Immer nie daheim

Die 20-jährige Aleksandra flüchtete aus dem Kosovo nach Deutschland und fühlte sich angekommen. Bis zu ihrer Abreise
anke-luebbert

Im Januar sitzt Aleksandra auf ihrem Bett im Asylbewerberheim Stralsund. In dem kleinen Zimmer drängen sich ihre Stralsunder Freunde, um sie zu verabschieden. Auf dem Fußboden stehen Kaffeetassen und Teigtaschen. Draußen vor dem Fenster liegt Schnee. Nach elf Monaten in Deutschland geht Aleksandra, 20, wieder zurück nach Serbien. „Wo wirst du wohnen?“ fragen die Freunde. Aleksandra sucht Karten und einen Wikipedia-Artikel: Požarevac ist eine kleine Stadt nahe Belgrad. Ihre Schwester Olivera, zwei Jahre älter, kommt ins Zimmer, geht wieder raus, packt Dinge, redet schnell und laut. „Ich werde meine Freunde wieder sehen, Cousinen, Cousins, Onkel und Tanten!“ sagt sie. Sie scheint zu jubeln. Jemand aus dem Asylbewerberheim hatte Olivera mal vorgeschlagen, sie solle sich doch einen guten deutschen Mann suchen und den dann heiraten. Olivera stellte eine Gegenfrage: Wie solle sie herausfinden, dass es ein guter Mann ist? Sie legte ihre Hand aufs Herz und sagte, dass sie auf Deutsch nie erklären könne, was dort alles drin sei. Aleksandra ist füllig, man traut ihrem schweren Körper nicht die Eleganz zu, mit der sie plötzlich aufsteht, in dem engen Raum herumgeht, Kaffee verteilt und Gebäck anbietet. Sie antwortet nur einsilbig auf Fragen. Sie hat im Dezember einen fünfmonatigen Deutschkurs als Beste abgeschlossen. Sie hat Energie investiert, um sich in der fremden Stadt zuhause zu fühlen. Sie mag die Menschen, das Meer. Sie hat Freunde gefunden. Aber bleiben geht jetzt nicht mehr. „Freiwillige Ausreise“ heißt es, wenn Asylbewerber, deren Antrag erfolglos war, Deutschland verlassen, ehe sie abgeschoben werden. Die Eltern haben lange mit Olivera und Aleksandra darüber gerdet. Ist es besser, zu bleiben, bis eines Tages die Polizei an die Tür klopft? Eine Abschiebung würde auch eine Wiedereinreisesperre bedeuten. Sie haben entschieden, zu gehen. „Ich will hier nicht weg“, sagt Aleksandra trotzdem. „Ich freu’ mich auf Serbien“, sagt Olivera. Wie kommt es, dass der Ort für die eine ein Zuhause ist, für die andere nicht?

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Illustration: Julia Schubert

