jetzt.de: Auf deinem neuen Album gibt es einen Song, der sich mit dem Thema "Fremdschämen" befasst. Musstest du deinem Unmut darüber einfach mal Luft machen oder geht es dir auch darum, den Leuten einen Spiegel vorzuhalten? Jan Delay: Meinen Fans muss ich keinen Spiegel vorhalten. Das sind keine Menschen mit Erbsenwürde, sondern Gleichgesinnte. Deshalb ging es mir darum, zu sagen: 'Ihr seid mit eurem Gefühl nicht allein. Anderen geht es auch so.‘

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Aber es wird dir doch sicher auch mal passieren, dass dir bei deinen Konzerten der ein oder andere Fan im Publikum peinlich aufstößt. Jan Delay: Nein, denn ich kann mit Fug und Recht behaupten, die coolsten Fans der Welt zu haben. Und damit meine ich nicht cool angezogen, sondern unglaublich sympathisch. Aber das zeigt eben auch, dass eine gewisse Form von Liebe, Herzblut und der richtigen Einstellung fruchtet und Leute ansteckt, denen es ähnlich geht. Deshalb ist "Überdosis Fremdscham" eben weniger ein Song, um sich gegen andere abzugrenzen, sondern vielmehr einer, der Gleichgesinnte zusammenbringt. Ein gewisser Dr. Mück, Arzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, schreibt im Internet, dass er der Meinung sei, dass besonders solche Menschen zu Fremdscham neigen, denen in der Kindheit nicht die Fähigkeit vermittelt wurde, ausreichend zwischen eigenen und fremden Gefühlen zu unterscheiden. Findest du dich darin wieder? Nein, das sehe ich ganz anders. Für mich leiden solche Menschen unter Fremdscham, die ein entsprechendes Bewusstsein mitbringen. Ein Gewissen, das man auf andere Leute projiziert, sodass man sich fragt, warum sich bestimmte Menschen in der Öffentlichkeit oft bloßstellen. Das hat viel mit Erfahrung und Wissen zu tun, deshalb kann man den Leuten mit Erbsenwürde ihr Verhalten auch nicht vorwerfen - denen fehlt einfach die Kenntnis. Wir hatten eben das Glück, mit guten Sachen konfrontiert zu werden, während wir zu den Menschen wurden, die wir heute sind. Die anderen sind einfach arme Schweine. Dr. Mück meint außerdem, dass Leute, die sich vermehrt schämen und in ihrem Leben bedeutsame beschämende Erfahrungen gemacht haben, für das Erleben von Fremdscham empfänglicher sind. Dass man sich heute also deshalb mehr fremdschämt, weil einen die Eltern im Kindesalter beispielsweise zu oft nackt über den Campingplatz gejagt haben. Ich habe mich eher dafür geschämt, dass meine Eltern nackt über den Campingplatz stolziert sind (lacht). Aber in diesem Punkt würde ich dem Doc zustimmen, das trifft bei mir vollkommen zu. Ich habe mich als Kind wirklich für vieles geschämt, und die meisten Sachen hatten mit meinen Hippie-Eltern zu tun. Ich bin in einem halbbesetzten Haus in Eppendorf aufgewachsen, einem der reichsten und spießigsten Stadtteile von Hamburg. Da habe ich mich dann zum Beispiel dafür geschämt, dass wir keine Gardinen und keinen Teppich hatten wie in den Spießer-Häusern um uns herum. Ich wusste es eben nicht besser. Fremdschämen hat ja manchmal auch damit zu tun, dass man sich durch denjenigen, für den man sich schämt, in einer gewissen Weise in der Öffentlichkeit repräsentiert sieht. Im Song "Kartoffeln" hast du mal angemerkt, dass man sich als Deutscher im Ausland von Leuten mit Sandalen und Tennissocken repräsentieren lassen muss Ja, das ist schlimm. Aber ich würde mich auch als Engländer für sonnenverbrannte, besoffene Hooligans schämen. Genauso ist es, wenn ich den Fernseher anmache und deutsche Programme gucke. Wenn Fremdscham klein machen würde, könnte ich wirklich mit Stelzen unterm Teppich laufen. Meinst du, dass es Leute gibt, die sich auch für dich fremdschämen? Bestimmt. Das werden dann aber eher so Geschmacksfaschisten sein, die mich nicht mehr ernst nehmen, weil ich mit Udo Lindenberg oder Silbermond zusammengearbeitet habe. Ich glaube nicht, dass sich für mich jemand fremdschämt wegen der Turnschuhe, die ich trage oder der Songs, die ich geschrieben habe. Obwohl - wer weiß? Bei vielen Rappern deiner Generation kommt Fremdscham auf, wenn sie an die deutsche Hip-Hop-Szene denken. Ist das bei dir auch so? Nein, selbst zu den Hochzeiten von Gangsta-Rap nicht. Auch wenn mich viele für einen Öko-Rapper halten, war ich mir vor sämtlichen Feuilletonisten nie zu schade dafür, für Hip-Hop in die Bresche zu springen. Aber es gibt doch sicher HipHop-Künstler, die dir peinlich sind. Klar, aber eben nicht HipHop an sich. Denn nur weil ich ein Bild nicht mag, verteufel ich ja nicht die gesamte Kunstrichtung. Aber ich schäme mich auch für Samy Deluxe, obwohl er der beste Rapper im Land ist. Und zwar dann, wenn er Werbung macht für die GEZ. Weiß er das? Klar, ich habe mit ihm darüber gesprochen. Die haben ihn indoktriniert, dass es ohne die Gebühren keinen Kinderkanal und keine tollen Bildungssendungen mehr gäbe. Trotzdem bespähen und bespitzeln die mich, wollen in mein Haus und mich überwachen. Für was machen Rapper denn als Nächstes Werbung: Für den Hamburger Verkehrsverbund? Oder die Polizei? Für mich ist das nach wie vor der Feind. Kinderkanal hin oder her - die meisten Sendungen sind trotzdem scheiße. Dein Beginner-Kollege Dennis war ja auch mal in der Jury von Gülcans Karaoke-Show "Shibuya". Da dürfte dir auch ein Fremdscham-Schauer über den Rücken gelaufen sein, oder? Er hat mich vorher sogar noch gefragt, ob er das machen soll, und ich meinte nur: 'Mach das bloß nicht!‘ Dann hat er es aber doch gemacht, fand es selbst total schlimm und hat auch gleich die Karma-Quittung dafür bekommen: Die haben die paar Folgen nämlich drei Jahre lang immer wieder ausgestrahlt, sodass jeder dachte, der macht die Scheiße immer noch mit (lacht). Am 14. August erscheint Jan Delays Album "Wir Kinder vom Bahnhof Soul".

Text: daniel-schieferdecker - Foto: AP