Im Jogginganzug zur Arbeit: Veronika hat für Vivienne Westwood geschneidert

Vor kurzem kam Veronika Eglinger, 24, aus Paris zurück nach München. Dort bestaunte sie eine Haute-Couture-Schau der Designerin Vivienne Westwood, für die sie vorher sechs Monate in London gearbeitet hatte. Ein Rückblick und eine Vorschau in Protokollform.
Lea-Hampel

Es hat mich unheimlich stolz gemacht, in Paris die Modelle auf dem Laufsteg zu sehen, an denen ich in der Schnittabteilung gearbeitet habe. Wie die fertigen Produkte auf dem Laufsteg aussehen, wie die Sachen kombiniert werden, mit Schuhen, Musik und Hintergrund, das war eine komplette Überraschung. Vivienne Westwood nimmt gerne Schüler von der Meisterschule für Mode in München, an der ich gerade meine Ausbildung zur Modellmacherin absolvierte, als ich den Aushang sah. Ich habe mich dann per Mail beworben und nach einem Monat kam schon die Antwort mit der Frage, wann ich denn kommen wolle?

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Illustration: Julia Schubert

Bei Vivienne Westwood ist alles sehr speziell. Sie hat mit Punkmode angefangen, dann hat sie ihre Technik entwickelt, mit der sie ausgefallene Modelle Prêt-á-porter-reif macht. Das wollte ich kennen lernen. Vor allem, weil ich bis dahin kaum Erfahrung als Modellmacherin hatte. Vorher hatte ich eine Ausbildung zur Damenschneiderin absolviert und im Gesellenjahr nur genäht und zugeschnittene Teile zu einem Produkt gefertigt. Als Modellmacherin entwickele ich den Schnitt, gestalte also auf dem zweidimensionalen Papier so, dass auf dem Körper ein Kleidungsstück entsteht. Ich habe vor allem zugearbeitet. Meine Vorgesetzte gab mir ein Modell, das ich für die kommende Kollektion neu definieren sollte. Ich habe zum Beispiel ein Kleid bekommen, das schon einmal Teil einer Kollektion war. Es hatte eine tolle Kragenlösung und wir wollten einen Mantel mit einem ähnlichen Kragen, einer ähnlichen Silhouette. Das Kleid habe ich mir dann auf der Büste angeschaut, den Schnitt auf einem der riesigen Tische ausgelegt und mit meiner Vorgesetzten besprochen, wie wir vorgehen, wo wir mehr Länge, mehr Weite wollen. Mit diesen Ideen haben wir es aus Probestoff zugeschnitten, grob ausgearbeitet und auf der Büste angeschaut. Nach dieser Arbeit war der Tag in der Regel schon vorbei, das ist alles sehr zeitaufwändig. Am nächsten Tag haben wir uns wieder das Kleid auf der Büste angeguckt, weil man Mängel nur dort sieht. Die Modelle wurden fünf bis zehn Mal geändert, bis man sagte: Das hat jetzt eine schöne, ansprechende Form. Am Ende des Reifeprozesses fand eine Anprobe mit Model statt. Vivienne sagte, was noch anders sein sollte und wir haben es eingearbeitet und im Originalstoff ausprobiert. Diesen Entstehungsprozess mit zu bekommen, das war sehr schön. In London bin ich übrigens regelmäßig in Jogginghosen zum Arbeiten gegangen – als ich gesehen habe, dass die anderen das auch machen. Man könnte dort sicher im Schlafanzug auf die Straße gehen und keiner würde komisch gucken. Die einen tragen ein Sari, die nächsten einen Minirock, auch mit Kleidergröße 50, im Winter trug auch mal jemand Flipflops. Mir ist nie aufgefallen, dass so etwas jemals auf Intoleranz gestoßen wäre. Zu München ist das ein Unterschied. Hierher nach München habe ich drei Kleider von Vivienne Westwood mitgebracht. Die sind mein ganze Stolz! Zwei habe ich im Lagerverkauf erstanden. Das Dritte durfte ich mir für meine Arbeit aus dem Archiv suchen. Ich habe mich für ein schönes pfirsichfarbenes Abendkleid mit einem asymmetrischen Saum entschieden. Noch hatte ich es hier nicht an – da müsste schon eine Freundin heiraten. Aber zum Glück: Es ist nicht an Trends gebunden. Und ich denke, es ist auch in zehn Jahren noch aktuell. Sofern ich dann noch rein passe. Was ich außerdem mit nach München bringe? Diese Geduld, die Dinge immer wieder zu ändern und nicht zu sagen, das passt schon; immer wieder nach sehr guten Lösungen zu suchen, bis es wirklich gut und stimmig aussieht; offener zu sein und nicht an klassichen Regeln festzuhalten. Und ich bringe viel Liebe für München mit! Von jetzt an in München zu arbeiten, das ist eine ganz bewusste Wahl, weil mir die Stadt, dadurch dass ich sie verlassen habe, so sehr ans Herz gewachsen ist: Erst in London habe ich gelernt, wie wohl ich mich in München fühle. Noch in London habe ich nämlich in einer Fachzeitschrift eine Stellenanzeige gelesen. Sie war von einer Firma, die hochwertige Mode herstellt und in London, auf dem Arbeitsweg zu Westwood, einen Laden hatte. Das Vorstellungsgespräch war erfolgreich und gerade habe ich hier in München meine Stelle angetreten. Meine Zeit in London hat dabei sicher eine wichtige Rolle gespielt. Foto: privat

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