Immer der Nadel nach

Wie die junge Türkin Ahu als DJ in Seattle eine musikalische Heimat fand
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Illustration: Julia Schubert

Ich suche Ahu Kelesoglu, 23, DJ aus Istanbul. Und finde ein Foto, auf dem ein hübsches, blondes Mädchen anlächelt. Einfach nur „Ahu“ steht darunter. „Das heißt auf Türkisch ‚Gazelle‘ – reicht doch völlig aus für einen DJ-Namen, oder?“, gibt das Mädchen mir meine erste Frage zurück. Ein Interview mit einem der fünf weiblichen Teilnehmer der „Red Bull Music Academy“ soll es werden, hier in einer ehemaligen Buchhandlung mitten in Seattle in den letzten Tagen des Jahres 2005. Und dann wird ein langes Gespräch daraus, während nebenan die Beats von House-Altmeister Kerri Chandler dröhnen, der den restlichen 29 Teilnehmern gerade an Beispielen erklärt, wie sein spezifischer NewJersey-Sound entstanden ist. Ahu arbeitet als DJ bei den populären Istanbuler Radiosendern Future Generation und Lounge FM, wo sie jeweils eine eigene Sendung, manchmal aber auch Schwierigkeiten mit den anderen – fast ausschließlich männlichen – DJs hat: „Mit meiner Musikauswahl ernte ich ziemlich oft Kritik. Ich liebe Soul und Jazz, für mich muss jede Platte ein bisschen Soul in sich tragen. In Istanbul ist es aber schwierig, jemanden für diese Musik zu begeistern. Das Istanbuler Publikum will vor allem House oder Achtzigerjahre-Rock hören.“ Als Zehnjährige wollte Ahu, die als Einzelkind mit Mutter, Groß- und Urgroßmutter in einem wohlhabenden, liberalen Istanbuler Haushalt aufwuchs, unbedingt Jazz-Sängerin werden. „Eigentlich bin ich mit westlicher Popmusik groß geworden. Bei uns zu Hause waren aber immer viele Musiker und Produzenten zu Gast, die türkische Folklore oder türkischen Pop gespielt haben. Insofern habe ich einen ziemlich vielfältigen musikalischen Hintergrund“, erinnert sie sich. Mit 19, als ihre Plattensammlung an der 1000er-Marke kratzte und Ahu mit mütterlichem Einverständnis und dank ihrer guten Kontakte zur Szene längst in Clubs ging, fing sie an, in der Bar eines Freundes aufzulegen. Es folgten Studium und Abschluss in amerikanischer Literatur und Englisch auf Lehramt als Tribut an das gute Elternhaus, ein paar Schreibaufträge für TV-Soaps und schließlich der Job als Radio-DJ. Der Traum, irgendwann zu singen und eigene Tracks zu produzieren, ist für Ahu aber immer bislang ein Traum geblieben. Nach Seattle kam Ahu, weil sie mit 2000 weiteren Bewerbern einen sehr persönlichen Fragebogen ausgefüllt und eine Audioprobe mit einem ihrer DJ-Sets eingereicht hat, bei dem sie „alles von Jazz über Nu Soul bis Deep House“ spielt. Beides hat eine Jury aus zwölf Musikern und Musikjournalisten so überzeugt, dass Ahu nun gemeinsam mit einer Gruppe junger Musiker, Sänger, DJs und Produzenten für zwei Wochen in den bergigen Nordwesten der USA gereist ist. Hier will Ahu „endlich Leute treffen, die mich musikalisch verstehen und von denen ich lernen kann, meinen Stil und meine Skills weiter zu entwickeln.“ Die Party in die Stadt bringen Organisiert wird diese vom Dachziegel bis zum hauseigenen Radiosender gesponsorte Veranstaltung von der Münchner Agentur Yadastar. Der Mitarbeiter Mani Ameri erklärt das Ziel der Academy: Man will „die Party in die Stadt bringen und die verschiedenen Szenen dauerhaft miteinander verknüpfen.“ Deshalb sei man nach Stationen in Rom, Sao Paulo und Kapstadt nun in Seattle, Das Konzept geht so: an einem jährlich wechselnden, musikgeschichtlich interessanten Ort sollen junge Talente „von den Alten“ lernen. Und weil das erwähnte Brausegetränk aus Österreich mittlerweile zur Clubkultur gehört wie die Nadel an den Plattenspieler, geht es dabei vor allem um Hiphop, elektronische Musik und alles, was dazu geführt hat. Die Alten, das sind neben Oldschool-, Techno-, Elektro- und House-Größen deshalb immer auch weniger geläufige Namen des Jazz oder Soul.

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Illustration: Julia Schubert

Ich danke der Academy: Eigentlich wollte Ahu Jazz-Sängeirn werden. (Fotos: redbullmusicacademy.com) Aber warum ausgerechnet Seattle? Touristen erscheint diese ehemalige Metropole des Grunge immer noch als musikalisch konservative „Rock City“. Die Clubs, in denen Teilnehmer und Dozenten der Academy auflegen, bleiben jedenfalls leer, selbst wenn dort Stars wie „Mad Mike“ Banks von der Detroiter Techno-Crew Underground Resistance oder Ahmir „?uestlove“ Thompson von den Roots auflegen. „Mit der Music Academy wollen wir die Leute nur anregen, der Groschen muss bei jedem selber fallen“, erklärte Mani Ameri damals in Seattle sein sehr offenes Konzept. Das schreit nach einer Stichprobe, durchgeführt einen Monat nach der Academy. Mit überraschendem Ergebnis: Ahu aus Istanbul, die am letzten Abend im Club ganz zart und in sich gekehrt wirkte, ist gar nicht erst nach Hause gefahren. In Seattle hat sie Freunde aus der „local crew“ der Academy gefunden, deren Freunde wiederum haben ihr ein Apartment besorgt, und so lebt Ahu aus Istanbul jetzt in Seattle und zum ersten Mal ganz alleine. „Ein tolles Gefühl“, findet sie, „aber manchmal auch ganz schön kompliziert. Ich hatte noch nie Wäsche gewaschen, bevor ich hierher kam.“ Aber nicht nur persönlich, auch im Hinblick auf ihre unverwirklichten musikalischen Träume hat sich für Ahu seit Dezember viel verändert. Sie singt, produziert und legt gemeinsam mit Sun Tzu und Fourthcity auf, zwei lokalen Soundsystems. In Seattle findet Ahu endlich auch das Publikum, das sie sich in Istanbul immer gewünscht hat: „In der Türkei fand ich mich mit meinen Sachen meistens in irgendwelchen ‚posh clubs‘ wieder, wo ich für neureiche Snobs aufgelegt habe. Hier sind die Leute sehr offen und zum ersten Mal wirklich an meiner Musik interessiert.“ Die nächste Music Academy findet findet Ende 2006 in Melbourne statt; die Bewerbungsphase startet am 16. April und geht bis Anfang Juni. Dieser Text stammt von der POP-Spezialseite, die am Dienstag 14.2.2006 in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist. Hier kannst du die komplette Seite als PDF ansehen.

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