Als Aleksandra 1990 geboren wird, bekommt sie einen jugoslawischen Pass. Die Neunziger sind aber keine gute Zeit auf dem Balkan, Jugoslawien zerfällt. Es drohen Unruhen. Aleksandras Mutter reist vor ihrer Geburt aus dem Kosovo nach Serbien, weil unter serbischen Frauen die Angst umgeht, dass die Albaner, die im Kosovo die Bevölkerungsmehrheit stellen, serbische Kinder im Krankenhaus töten. Ein Jahr nach Aleksandras Geburt erklären sich Slowenien und Kroatien unabhängig, dann auch Bosnien. Bis Aleksandra fünf ist, herrscht Krieg in Bosnien und Herzegowina. Auch im Kosovo wird es kritisch. Die Eltern schicken Aleksandra nach Beginn des Kosovo-Krieges 1999 mit den Großeltern nach Požarevac in Serbien. Olivera bleibt bei den Eltern im Kosovo und macht eine Ausbildung zur Friseurin. Im Kosovo wird die Familie als Serbisch beschimpft. Aleksandras Klassenkamerade in Požarevac reden jetzt abfällig über sie – weil sie Kosovarin ist. „Was will die denn hier?“, fragen sie. Aleksandra fühlt sich unwohl, vermisst die Eltern und die Schwester. Neun Jahre lang sieht Aleksandra ihre Familie nur an Wochenenden. 2004 stirbt der Großvater, 2007 die Großmutter. Mit 17 Jahren ist Aleksandra werktags alleine. Eine Nachbarin kümmert sich um sie. Im Februar 2008 erklärt sich der Kosovo von Serbien unabhängig und Aleksandras Pass wird Kosovarisch. Im Sommer 2008 schreibt Aleksandra ihr Abitur – im Kosovo zünden albanische Nachbarn das Haus der Eltern an. Nach dem Brand steht nur noch eine qualmende Ruine. Den Eltern reicht es. Sie beantragen Visa für Westeuropa. Die Familie reist schließlich mit dem Bus nach Norwegen und zieht in Oslo in ein Asylbewerberheim. Zum ersten Mal seit fast zehn Jahren leben sie als Familie zusammen. Aleksandra betreut die Kinder im heim-eigenen Kindergarten, freundet sich mit einem Mädchen aus Togo an und zerrt sich den Unterschenkel, als sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf Skiern steht. Ein halbes Jahr lebt die Familie in Norwegen, dann kommt Post. Das Asylverfahren müsse in Deutschland geführt werden, steht in einem Brief. Der Vater habe kein Visum für Norwegen, sondern nur eines für Deutschland. Sie ziehen um. Olivera und Aleksandra erobern Stralsund mit Leichtigkeit. Olivera findet einen Job, Aleksandra geht zum Deutschkurs. In den wenigen Monaten in Deutschland engagiert sich Aleksandra in einer Jugendgruppe und demonstriert mit anderen jugendlichen Flüchtlingen in Bremen für ein Bleiberecht. Und doch sind sie wieder in ihre alte Heimat gezogen.

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Illustration: Julia Schubert

