Ich klebe mir keine Warze an, um ernst genommen zu werden

Schluss mit dem Lolitaleben: Sängerin Annett Louisan möchte die Schuluniform ablegen und erwachsener werden
caroline-vonlowtzow

Die 26-jährige Annett Louisan spaltet das Publikum, wie es selten eine Sängerin tat: erfrischende junge Stimme mit augenzwinkernden Texten für die einen - schlüpfrig ausgedachte Pop-Lolita mit Sex-Kalkül für die anderen. Nach ihrem Debüt "Bohème" ist kürzlich ihr zweites Album "Unausgesprochen" erschienen, jetzt.de sprach mit der in der ehemaligen DDR geborenen Sängerin über Lolita- Image, Schulterpolster und Außenseitertum . Was ist besser im Leben: unterschätzt oder überschätzt zu werden? Ganz klar - unterschätzt zu werden. Diese Position ist so direkt, du kannst so viel mehr sehen. Ich kenne ein paar Menschen, die überschätzt werden und darunter sehr leiden, weil sie eine ganz andere Ausstrahlung haben, die sie viel stärker erscheinen lässt, als sie in Wahrheit sind. Das ist viel übler, als wenn man sich den Respekt langsam holt. Bist du eher unterschätzt oder überschätzt worden? Sowohl als auch. Wenn ich an die ersten Überschriften denke, die über mich geschrieben wurden, musste ich mich schon manchmal wundern. Das kam ja nicht von ungefähr. Für deine erste Platte wurdest du von deinem Label als "niedliche kleine Amazone" mit "Blondscheitel" angepriesen, die nur spielen will. Das ist jetzt aus dem Zusammenhang gerissen und überspitzt formuliert, aber ich würde heute vorsichtiger mit der Selbstdarstellung umgehen. Ich wusste nicht, welche Resonanz solche Beschreibung im Kontext mit dem Lied "Spiel"hervorrufen würde. Es hat dann eine Eigendynamik angenommen, die wir nicht mehr steuern konnten. Aber andererseits hat diese Provokation ja auch positiv gewirkt. Erst wollten wir überhaupt keine Single machen und dann wurde sie ein Riesenhit. Das ist doch besser, als wenn ich nur vor meinen Freunden gespielt hätte.

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Illustration: Julia Schubert

