"Ich traue den Erwachsenen immer noch nicht"

Tocotronic haben ein Album gemacht, auf dem jeder Song von der Liebe handelt. Und singen als Mittvierziger über Pubertätsgefühle und Rebellion. Ein Gespräch über Knutschen im Jugendzimmer, die Lässigkeit von Countrysongs und eine Zusammenarbeit mit Miley Cyrus.
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Offiziell hat die elfte Tocotronic-Platte, die am 1. Mai erscheint, keinen Namen. Inoffiziell heißt sie „Das rote Album“. Das Rot hat einen Grund: Die Farbe ist die der Liebe, und vor allem darum geht es in jedem der zwölf Songs. Darüber haben wir uns also auch mit Sänger und Texter Dirk von Lowtzow (44) und Bassist Jan Müller (43) in Berlin unterhalten.
   
jetzt.de: Dirk, im Song „Die Erwachsenen“, der auch die erste Single des neuen Albums ist, singst du: „Wir wollen in unseren Zimmern liegen und knutschen / Bis wir müde sind.“ Ist das ein aktueller Wunsch?
Dirk von Lowtzow: Naja, der Wunsch ist unverändert da, aber in dem Song beschreibe ich natürlich einen Zustand aus der Jugend. Aktuelle Knutscherlebnisse würde ich weniger pubertär formulieren.
Die erste Zeile lautet: „Man kann den Erwachsenen nicht trauen“. Habt ihr das denn getan?
Dirk von Lowtzow: Nee, und ich glaube, ich traue den Erwachsenen immer noch nicht. Das Problem ist, dass man halt erwachsen ist.


Dirk von Lowtzow und Jan Müller sind die in der Mitte.

Seid ihr gerne Teenager gewesen?
Jan Müller: Für mich war das eigentlich eine schwierige Zeit. Den Zustand der jugendlichen Leichtigkeit hatte ich so nicht. Für mich war die Pubertät von großen Irritationen geprägt. Ich finde dieses Lied auch deshalb so schön, weil es sich an Jugendliche richtet und ein bisschen utopisch an die eigene Jugend erinnert. Ich bin jetzt viel glücklicher – und überhaupt ganz glücklich, erwachsen zu sein.
Dirk von Lowtzow: Ich habe meine Pubertät nicht als so eine wahnsinnig schwere Zeit empfunden wie Jan. Ich war unglaublich viel damit beschäftigt, mich in einen subkulturellen Zusammenhang zu träumen, den es nicht gab. Ich bin nicht wie Jan in Hamburg aufgewachsen, sondern in der totalen Provinz: In einer Reihenhaussiedlung in einem Vorort von Offenburg. Öder geht es gar nicht mehr.

Also hast du dich in eine Phantasiewelt geflüchtet?
Dirk von Lowtzow: Die Welt war schon da, nur nicht für uns. Zusammen mit fünf, sechs Freundinnen und Freunden habe ich im Wäschetrockenkeller meiner Eltern Videos gedreht, oder wir haben uns fiktive Plattencover ausgedacht für Bands, die noch zu gründen waren. Manchmal habe ich auch selbstentworfene Modestile auf der Straße ausgeführt. Man hat halt irgendwie versucht, sich ein Image zu verschaffen.

In Offenburg.
Dirk von Lowtzow (seufzt): In Offenburg. Von dieser Zeit handelte später unser Song „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“. Studiert habe ich in Freiburg, das war schon besser, und später in Hamburg gab es sie endlich: die Möglichkeit, sich kulturell auszutoben.

Wären eure Teenager-Ichs mit den jetzigen Mittvierzigern Müller und von Lowtzow zufrieden?
Dirk von Lowtzow: Och, ich glaube schon. Ich entspreche weitgehend dem Bild, das ich mir früher von mir gemacht habe. Der Jugendliche, der ich damals war, der würde mich jetzt ganz cool finden.
Jan Müller: Ich bin mir nicht sicher. Ich bin heute ein anderer als der, der ich damals werden wollte. Bei allem Kult, den die Jugend in unserer Gesellschaft genießt, muss man ja mal sagen, dass das nicht die intelligenteste und reflektierteste Zeit des Lebens ist.

