"Ich kenne die 'Miss Bundestag' nicht"

Was hat Erotik mit Macht zu tun? Ein Gespräch mit der 33-jährigen Agnes Krumwiede, die für die Grünen im Bundestag ist
andreas-glas
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Illustration: Julia Schubert

Agnes Krumwiede ist die kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag. Nach ihrer ersten Rede verpasste ihr eine Zeitung den Titel "Miss Bundestag". Und den wird sie nun nicht mehr so recht los. jetzt.de: Agnes, findest du Macht erotisch? Agnes Krumwiede: Ich finde Macht nur an denjenigen erotisch, denen es nicht in erster Linie um Macht geht, sondern um Inhalte. Wenn jemand die Fähigkeit hat, durch sein Können und durch Einfühlungsvermögen Menschen zu berühren, das finde ich erotisch - in Kunst und Musik! jetzt.de: Dabei gibt es doch gerade in der Politik zahlreiche Beispiele für das Klischee, dass Macht sexy mache. Man muss ja nur an Berlusconi denken. Agnes: Der Zusammenhang zwischen Politik, männlicher Macht und Erotik wird durch die Medien transportiert. Ich glaube, dass Macht bei Männern auch deshalb positiver besetzt ist als bei Frauen. In den Medien werden Frauen in erster Linie als erotisch dargestellt, wenn sie neben der Macht stehen. Also eine Carla Bruni eher als eine Angela Merkel. jetzt.de: Die Erotisierung der Macht gibt es aber auch bei männlichen Politikern. Bei Karl-Theodor zu Guttenberg heißt es doch auch ständig, wie attraktiv er denn sei. Agnes: Klar, Herr zu Guttenberg ist ein Paradebeispiel. Bei ihm ist Macht in der öffentlichen Wahrnehmung positiv besetzt, dann trägt er auch noch einen Adelstitel undsoweiter. Bei Frauen dagegen kommt sofort: ,Die ist jung und hübsch, also muss sie inkompetent sein.‘ Frauen an der Macht wie Angela Merkel bedienen sich meistens männlicher Machtsymbolik und tragen Anzüge. jetzt.de: Findest du zu Guttenberg erotisch? Agnes: Gegenfrage: Käme irgendjemand auf die Idee, Herrn zu Guttenberg zu fragen, wen er erotisch findet? jetzt.de: Dabei ist er doch so eine Art männlicher Gegenpart zu deiner Person: Die Bild-Zeitung hat dich schließlich zur „Miss Bundestag“ ernannt. Agnes: Ich kenne die „Miss Bundestag“ nicht. Das ist eine Projektionsfläche für Medien und Gesellschaft. Und es ist kein Bild, das ich selbst entworfen habe. jetzt.de: Was ist schlimm daran, gleichzeitig jung, klug und hübsch zu sein? Agnes: Gar nichts. Ich hatte auch kein Problem damit, dass die Bild-Zeitung mich zur „Miss Bundestag“ ernannt hat. Mein Problem war eher, was danach passiert ist: Ich habe einige Interviews geführt, in denen ich stundenlang über Afghanistan und Biokraftstoffe gesprochen habe und am Ende stand davon gar nichts in der Zeitung. jetzt.de: Du warst wieder nur „Miss Bundestag“? Agnes: Ja, aber ich weiß für mich selbst, dass ich nicht darauf reduzierbar bin. Ich kämpfe dafür, dieses Schubladendenken abzubauen. Eigentlich ist es ja nur wünschenswert, dass mehr junge Menschen die Politik mitgestalten, schließlich geht es um unsere Zukunft. jetzt.de: Warst du gegenüber den Medien anfangs zu naiv? Agnes: Die Medien inszenieren und beeinflussen oft das, was wir wahrnehmen sollen. Wenn man dann nur noch mit dieser Projektion kokettiert, hat man auf Dauer ein Problem. Aber ich habe das selbst in der Hand und kann das steuern. Grundsätzlich ist es gut, als Grüne in der Opposition von den Medien wahrgenommen zu werden. jetzt.de: Trotzdem hast du dich in den Medien sehr offenherzig präsentiert. Agnes: Offenherzig habe ich mich nie präsentiert. Aber: Vor meiner Zeit im Bundestag war ich Pianistin. Das ist ein Beruf, in dem man sehr viel von sich her gibt. Und zwar auf sehr persönliche Art. Mit diesem Ansatz bin ich auch in die Politik gegangen. Mit meinen Aussagen bin ich vorsichtiger geworden. Weil ich einfach keine Lust habe, mich mit Klischees und