Ich ist eine Marke

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Wenn Christian Sigl von seiner Arbeit erzählt, verzichtet er angenehmerweise ganz auf Gruselgeschichten. Der 26-Jährige verdient sein Geld mit Reputationsmanagement im Internet, er kümmert sich also um die Informationen, die man zu einer Person finden kann, wenn man im Netz nach ihr sucht. Doch Christian spricht nicht von peinlichen Partybildern im StudiVZ oder bei den Lokalisten, die Personalchefs bei der Vorbereitung eines Vorstellungsgesprächs finden könnten. Natürlich kennt er solche Geschichten, mit denen immer wieder vor sorglosem Umgang mit persönlichen Daten im WorldWideWeb gewarnt wird. Doch Christian warnt nicht. Er sitzt auf der Dachterasse eines Bürogebäudes nahe des Münchner S-Bahnhofs Laim und erzählt lieber von sich selbst: „Es gibt noch einen anderen Christian Sigl, der ist wie ich auch noch eher jung, wohnt ebenfalls in der Nähe von München, aber er schreibt Gedichte.“ Nicht, dass der Christian Sigl, der hier im Münchner Westen in der Sonne sitzt, etwas gegen Gedichte hätte. Aber er selber hatte noch nie das Bedürfnis, Lyrik zu verfassen oder gar zu veröffentlichen. Schon in der Schule interessierte er sich eher für Computer und das Internet und auch an der Uni fand man ihn selten bei den Germanisten, Christian Sigl studierte Betriebswirtschaftslehre. „Wenn man jetzt nach meinem Namen im Internet sucht, findet man Einträge zu dem anderen Christian und zu mir“, erklärt der Münchner. „Und natürlich möchte ich, dass Leute, die nach mir suchen, auch Informationen zu mir finden.“

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Illustration: Julia Schubert

Christian Sigl sorgt auch im Netz für ein gutes Bild Christian weiß, dass er mit diesem Wunsch nicht alleine ist. Wie ihm geht es vielen Menschen, die ihren Namen googlen – nur ganz wenige haben einen einzigartigen Namen. Für alle anderen hat Christian vor zwei Jahren mit einigen Freunden die Website MyOn-ID erfunden, deren zentrales Angebot er mit den Worten „Personal Branding“ beschreibt. „Es geht darum, alle Informationen, die zu einer Person im Netz verfügbar sind, zu bündeln. Das ist ein Angebot, das sich bisher nur große Unternehmen leisten konnten.“ Christian und das kleine Münchner Team bieten all das jetzt auch für Studierende, die ihren Namen im Netz gut positionieren wollen, oder für Job-Suchende, die das Internet als Bewerbungsbörse sehen. Damit gehen die Macher von My-On-ID einen anderen Weg als die Daten-Detektive, die gegen Bezahlung versuchen, unliebsame Informationen aus dem Netz zu löschen. „Personal Branding heißt, die Informationen, die über mich verfügbar sind, selber zu gestalten“, erklärt Christian: Das Gute betonen, das Unangenehme verschweigen. Deshalb kann man seit kurzem bei MyOn-ID selbst bloggen und Inhalte, die man auf anderen Webseiten – wie zum Beispiel jetzt.de – eingestellt hat, in einem so genannten Contentstream bündeln. „Wer im Netz aktiv ist,“ erklärt Christian, „hat mehr Möglichkeiten, sich und seinen Lebenslauf zu präsentieren.“ Bisher konnten sie rund 40.000 Nutzer von diesem Identitätsmanagement überzeugen – und auch Geldgeber fanden die Idee von MyOn-ID bestechend und investierten in das junge Start-Up. Doch mit dem Klischee eines jungen Web-Unternehmens hat Christians kleine Firma wenig gemein. In dem Bürogebäude, in dem sie ein paar Zimmer nutzen, gibt es weder Spielkonsolen noch einen Kicker. Das würde man hier vermutlich als Ruhestörung empfinden. „Wir sind ein StartUp“, sagt Christian und schiebt nach, „aber professionell.“ Bevor Christian sich mit MyOn-ID selbstständig machte, war er beim Münchner Mobilfunkanbieter O2 angestellt. Dort lernte er auch seinen Partner Mario Grobholz kennen, mit dem er gemeinsam die Geschäfte bei MyOn-ID leitet. „Es ist schon interessant zu sehen, wie in einem großen Unternehmen gearbeitet wird“, erzählt er. Aber irgendwann waren ihm die „Jahreszyklen“, in denen man die Ergebnisse der eigenen Arbeit sieht, einfach zu lang. Er suchte einen Job mit einer dynamischeren Entwicklung. Christian hat die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt und erzählt vom bisher schönsten Erfolg von MyOn-ID: „Wir stehen mit der Website mittlerweile in einem Schulbuch.“ In der neunten Klasse im Deutsch-Unterricht sollen Schüler den richtigen Umgang mit persönlichen Daten im Netz lernen. Und Christians Website ist ein beispielgebendes Angebot – damit niemand mehr Gruselgeschichten von peinlichen Partyfotos erzählen muss.

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