Olivera (vorne) und Aleksandra. Es ist jetzt Februar in Požarevac. Die Abschiedsfeier im Stralsunder Aslybewerberheim ist einen Monat her und Aleksandra ist einsilbiger geworden. In der Küche eines niedrigen Hauses gucken ihre Eltern fern. Die Mutter sitzt auf dem Sofa, der Vater liegt, sein Kopf auf ihrem Schoß. Er war im Kosovokrieg Fahrer der serbischen Armee und hat bei einem Raketenangriff ein Bein verloren. Seither schläft er schlecht und nimmt Psychopharmaka. Die Eltern bekommen eine kleine Invalidenrente vom serbischen Staat. Um über die Runden zu kommen, reicht das aus. Sie haben gearbeitet, eine Familie gegründet, Krieg erlebt, ihre Heimat verlassen, versucht auszuwandern. Große Ambitionen haben die Eltern nicht mehr. Aus ihrer Sicht ist es schon eine Perspektive, in Ruhe gelassen zu werden. Die Mutter findet in den Läden wieder den hauchdünnen Blätterteig, aus dem sie Baklava macht. Abends serviert sie Sarma, die serbische Form der Kohlroulade. Ihr Vater trinkt Slivovitz und spielt mit anderen Männern Schach. „Für meine Eltern ist es gut, wieder hier zu sein“, sagt Aleksandra, „für mich ist es nicht gut.“ Nebenan schminkt sich Olivera für die Disco. Sie hat schon nach zwei Wochen einen neuen Freund gefunden. Olivera grübelt nicht so viel. Sie hat als Kind vier Monate mit ihren Eltern im Keller gesessen und gewartet, dass der Krieg zuende geht. Vielleicht hat sie da gelernt, die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Jedenfalls glaubt sie, dass es irgendwie gehen wird. Irgendwo wird sich ein Job finden und alles andere auch. In Serbien hat sie ihre wichtigste Waffe wieder: Sie kann reden, laut und bestimmt. Jeder versteht sie. Wenn Olivera ihren Freundinnen von der Zeit in Deutschland erzählt, klingt es so, wie wenn andere von ihrem Erasmusjahr berichten: In den Geschichten geht es um Freundschaften mit Menschen aus Afrika, Iran oder Afghanistan. Die Demütigungen und Einschränkungen, die das Leben als Asylbewerberin mit sich bringt, hat sie vergessen. Oder verdrängt. Übrig geblieben sind Anekdoten. Für Aleksandra ist der wichtigste Ort in Požarevac jetzt die Ecke im Wohnzimmer mit dem norwegischen Laptop. Sie skypet mit Freunden in Deutschland und Norwegen. Es fühlt sich komisch an. Ihre Eltern haben Vergangenheit zurückbekommen. Olivera organisiert die Gegenwart. Aleksandra fühlt sich um ihre Zukunft betrogen. Die Innenstadt von Požarevac besteht aus eingeschossigen Häusern, die Ende des 19. Jahrhunderts gebaut wurden. Der Park im Zentrum ist immer voll mit Menschen. „Keiner arbeitet, alle sitzen rum“, sagt Aleksandra. Die Arbeitslosigkeit liegt landesweit etwa bei 20 Prozent, in einigen Regionen sind es über 50. Wenn man Aleksandra fragt, was ihr hier nicht gefällt, sagt sie „alles“ und meint den Müll, der in den Straßen liegt. Oder die Tatsache, dass manchmal der Strom in der ganzen Stadt ausfällt und ein paar Stunden nichts mehr geht – kein Licht, kein Backofen, kein Internet. Gleich neben dem Park liegt das Rathaus, darin lange Gänge mit roten Teppichen. Vor der Pass- und Visastelle stehen die Leute bis in den Innenhof, die Luft riecht nach Schweiß. Hier warten sie schon seit Stunden. Auch Aleksandra wartet auf ihren Pass. Erst jugoslawisch, dann kosovarisch, jetzt serbisch. Ein drittes Mal in ihrem Leben ändert sich ihre Staatsangehörigkeit. Der Pass verspricht Reisefreiheit. Seit dem 1. Januar brauchen serbische Staatsangehörige kein Schengen-Visum mehr. „Alle wollen weg“, sagt Aleksandra. Für Aleksandra fühlt sich das Zurückkehren nach Požarevac deshalb umso mehr wie der Weg in eine Sackgasse an. Vielleicht wäre es woanders gar nicht besser, denkt sie. Aber zumindest hätte sie sich selbst für das „Woanders“ entschieden. In Požarevac gibt es das „Miloševic-Museum“. Ein Hausmeister schließt dort für Olivera und Aleksandra die Gartentür zu einem Einfamilienhaus auf. Sie stehen vor dem Grab von Slobodan Miloševic, geboren in Požarevac, serbischer Präsident von 1989 bis 1997 und anschließend Präsident der Bundesrepublik Jugoslawien. 1999 in Den Haag vor dem Kriegsverbrechertribunal wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Auf dem grauen Betonsockel liegt ein Herz aus Glas, mit Rosen gefüllt. Die Schwestern bekreuzigen sich. Aleksandra weiß nicht, dass Miloševic im Ausland als Kriegsverbrecher gilt. Sie will darüber nicht reden. All die Kriege, die Geschichte, das ist ihr zu kompliziert. Dabei gäbe es genug Gründe, sich für die Politik zu interessieren – sei es wegen des brennenden Hauses im Kosovo oder wegen des gescheiterten Asylgesuchs. Aber Aleksandra reagiert auf die politische Einmischung in ihr Leben mit Distanz. Sie möchte gerne studieren. Biochemie. Ihre Noten sind gut genug. Ihr Vater hat versprochen, das Geld für ein Studium irgendwie aufzutreiben. Aber Aleksandra hat schon eine andere Idee. Sie hat gehört, dass serbische Jugendliche ein Freiwilliges Europäisches Jahr machen können. In Deutschland.

Text: anke-luebbert - Fotos: hallobert/photocase.com; Autorin

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