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Ich möchte Teil einer Umweltbewegung sein

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Bastien Girod sucht in seinem Laptop eine Datei. Mit einem Ohr lauscht er der Vorstandssitzung der jungen grünen Zürich, Bastien sucht das Bild mit den halbnackten Politikern. Da ist es! Auf dem Schirm sieht er die sieben Bundesräte, die in der Schweiz die Regierung bilden. In der Fotomontage der jungen grünen tragen sie Bademontur und stehen in einem Brunnen, das Foto soll auf eine Postkarte. Sie ist als Kritik an der Umweltpolitik der Regierung gedacht, die eine Klimaerwärmung von drei Grad für tolerabel hält. Die jungen grünen finden das zuviel. Bastiens Telefon schellt. „Hallo?“ Er geht aus dem Raum, in dem 20 junge Grüne die Aktionen im Dezember planen. Einer strickt. Aus dem Vorraum, wo Bastien telefoniert, dringt ein Jubelschrei. Als vor fünf Wochen in der Schweiz der Nationalrat neu gewählt wurde, durften sich von den etablierten Parteien nur zwei über ein Stimmenplus freuen. Die sehr konservative SVP und die sehr rührigen Grünen. Hubert Zurkinden, der Grünen-Generalsekretär muss noch mal nach der Prozentzahl blättern, vielleicht kann er sie immer noch nicht glauben. „2,2 Prozent mehr! Auf 9,6.“ Er klingt sehr zufrieden. „Als ich im Jahr 2000 hier anfing, habe ich mir Sorgen um den Zustand der Partei gemacht. Die politisch Aktiven waren im Alter von 40 plus“, sagt Zurkinden. Doch dann ging die Tür auf. „Da ist ein junger Mann in mein Büro marschiert und hat gesagt, er möchte sich engagieren.“ Bastien sagte zu Zurkinden: „Wir brauchen junge Grüne.“

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Bastien. Heute, drei Jahre nach der Gründung haben die jungen grünen in der Schweiz gut 1.200 Mitglieder. Die Mutterpartei zählt derzeit 5.000 Mitglieder. Ihre Gründung liegt gut ein Vierteljahrhundert zurück. „Ich saufe für drei!“ Mittagessen. Bastien Girod, 26 Jahre, beißt in einem Bistro im Zürcher Univiertel in ein Ciabatta, später am Tag wird er Unterschriften sammeln und sich mit dem Vorstand der jungen grünen treffen. Jetzt erklärt er, wie aus ihm ein grüner Politiker wurde. 2003 zum Beispiel. Als die USA in den Irak marschieren, kettet sich Bastien für Greenpeace in Großbritannien an das Tor der Esso-Zentrale, weil der Konzern George W. Bushs Wahlkampf gestützt hatte. Nach der Aktion verbringt Bastien 24 Stunden in einer Einzelzelle der Polizei und bleibt trotzdem insgesamt drei Jahre bei Greenpeace. Er lernt dort den Umgang mit Bildern, mit Medien, er lernt seine Anliegen so zu formulieren und zuzuspitzen, dass sie gehört werden. Auf den Leserbriefseiten der Zeitungen etwa. „Das ist die meistgelesene Seite nach den Todesanzeigen“, sagt er und verweist auf www.bastiengirod.ch. Dort sind einige seiner gut 100 Schreiben nachzulesen, die er zu Beginn immer vor dem Abschicken gegenlesen ließ. Das mit der Legasthenie ist aber besser geworden. „Wenn mich andere in der Schule plagen wollten, haben sie vor meinen Augen einen Käfer zerstört“, sagt Bastien, lächelt und zwickt die Augen dabei zusammen. Vielleicht ist das der Grund seiner Umtriebigkeit. Er ist empfindlich. In Zürich studierte Bastien Umweltnaturwissenschaften. Als ein Waffenhersteller für ein Recruitung-Event an die Universität kommt, legt er sich zusammen mit anderen Studenten vor den Stand. Bastien spricht von einem „Massen-Die-In“ und zeigt auf seinem Laptop die Bilder. Alle tragen T-Shirts mit Blutflecken, halten die Augen geschlossen. Bastien liegt mitten drin und skandiert durch ein Megaphon: „So sieht es aus, wenn die Produkte dieser Firma ihr Ziel erreichen.“ Bastien findet immer mehr Gefallen am „Prinzip Aktion“ und will es in die Politik tragen. Also gehört er 2004 zu den Gründern der jungen grünen, er schafft es sogar in den Züricher Gemeinderat. Und dann startet die Offroader-Aktion. „Scho unterschriabe? Gege Offroader!“ schreit Bastien am Bahnhof Stadelhofen in Zürich in den Feierabend-Trubel. Er trägt eine Fahne mit einem durchgestrichenen Geländewagen, drei junge Grüne sammeln mit ihm Unterschriften gegen Sport Utility Vehicles, SUVs. Sie wollen diese benzindurstigen Autos verbieten lassen oder mindestens mit Auflagen versehen. Weil diese Autos mehr CO2 ausstoßen und mit den hohen Frontpartien Fußgänger und Radfahrer gefährden. Immer wieder ziehen die Jungen Grünen in den vergangenen beiden Jahren durch die Stadt und versehen jedes SUV mit einem leicht lösbaren Aufkleber. „Ich saufe für drei“ oder „Keine Chance für Kinder“ steht darauf. Es gibt Anzeigen wegen Sachbeschädigung, aber das Kleben ist keine Sachbeschädigung. Es gibt laute Streits mit Autofahrern und laute Ermutigung – sogar aus Deutschland und Österreich gehen Bestellungen für die Aufkleber ein. Die Jungen Grünen werden bekannt, sie starten im Februar 2007 eine Volksinitiative. Wenn bis August 2008 insgesamt 100.000 Schweizer unterschreiben, muss das Parlament entscheiden, ob man etwa ein Maximalgewicht von Personenwagen in die Verfassung schreiben kann. Bis heute haben schon circa 60 000 Schweizer unterschrieben.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Beim Unterschriftensammeln für die Stopp-Offroader-Aktion. Schüler und Studenten drängen sich um den Offroader-Stand, eine ältere Dame kommt an den Tisch. „Läuft’s gut?“ fragt sie. „Ja“, antwortet Bastien. „Sehr schön!“ sagt sie. Es ist novemberfrostig und doch kommen an diesem Abend gut 200 Unterschriften zusammen. Die jungen grünen ernten jetzt die Früchte von Bastiens neuer Prominenz. „Sie sind doch jetzt im Nationalrat?“ fragt ein junger Mann. Bastien nickt. „Herzlichen Glückwunsch!“ Der Mann unterschreibt. Der Beginn einer Bewegung? Der „Typus Bastien“ ist ein Gegenentwurf zur Partei der klassischen Grünen, in der immer noch viele Pädagogen und Sozialarbeiter ihre Heimstatt haben. Bastien studiert, was er politisch vertritt. Seine Diplomarbeit schrieb er über die Szenarien im UN-Klimabericht, jetzt promoviert er zum Klimaschutz. „Aber“, schränkt er ein, „meine wissenschaftliche Arbeit eignet sich nicht für die politische Arbeit. Für die Politik brauche ich Werturteile. Beispiel Klima. Da brauche ich zwei Aussagen. 1. Ich will nicht mehr als zwei Grad Temperaturerhöhung. 2. Jeder Mensch soll nur eine Tonne CO2 je Kopf und Jahr ausstoßen. Daraus lässt sich dann eine Klimapolitik ableiten.“ Nicht nur Zustimmung: Mit welchen Tricks die jungen grünen Bastiens Chancen bei der Wahl erhöhten.