Eure letzten Alben habt ihr auf sehr reduzierte Weise aufgenommen. Das rote Album klingt viel opulenter, poppiger und ausufernder produziert als die vorherige Platte „Wie wir leben wollen“.
Dirk von Lowtzow: Ja, das war unsere volle Absicht. Wir wollten ein Pop-Album machen. Das gesamte Klangbild ist viel kristalliner und klarer. „Wie wir leben wollen“ haben wir mit einem Vierspurgerät aufgenommen, was ein sehr eigenwilliges Klangbild ergeben hat. Die Platte war sehr basslastig, mit tiefen Frequenzen und so Sixties-artig, was auch die Idee war. Jetzt wollten wir genau das Gegenteil haben.

Habt ihr euch im Studio umstellen müssen?
Dirk von Lowtzow: Klar, extrem sogar. Wir haben die letzten Alben sehr unmittelbar und live aufgenommen, das war körperlich hart. Wir haben bis zu zehn Stunden ohne Unterbrechung musiziert und waren zu großer Präzision gezwungen.
Jan Müller: Dieses Mal war es eher vom Kopf her anstrengend. Das Körperliche, das man im musikalischen Sinne als „rockig“ bezeichnen kann, hat Platz gemacht für das Poppige – für Konstruktionen und Konzepte.

Das Konzept ist vielleicht das schwierigste überhaupt: Das Album handelt von vorne bis hinten von der Liebe.
Dirk von Lowtzow: Eben. Wenn du dich entschließt, das Thema „Liebe“ in Angriff zu nehmen, musst du zunächst mal als Band sehr viel reden. Da geht es sehr schnell ins Persönliche, auch ins Schmerzhafte. Man verlässt dabei schnell seine Comfort Zone, wie man neudeutsch sagt. Aber der Ausdruck passt.

>>>"Wusstet ihr übrigens, dass Miley Cyrus eine hervorragende Countrysängerin ist? Wirklich toll. Es gibt Aufnahmen, da singt sie wie Dolly Parton.<<<



Der Titel des Liedes „Ich öffne mich“ war also die Devise?
Dirk von Lowtzow: Genau. Erst mir gegenüber und dann gegenüber den anderen. Mir ist das nicht leicht gefallen. Ich bin vom Wesen her kein sehr offener Mensch. Man gleicht das, was man schreibt, unweigerlich ab mit dem eigenen Leben, den eigenen Erfahrungen. Deshalb ging es bei dieser Platte nicht, um den heißen Brei herumzureden und diese postmodernen Textspielchen zu veranstalten, die ich sonst so mag. Sonst wird es bei diesem Thema schnell zu schwafelig.

Dann also lieber Sätze wie „Ich hafte an dir wie eine Zecke an einem Tier“.
Dirk von Lowtzow: Ja. An diesem Text haben wir lange gearbeitet, damit die Bilder wirklich präzise sind. Ich bin sehr zufrieden, dass wir auf dem roten Album noch mal eine andere Seite von uns preisgeben. Es wäre deprimierend, wenn wir irgendwann in ein bestimmtes Genre abrutschen. Was man tut, will man für sich selber natürlich spannend halten.

Muss man erwachsen sein, um solche Texte schreiben zu können?
Dirk von Lowtzow: Vielleicht. Vielleicht kann man auch ganz jung sein, 20 oder so. Als wir damals anfingen, haben wir sehr unmittelbare Lieder gemacht. Dann wollten wir das Bild korrigieren, das das Publikum von uns hatte, es kamen andere Interessen wie Filme und Literatur hinzu. Es gab auch eine Phase, in der wir Lust hatten, die Lieder immer weiter zu verrätseln, auch, um uns abzugrenzen.
Jan Müller: Ich weiß sehr genau, was Dirk kann und nehme auch Einfluss darauf, in welche Richtung wir uns als Band bewegen. Und ich finde die neuen Lieder jetzt für diesen Augenblick schöner und lässiger, als wenn wir uns noch höher in irgendwelche Diskursrock-Türme hochbegeben hätten.