Oberflächlichkeiten auseinander zu setzen. jetzt.de: Strahlt ein Musiker mehr Erotik aus als ein Politiker? Agnes: Natürlich, weil ein Musiker im Optimalfall auf der Bühne seine Eitelkeit überwindet, ein Politiker kann die Selbstinszenierung in der Regel nicht abstellen. Wenn es einem Musiker gelingt, seine musikalischen Intentionen und Gefühle auf das Publikum zu übertragen, dann entsteht eine Stimmung im Konzertsaal, die unbeschreiblich ist. Dann geht es nur noch um die Musik, nur um die Sache. Musik schärft die Empathie bei den Menschen. Empathie ist etwas, das mir in der Politik oft fehlt. Zum Beispiel bei der Debatte um „spätrömische Dekadenz“ im Zusammenhang mit Hartz-IV. jetzt.de: Du wünschst dir also mehr Gänsehaut-Atmosphäre im Bundestag? Ist das nicht ein übertriebener Wunsch? Agnes: Die Fähigkeit, sich in Lebenssituationen von Menschen hineinzuversetzen hat nichts mit einem „Showeffekt Gänsehaut“ zu tun. Nehmen wir zum Beispiel Claudia Roth. Ihr geht es nicht um Eitelkeit, ihr geht es um die Sache und die Darstellung ihrer Inhalte füllt sie mit Emotionen. Das ist ihr Markenzeichen. Und das ist es, was ich meinte. Wenn es gelingt, die Eitelkeit zu überwinden und nur die Sache zu transportieren, erst dann entsteht für mich so etwas wie Macht im positiven Sinne. jetzt.de: Warum gelten Politiker trotzdem meist als langweilig? Agnes: Das hat ganz viel mit Macht zu tun. Jeder verbale Ausrutscher kann gegen einen Politiker verwendet werden, kann seine Macht gefährden. Das führt dazu, dass Politiker eine Sprache sprechen, die keiner begreift, weil sie völlig verklausuliert ist. Das ist extrem langweilig und trägt zur Politikverdrossenheit bei, weil die Sprache der Politik so unverständlich und unverbindlich wirkt. jetzt.de: Insofern muss dir dein „Miss Bundestag“-Titel ja auch neue Chancen eröffnet haben. Agnes: Auf unfreiwillige Art hat sich zumindest die Chance ergeben, dass sich viele Menschen meine Reden im Bundestag angehört haben, um hinter die Fassade zu schauen. Unter anderen Umständen hätte ich es vielleicht nicht geschafft, so viele Menschen mit meinen Inhalten zu erreichen. Das ist ein Vorteil, den man nutzen muss. jetzt.de: Deine erste Bundestagsrede hat aber auch deshalb Aufmerksamkeit erregt, weil sich Jürgen Trittin danach fast den Hals verrenkt hat, um dir hinterher zu schauen. Agnes: Es gab genug Menschen, die sich meine Rede ganz angehört und nicht nur auf die letzten Sekunden geachtet haben. Eigentlich will ich über dieses Thema nicht reden. Wenn aber ständig Leute danach fragen, muss man eben auch mal erklären, wie die Treppenstufen im Bundestag so geartet sind und dass Jürgen Trittin bei meiner Körpergröße gar nichts anderes übrig geblieben ist, als seinen Kopf in diesem Winkel zu drehen, um mir zu meiner ersten Rede zu gratulieren. Die Medien wollten eben dieses Bild. Aus dem Zusammenhang gerissen gibt es bei vielen Bildern unbeabsichtigte Interpretationsspielräume. Außerdem kann ich mittlerweile über den Hype um diese Szene nur noch lachen. In der Politik wird sowieso viel zu wenig gelacht. jetzt.de: Man hört in Berlin immer wieder von außerehelichen Liebesaffären der Politiker. Anscheinend hat die Macht doch eine erotische Anziehungskraft. Agnes: Ich glaube nicht, dass Affären auf den Kosmos Bundestag beschränkt sind. jetzt.de: Warum finden manche Menschen Macht sexy? Agnes: Ich glaube, dass es viel mit dem Visuellen zu tun hat. Es mag für manche Menschen etwas besonderes sein, wenn sie zum ersten Mal einen Politiker live sehen, den man eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt. Dann entsteht vielleicht eine Form von Fan-Kult. Das ist ja bei Filmstars genauso: Was mit Bildern transportiert wird, gewinnt oft einen erotischen Effekt.

Text: andreas-glas - Foto: oh

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