Nun hat die Zuneigung zu den jungen grünen aber nicht nur mit Bastien und CO2 zu tun. „Bei uns ist vieles einfacher, weil wir noch nicht so verfahren sind in den Strukturen“, sagt Aline Trede, 24, die schweizweite Koordinatorin der Grünen. Sie sieht in ihrer Partei eine Art Konter der jungen Schweizer gegen eine bürgerliche Mehrheit im Parlament, gegen eine Politik aus Kompromissen. „Die Leute haben keine Angst, zu uns zu kommen, weil sie nicht gleich ein Amt übernehmen müssen, weil aus einer Sitzung aber oft gleich eine Aktion resultiert.“ Dann holt sie Luft und sagt: „Sie wollen Teil einer Bewegung sein.“ Es geht um die Umwelt und um gemeinsame Wertvorstellungen, sagt Aline. „Für mich sind die jungen Grünen – meine Freunde.“ Aber nicht jeder freundet sich auch mit den Positionen der Nachwuchspolitiker an. Bei den Unterschriftensammlungen zur Stopp-Offroader-Initiative kennen manche Autofahrer kein Halten mehr. Sie schimpfen und drohen mit Formulierungen wie „Ich überfahr’ dich“ oder schicken schlimmere Sätze via Mail. „Ich weiß, dass ich Feinde habe“, sagt Bastien. Er glaubt, dass sich die Menschen von Gewohnheiten verabschieden müssen. „Das tut weh.“ Dieselbe Botschaft musste er auch seiner Mutterpartei vermitteln. Die gedienten Grünen hatten wenig Lust, ihm einen guten Listenplatz für die Nationalratswahl zu überlassen.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Bei der Vorstandssitzung der jungen gruenen. „Das war das Schwierigste“, sagt Aline. „Ihn bei den alten Grünen auf den vierten Platz zu bringen.“ Es gab parteiinternen Streit, schließlich kam es zu einer Kampfabstimmung um Listenplatz 4. „Wir wurden vorher alle Mitglieder bei den jungen grünen und waren dann bei der Versammlung und haben für Bastien gestimmt“, sagt Aline. Bastien gewann. „Die haben nicht damit gerechnet, dass wir so mobilisieren können.“ Nach der Wahl schreibt Aline einen „Appell an unsere Mutterpartei!“ und beklagt sich über die Mühen, die es kostete, Bastien in den Nationalrat zu hieven. „Wir sind euer Nachwuchs und ohne uns werdet ihr in 20 Jahren keine frische grüne Partei mehr sein.“ Nächsten Montag trifft sich der neue Nationalrat zum ersten Mal und Bastien ist als einer von 20 grünen Abgeordneten dabei. Bereits am Sonntag will er mit dem Rad von seiner WG-Wohnung in Zürich zu der Wohnung seiner Eltern in Bern fahren, wo er während der Sitzungswochen schlafen wird. Die Tour soll wieder ein Signal sein: Bastien Girod, der wohl einzige von 200 Nationalräten, der 100 Kilometer mit dem Fahrrad anreist. Klimafreundlich. Vorstandssitzung. Bastien kommt wieder zurück aus dem Vorraum, ein Grinsen im Gesicht. Er steckt sein Telefon weg, klappt den Computer auf und surft gespannt im Internet. Dann reicht er den Rechner umher. Auf einem Bild ist wieder der für Umwelt zuständige Bundesrat Moritz Leuenberger in Badehose zu sehen. Jetzt aber auf der Website von heute-online.ch. „Das ist uns zu heiss, Moritz!“ steht auf dem Bild zu lesen und die Redaktion von heute ruft die Leser zur Abstimmung: Darf man Bundesräte in Badehosen zeigen? Bastien hat den Bildausschnitt als Appetithappen an die Presse gereicht. Es hat wieder geschmeckt.

Text: peter-wagner - Fotos: pw

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