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„Als der Caster mich ansprach, dachte ich, der verarscht mich. Er sagte: Ich besetze gerade diesen Lars-von-Trier-Film. Du würdest ein Pornodouble bekommen und eine Vaginaprothese für die anderen Szenen. Hast du Lust? Was in dem Film von mir gezeigt wird, wurde klar im Vertrag abgesteckt. Bei den nahen Sex-Aufnahmen zum Beispiel sieht man nur die Pornodarstellerin, die mich gedoublet hat, Cindy.

Ich weiß also, dass das nicht ich bin, wenn es im Film hart zur Sache geht. Aber trotzdem fühlt sich das seltsam an, fast schizophren: Es sieht nämlich auch für mich echt aus, aber meine Erinnerung an diese Sexszenen ist eigentlich nur ein Sammelsurium technischer Anweisungen. Man hat mir diese kleinen schwarzen Punkte auf meinen Körper geklebt und ich musste mich zentimetergenau so hinlegen, wie es das Pornodouble davor getan hatte. Ich war in diesen Szenen eher eine Art Maschine oder Puppe: ,Warte, der Ellbogen des Pornodoubles ist noch ein bisschen höher. Jetzt noch nicht bewegen, das macht sie erst in fünf Sekunden!’ Die Sex-Aufnahmen waren echt verrückt. Das Set hat sich jedes Mal komplett verändert, wenn die Pornodoubles kamen. Erst wirkt alles ganz alltäglich, du unterhältst dich, es wird aufgebaut, und irgendwie hast du schon vergessen, was gleich passiert. Aber dann geht es los und du denkst: ,Hui, ich gehe dann jetzt besser mal einen Tee holen.’ Da hab ich mich schon unwohl gefühlt, das war sehr schräg.

Und dann ist da natürlich noch die falsche Vagina. Es dauert bis zu drei Stunden, die anzubringen. Glaub mir, das werde ich nicht noch einmal machen. Erst wurde ein Abdruck gemacht, damit die Abmessungen stimmen. Also sitzt du in einem Hotelzimmer, und es kommt jemand und nimmt einen Abdruck deiner Vagina. Das hört sich nicht nur seltsam an – es fühlt sich auch seltsam an. Und während dieser wirklich nette Prothesen-Spezialist das macht, plaudert er über seine Frau und seine Familie, während du selbst versuchst, an alles Mögliche zu denken, nur nicht an das, was da untenrum gerade passiert. Und am nächsten Tag musst du in aller Herrgottsfrühe raus, weil diese Prothese aus verschiedenen Schichten besteht, die einzeln aufgetragen werden müssen. Schicht für Schicht, Haar für Haar. Guten Morgen, dann fangen wir mal an . . .

Man wird mich bestimmt mit keinem Dreh mehr schocken können. Wo ist mein Pornodouble? Wo ist meine Intimprothese? Das steht von jetzt an immer in meinem Vertrag. Nein, im Ernst, ich finde es toll, dass so etwas möglich ist. Man hat das Beste aus beiden Welten, und wenn man ,Star Wars’ anschaut, weiß man ja auch, dass das nicht real ist.

Irgendwann im Laufe des Drehs hatte ich es satt, über Sex zu sprechen. Jeder hat sich immer Mühe gegeben, alles so angenehm wie möglich zu machen. Normalität zu simulieren. Aber es gab natürlich kaum ein anderes Gesprächsthema, weil es ständig irgendwas Sexuelles zu regeln gab. Das geht einem nach einer Weile ziemlich auf die Nerven, wenn ständig Worte wie Vagina, Penis oder Blowjob um einen herumfliegen. Ich habe mich in dieser Zeit tatsächlich geweigert, in meiner Freizeit über Sex zu reden. Davon hatte ich genug.

Ich kann schon verstehen, dass der Sex immer ein Thema ist, wenn man von ,Nymphomaniac’ spricht, aber ich finde die Aufregung auch etwas verlogen. Ja, klar, der Film handelt von einer Nymphomanin. Ja, es gibt Sexszenen. Und ja, es gibt auch echten Sex, weil die Pornodoubles echten Sex hatten. Aber es ist eben auch sehr viel mehr! Es ist die Geschichte eines Lebens, und es ist eine Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft, unseren Konventionen, unseren Werten. Lars hat da ein massives Werk geschaffen. Darüber wurde auch bei den Dreharbeiten oft gesprochen: Warum ist es ein Tabu, Sex einfach so zu zeigen, wie er ist oder sein kann? Man kann ihn auf eine romantische Art und Weise zeigen. Man kann Vergewaltigungen zeigen. Aber wenn man einen Mann und eine Frau beim Sex zeigt – ungefiltert, ungeschönt, ohne romantischen Hintergrund, reden alle von einem Skandalfilm. Warum denn?“ 



Text: alexander-soyez - Foto: dpa