Stichwort „lässig“. Musikalisch lasst ihr es ganz schön laufen. „Chaos“ und „Solidarität“ sind richtige Countrysongs.
Jan Müller: Einen lässigen Eindruck zu erzeugen, ist gar nicht so einfach. Umso glücklicher sind wir, wenn er denn entsteht.
Dirk von Lowtzow: Dieses Lässige ist tatsächlich etwas, das man erst im höheren Alter draufhat. Country ist ja im Grunde ganz simpel: immer dieselben drei Akkorde. Aber man macht sich keine Vorstellung, wie schwierig es trotzdem ist, einen ausgewogenen, gut komponierten Song zu schreiben.
Jan Müller: Es kommt auch drauf an, wo man herkommt. Hank Williams war jung, als er seine großen Hits schrieb, mit 30 war er schon tot. Wir kommen ja eher aus der wütenden, punkigen Ecke – da ist Country eben eine Sache, die man erst später entdeckt.
Dirk von Lowtzow: Wusstet ihr übrigens, dass Miley Cyrus eine hervorragende Countrysängerin ist? Wirklich toll. Es gibt Aufnahmen, da singt sie wie Dolly Parton.

Würde euch das Freude machen, mal mit so jemandem zusammenzuarbeiten?
Dirk von Lowtzow: Ich hätte nichts dagegen, mit Miley zu arbeiten. Das Interesse ist vielleicht nicht so gegenseitig. Obwohl, man weiß es nicht. Sie schreibt ja auch mit Wayne Coyne von den Flaming Lips.

Wer ist eigentlich der „Rebel Boy“ aus dem gleichnamigen Lied?
Dirk von Lowtzow: Das ist so eine Art Messias, eine luziferische Figur. Literaturgeschichtlich ist es interessant, dass die Linie der Popkultur-Rebellen wie James Dean oder Marlon Brando auf den Schriftsteller Lord Byron zurückgeht. Und Byron wiederum bezog sich auf „Das verlorene Paradies“ von John Milton, der der erste Schriftsteller war, der Satan als Rebellen dargestellt hat: als schönen, jungen, schwermütigen Mann, der gegen seinen Vater Gott aufbegehrt: Das ist die Urform des heutigen Rebellentums.

Man wundert sich fast, dass es einen Song mit diesem Titel von Tocotronic nicht längst gibt.
Dirk von Lowtzow: Wir haben uns damit immer schwergetan, gerade weil es so naheliegend ist. Jetzt auf dem roten Album passt das ganz gut.

Ist „Das Rote Album“ jetzt eigentlich der offizielle Titel der neuen Platte?
Dirk von Lowtzow: Das ist der mündliche Titel. Das Album hat an sich keinen Titel, aber da rot die Farbe der Liebe und die Farbe der Rebellion ist, liegt das auf der Hand.

Du sagst „Ich öffne die Grenzen für dich“ oder „Sie irren, wenn sie sagen, dass dieses Ghetto dein Zuhause ist“. Ist das, bei aller Liebe, nicht schon Politik?
Dirk von Lowtzow: Das hat eine politische Dimension, logisch. Auch „Rebel Boy“ ist für mich politisch. Ich denke an die ganzen jungen Leute, die das Gefühl haben, nicht gebraucht zu werden. Die glauben, dass es keine Zukunft für sie gibt. Dieses Lied ist für die Jugendlichen geschrieben, die sich in unserer durchökonomisierten Welt nicht gut aufgehoben und unbehaglich fühlen. Speziell in Berlin beobachtet man das permanent. Die Stadt ist ein Sammelbecken desillusionierter Menschen aus aller Welt, die es schwer haben – aus Spanien und woher auch immer sie kommen.

Ist das bereits eine politische Aussage, ein Lied „Solidarität“ zu nennen?
Dirk von Lowtzow: „Solidarität“ ist der Versuch, ein Liebeslied zu schreiben, das auch politisch ist. Was in einem linken Kontext Solidarität ist, wäre bei den Christen vielleicht Nächstenliebe. Gleichwohl hat die Liebe als solche mit der Politik überhaupt nichts zu tun.

Text: steffen-rueth - Foto: Michael Petersohn/oh