicherheit hat. Nagel: Für viele Leute ist es das, aber für mich war es das nie. Ich hätte mir sehr oft viele Sorgen machen müssen und habe es zum Glück nie getan. Das empfinde ich fast als einen Luxus, der mir eingebaut ist, dass ich nicht so sehr auf Sicherheit setze. Ich will das nicht verurteilen, wenn andere das machen, aber bei mir ist es eben nicht so. Ich habe immer gedacht, dass es irgendwie funktionieren würde. Und wenn es dann vielleicht ein bisschen eng wurde mit dem Geld, dann war das nicht so wild, weil ich ja etwas hatte, woran ich glauben und arbeiten konnte. Mit so einer Einstellung kann man hervorragend Existenzängste beiseite wischen. jetzt.de: Aber so ein Leben ist doch auch nur solange möglich, wie man sich in einer bestimmten Szene bewegt, in der das toleriert wird. Nagel: Wahrscheinlich schon, ja. Oder man ist wirklich so gefestigt, dass es einem wirklich egal ist, was die anderen sagen. jetzt.de: Hast du das Gefühl, dass es ein Alter gibt, ab dem man vernünftig werden muss? Nagel: Für mich ehrlich gesagt nicht. Ich versuche natürlich schon dafür zu sorgen, dass ich nicht mehr die allerdümmsten Jobs machen muss. Aber ich mache mir tatsächlich keinerlei Stress. Und diesen Druck von außen kenne ich nicht. Meine Eltern beispielsweise sind schon relativ früh an mir verzweifelt und haben gemerkt, dass das überhaupt nichts bringt, mir Tipps zur Jobsuche zu geben oder sonstige Erwartungen zu haben. Die haben da einfach gegen eine Wand geredet und irgendwann aufgehört. Und ansonsten kriege ich ja auch total viel Bestätigung. Das ist ein wahnsinniger Kick, auf der Bühne zu stehen und Applaus zu kriegen und zu merken, dass das den Leuten etwas bedeutet, was man da macht, das wiegt wirklich jedes Gefühl von Sicherheit doppelt und dreifach wieder auf. jetzt.de: Und jetzt, wo du ein wenig Geld hast – macht dich das nervös? Nagel: Eigentlich auch nicht. Ich habe ein total entspanntes Verhältnis zu Geld. Ich finde Geld so abstrakt, dass ich ab einem gewissen Betrag überhaupt keinen Bezug mehr dazu habe. Ich weiß nur, dass ich mir jetzt gerade keine Sorgen machen muss, aber das ist auch alles. Und ich habe in letzter Zeit auch mal darüber nachgedacht, ob ich mir nicht mal neue Möbel kaufen könnte. Wobei mich diese Erkenntnis eher schockiert hat, dass das jetzt tatsächlich im Bereich des Möglichen wäre und ich nicht mal mehr nur zu Ikea gehen müsste . . . Ich weiß selbst, dass das relativ selten ist. Ich bin eben in der glücklichen Lage, mich nicht viel mit Geld zu beschäftigen. Ich finde nämlich auch, dass einem das sehr viel Lebensenergie raubt, wenn man sich ständig Sorgen macht. Und überhaupt ist heute doch eh nichts mehr sicher. Es gibt doch den einen festen Job fürs Leben kaum noch und von allen wird verlangt, flexibel zu sein, sich ständig fortzubilden. Und macht es dann besonders viel Sinn, so viel Energie darauf zu verschwenden, nach der totalen Sicherheit zu streben, wenn es die anscheinend sowieso nicht mehr gibt? jetzt.de: Hast du denn das Gefühl, dass du für deinen Erfolg mitverantwortlich bist? Nagel: Ja, auf jeden Fall schon. Dadurch dass ich diese wahnsinnig lange Buchtour mache, verkauft sich das Buch auch besser und es gibt mehr Aufmerksamkeit. Aber ich will ja auch so eine lange Lesetour machen, weil ich auch wissen will, ob ich das durchhalte. Ich will ja auch an meine Grenzen gehen. jetzt.de: Aber muss man da dann nicht zum totalen Selbstvermarktungs-Profi werden? Nagel: Das ist eine Diskrepanz, bei der man aufpassen muss, das ist auf jeden Fall schwierig. Die letzte „Muff Potter“-Platte haben wir selbst rausgebracht und da bin ich auch einen ganz schmalen Grat gegangen. Das nennt man dann so euphemistisch DIY, Do It Yourself. Aber im Prinzip ist man ja nur Unternehmer in eigener Sache. Und das wird dann schon schwierig, nicht immer nur zu denken, dass man jetzt Promo in eigener Sache machen muss. Sonst wird es nämlich meiner Meinung nach auch ganz schnell eklig. jetzt.de: Ich stelle mir vor, dass es schwierig ist, in dieser Szene und unter diesen Bedingungen älter oder sogar alt zu werden. Hast du denn ein Vorbild, jemanden, der es in deinen Augen richtig macht? Nagel: Es beruhigt mich tatsächlich total, dass es in meinem Umfeld Leute gibt, die älter sind als ich und sich auch immer durchgewurstelt haben, die gegen Widerstände ihren Kram durchgezogen haben, auch zu Zeiten, als es noch gar nicht klar war, dass man da mal von leben könnte. So jemand wie Henry Rollins interessiert mich da schon extrem, muss ich sagen. Gar nicht mal so sehr wegen der Dinge, die er macht, sondern wie er sie macht.

Text: christina-waechter - Foto: Jennifer Eberhardt

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