"Ich schäme mich nicht dafür, Mainstream zu sein" Böse Menschen sprachen damals von einer "Schlumpfine auf Speed." Das war die volle Breitseite. Auch das Wort Lolita ist echt strapaziert worden. Dabei fühle ich mich nicht als Lolita. Aber was soll ich dagegen machen? Ich klebe mir doch jetzt keine Warze an die Nase, nur damit ich ernst genommen werde. Sondern? Man sollte sich nicht davon unter Druck setzen lassen, was andere Menschen meinen. Wenn ich meine Musik jetzt in einem Hinterhof machen würde, kommerziell nicht erfolgreich wäre, dann würden die Leute, die mich jetzt schlecht finden, mich wahrscheinlich gut finden. Das ist verrückt. Aber ich schäme mich nicht dafür, Mainstream zu sein und eine große Menge von Leuten anzusprechen. Ganz im Gegenteil: Darauf bin ich stolz. Ich mache meine Musik weiter und hoffe, dass die Leute das mögen. Das ist doch das Wichtigste. Haben dich Leute auch früher schon unterschätzt? Musikalisch nicht. Eher privat. Woran hast du das gemerkt? Mir hat mal ein guter Freund erzählt, dass er mich komplett anders eingeschätzt hat, als er mich das erste Mal gesehen hatte. Dafür schämt er sich heute auch ein bisschen, weil er natürlich auch zuerst dachte: Ach, die Kleine, das Dummchen . . . Solche Situationen gibt es ja oft im Leben: Man hat das Gefühl, es gibt da draußen einige Supercoole, zu denen man selber aber dummerweise nicht gehört, und denkt: Die finden mich scheiße. Wie geht man damit um? Was macht man, wenn man der Uncoole ist, weil man die falschen Turnschuhe trägt? Ich bin stolz, keine Pumas zu tragen. Vielleicht bin ich ja komplett untrendig, aber ich fühle mich so gut dabei, weil es mich so frei macht. Auch in der Popmusik gibt es ständig Wellenbewegungen, nach einer Schulterpolsterzeit kommt plötzlich Crossover, aber jenseits all dieser Moden und Trends gibt es auch etwas, das bestehen bleibt. Das ist etwas Zeitloses, da stehe ich sehr drauf. Das zu finden ist allerdings schwierig. Wie schafft man es, sich von diesen Trends nicht verrückt machen zu lassen? Man muss selbstbewusst und zufrieden mit sich sein. Man sollte cool bleiben und darauf vertrauen, was man kann. Und man muss den richtigen Weg zwischen Selbstbewusstsein und Selbstkritik finden. Beides alleine ist gefährlich. Der Weg dazwischen ist der richtige. Und wie finde ich diesen Weg? Der ist schon verhältnismäßig schwer zu finden. Ich habe dafür keine Strategie, aber ich versuche, dazu zu lernen und hoffe, dass ich tolerant und offen bleibe für Neues. Ich weiß, das hört sich immer alles so einfach an, diese Theorie - aber damit fängt es an. Bei mir ist das ja auch oft genug so, dass ich nachts um halb zwei in irgend einem Hotel von Ängsten geplagt werde, aber das sind zum Glück nur Momente. Die sind aber auch wichtig, damit man sich dann wieder gut fühlt. Klingt wie aus dem Kommunions-Unterricht. Ehrlich: Ich glaube, man muss seine Probleme im Leben gehabt haben. Man muss kämpfen, denn es ist nicht ganz einfach, dieses Leben. Selbst wenn man ein positiver Mensch ist, ist es verdammt schwer, da durchzukommen, respektiert zu werden, Anerkennung zu bekommen und vor allem: sich selbst zu mögen. Aber ich merke immer wieder, dass gerade die Leute, die ganz hart kämpfen mussten, die Außenseiter waren, besonders tolle Menschen werden. Das ist doch geil. Ich hab ein Herz für die. Auf der anderen Seite gibt es die Menschen, denen alles gelingt. In deinem Lied "Eve" auf deiner neuen Platte geht es genau um einen solchen Menschen - du singst darin, wie du sie hasst. Naja, Hass, das ist ein großes Gefühl. Aber das tut auch manchmal gut, das ist eine Hilfe, mit sich selbst und seinen Unzulänglichkeiten fertig zu werden. Ich merke, die Leute haben ein Bedürfnis danach, auch mal ihren Hass auf solche Leute auszudrücken. Die jubeln, wenn ich "Eve" singe. Gab es in deinem Leben eine Eve? Ja, klar. Sie hieß natürlich nicht Eve. Ich wollte mich einmal mit dem Thema Frau-Frau befassen, weil ich das so interessant finde. Ein Kompliment von einer Frau kann sowohl verhängnisvoll als auch das Schönste für eine Frau sein. Das ist eine ganz eigene Welt, die ist viel intensiver, aber auch subtiler.

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Illustration: Julia Schubert

"Ich habe mehr mit Journalisten geredet als mit meiner Familie" - Fotos (2): Jim Rakete Die Texte auf deinem neuen Album sind vielfältiger als beim ersten. Eine Reaktion darauf, dass man dich so einseitig wahrgenommen hat? Klar. Das letzte Jahr spielt da unglaublich mit rein. Das erste Lied der Platte, "Das große Erwachen", ist ein bisschen der Gegenhieb an dieses letzte Jahr. Ich habe fast mehr mit Journalisten geredet als mit meiner Familie - über Image, Lolita und all das. Da war mir das schon ein Bedürfnis, mal zu sagen: Moment. Das sind ja nicht meine Tagebücher, die ich da verfasse, man muss da mit einer ganz gehörigen Portion Ironie und Augenzwinkern rangehen. Du singst in dem Lied davon, dass die kleine blonde Elfe mit gesenktem Blick ein Trick war, und im Refrain heißt es: "Jetzt möchte ich, dass du mich liebst, ganz genauso wie ich wirklich bin". Wie bist du denn wirklich? Das wird nicht verraten. Interview: roland-schulz und caroline-vonlowtzow

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