Im globalisierten Museum

Unser Autor testet typische Münchner Nebenjobs: Heute arbeitet er als Brauereigehilfe an dampfenden Löwenbräu-Sudkesseln.
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Da hat man sich ein T-Shirt zum Wechseln mitgenommen und eine Mütze, damit die Haare nicht stinken. Da hat man extra die letzten Tage kein Bier getrunken, damit die Wochenbilanz am Ende nicht zu bös aussieht. Und dann das: Am Ende des Tages rieche ich nicht nach Hopfen, habe keinen Malz zu dampfenden Kesseln geschleppt. Und nur ein Radler getrunken. Als Einziger. Dabei war ich mir so sicher: Wenn ich irgendwo der Ur-DNS Münchens ganz nahe komme, dann in einer Münchener Brauerei. Da schwimmt sie in den Kesseln, köchelt und gärt, wird in Flaschen und Fässer abgefüllt. Wo mit der Münchner DNS hantiert wird, schaut es aus wie in einem Labor, nur ist alles viel größer. In den Kesseln könnten die Brauereigäule schön im Kreis laufen, die Malzpfannen sind groß wie eine Clubsauna. Am allergrößten sind aber die ZKDs – „Zylinderkonische Drucktanks“, erklärt der Herr Weninger. Da ruhen sich 4000 Hektoliter Bier aus, bevor sie abgefüllt werden. Der Herr Weninger ist Braumeister und passt am Computer auf, dass überall der Druck stimmt und der Lehrling nicht zu viel Energie verheizt. Und da habe ich mich gleich ein wenig geärgert. Denn vorm Computer sitzen kann ich eigentlich, hier aber nicht. Die Braukessel sind zwar auf dem Bildschirm mit Grafiken angezeigt und durch virtuelle Rohre verbunden, doch wenn ich drauf losklicke, macht es Bumm. Oder das Bier wird sauer.

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Illustration: Julia Schubert

Schön blöd, habe ich mir gedacht, dass ich ausgerechnet zum Löwenbräu gegangen bin. Augustiner liegt 900 Meter Luftstrecke über den S-Bahngleisen, und da pinseln sie die Alphasäure bestimmt noch per Hand aus den Hopfendolden. Aber der Augustiner will sich auf keinen Fall in die Karten gucken lassen. Und so tolle Fachbegriffe wie „Alphasäure“ bringt mir ja auch der Herr Weninger bei. Und auch Löwenbräu ist eine Münchener Brauerei, selbst wenn sie einige Fusionen hinter sich hat: Erst mit Spaten und Franziskaner, dann mit einem belgischen und einem brasilianischen Braukonzern, der dann die amerikanischen Budweiser-Panscher von Anheuser-Bush übernahm. Auch wenn München immer so tut, als wären die arabischen Medizintouristen im Sommer der einzige Globalisierungseffekt: Das stimmt nicht, inzwischen ist sogar beim Bierbrauen mehr Laptop als Lederhose gefragt. Zünftig rumlaufen darf hier eh keiner. Seit der Inbev-Konzern das Bierzepter schwingt, müssen alle neongelbe Warnwesten tragen. Das Alkoholverbot gilt auch für Gabelstaplerfahrer, aber: Jeder Brauerei-Mitarbeiter darf pro Monat 78 Liter Haustrunk für umsonst mit nach Hause nehmen, das steht so im Tarifvertrag. Und dazu nochmal weitere 78 Liter, für die er nur die Biersteuer zahlen muss. Wenn die Fahrer also 312 Halbe pro Monat verdrücken, laufe ich lieber mit gelber Weste rum, als bald gar nicht mehr. Alle drei Stunden setzen der Herr Weninger und ich einen neuen Sud an, 700 Hektoliter Bier. Das geht ziemlich automatisch, Knöpfchendruck hier, Mausklick dort, sehr gut auch ohne mich. Ich gucke mir lieber die Keller an, die 1850 ins alte Isarhochufer gegraben wurden. Riechen mittelgut, sehen aber gut aus: Die alten Wannen und Kessel wegzuschaffen ist den Brauern wohl zu anstrengend. So entsteht hier ein Brauerei-Museum, das auf seine Entdeckung durch Partymacher oder Tatort-Regisseure wartet. Die Abfüll-Anlage wäre eher was für die „Sendung mit der Maus“. Grüne Flaschen fahren Karussell, manchmal fliegt eine raus, wenn sie dem Laser nicht gefällt. Durch ein Rohr kommen mit Luftdruck die Kronkorken angeflitzt, und die Packmaschine hebt in der Stunde 40.000 Flaschen „Munich Lager“ in Sixpacks für die USA. Ich würde gerne noch zusehen, muss aber mit dem Herrn Weninger ins Labor. Dort verkosten und bewerten die Meister ihr Gebräu auf Fragebögen. Dazwischen gibt es ein Bröckchen Semmel, der Gaumen soll ja neutral sein. Während ich noch dem ersten Bier, einem Kristallweizen, hinterherschmecke, sind die anderen schon fertig. Schmeckt das nun wie „gekochtes Gemüse“, wie der Fragebogen anbietet? Oder eher „fruchtig, estrig, Banane“? Schwierige Aufgabe. Macht aber nichts. Denn das Anstrengendste an diesem Tag war, die Rahmschwammerl aus der Kantine zu verdauen. Korrekte Job-Bezeichnung: Brauer/Brauereigehilfe Verdienst: Nach Tarif - plus 156 Liter Bier Wie bewirbt man sich? Am Kessel: Nach einer Brauerlehre. Am Fließband: Einfach so. München-Faktor: Hat durch die Globalisierung gelitten, weil es um Bier geht: trotzdem 70 Prozent.

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