In der Wartehalle der Freiheit

Im Café Horreya in Kairo träumten Intellektuelle, Schauspieler und Studenten Jahrzehntelang von der Freiheit. Jetzt ist sie da - und Touristen kommen, um die ehemaligen Träumer zu bestaunen.
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Zwei Einschusslöcher und ein paar schiefe, blaue Buchstaben. Das ist alles, mehr ist nicht geblieben von der ägyptischen Revolution. Auf den ersten Blick zumindest.

  „I want to see another President before I die“ hat jemand auf den Pfeiler neben den drei Stufen gesprüht, die vom Straßenniveau hinunter in das Café führt, das einen in diesem Tagen so symbolischen Namen führt: Café Horreya, arabisch für Café Freiheit. Weil der Platz knapp war, hat der Sprayer anstatt einem „before“ ein knappes „b4“ an die Wand geschmiert. Mit Abkürzungen kennen sich Kairos Blogger und Twitterer aus.

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Illustration: Julia Schubert



  Weiter rechts hat jemand schlicht „Justice“ an die Wand geschrieben, und darüber ist zu sehen, was das alte Regime darunter verstand: Als Polizei und regimetreue Schläger die Freiheit attackierten, für die auf dem Tahrirplatz gekämpft wurde, da schlugen auch zwei Kugeln durch die Fensterscheiben des Cafés, das den Namen Freiheit trägt. Aus Entfernung abgefeuert, aber gezielt. Die Kugeln flogen durch den Raum, sechs Meter weiter trafen sie in die Wand, der Putz platzte aus der Wand. Und unter einem dieser Einschusslöcher sitzt jetzt Ahmed.

  Obwohl die Revolution schon zwei Monate zurück liegt, ist er immer noch euphorisch: „Wir haben sie gefickt, Mann! Als sie den Zugverkehr abgestellt haben, sind wir zu Fuß zum Platz gelaufen. Ich sag’s dir: kilometerlang!“ Ahmed kommt aus der Mittelklasse, trägt Polohemd und fegt vor Begeisterung fast die Gläser vom Tisch, als er zu seiner Lieblingsanekdote kommt. „Und dann haben wir die Polizei an den Straßensperren kontrolliert, Mann! Wir, die Bullen, nicht andersherum! Mit einem Joint in der Hand.“

  Das Durchschnittsalter der 82 Millionen Ägypter liegt bei 24,3 Jahren, Ahmed liegt damit im Schnitt, er ist 25. Die Revolution wurde von seiner Generation getragen, sie haben nach 18 langen Tagen des Protestes den Dauer-Präsidenten Hosni Mubarak verjagt. Doch durch die Tür des Café Horreyas gingen seit jeher diejenigen, die für den Staat genauso wenig übrig hatten, wie er für sie: Künstler, Schauspieler, Schwule, Intellektuelle, Nichtstuer und Ausländer, die irgendwas mit Entwicklungshilfe zu tun haben.
Es gibt tausende Cafés in Kairos Innenstadt, viele sind nur ein paar Gehminuten vom Tahrirplatz entfernt. In sehr wenigen wird Alkohol ausgeschenkt, in allen nun über Politik debattiert, es hat sich viel aufgestaut in den letzten Jahrzehnten. Im Café Horreya aber traute man sich schon immer etwas offener zu sprechen. Während den Revolutionstagen dann hatte das Horreya aus Sicherheitsgründen geschlossen, aber nicht wenige sagen, dass es eh leer geblieben wäre: Weil alle Stammgäste in der Mitte des Tahrirplatzes zu finden waren.

  Die hohen Fenster neben dem Eingang sind weit geöffnet, aber bis auf Augenhöhe mit Spanplatten vernagelt. Es muss ja nicht jeder mitkriegen, wer hier gerade zusammensitzt, raucht, diskutiert. Und vor allem: wer hier Bier trinkt. Allah sieht es sowieso, die Nachbarn müssen es nicht unbedingt wissen.

  Die Revolution ist das Größte, was Ahmed bisher erlebt hat, er erzählt davon, als hätte er eine unglaubliche Nacht auf einem Festival erlebt. „Wir haben es geschafft. Wir, die Shabab el-facebook!“ – der einzige Schönheitsfehler in der arabisch-englischen Wortkombination ist, dass Ahmed gar nicht auf Facebook angemeldet ist. „Ich kann das nicht leiden, da hast du ja keine Privatsphäre mehr.“

  Aber egal, die Generation hat ihr Label bekommen, „Shabab el-facebook“, also „Facebook-Jugend“, ist in Klebebuchstaben auf den Heckscheiben von Autos zu lesen und auf den T-Shirts, die es an den Ständen mit Revolutionskitsch am Tahrirplatz zu kaufen gibt.

  Trotz zaghafter Renovierungsversuche sieht das Horreya immer noch aus wie eine französische Bahnhofshalle aus den Zwanziger Jahren: Hohe Decken, Tischchen mit Marmorplatten, einfache Holzstühle. Trotzdem passt es zu der neuen Generation, den „Shabab el-facebook“. Sie sind hier meist offline, doch das Netzwerk Horreya funktioniert ähnlich wie die Website: Jeder kennt jeden, notfalls über Eck. Nach außen ist das Café abgeschottet, innen ist es transparent: In die Wänden und Säulen sind Spiegel eingelassen, so kann man jeden Gast von jedem Platz beobachten. Ohne, dass er das merkt, wie eben auf Facebook.

  Saad kommt, der Kellner. Er ist Christ, wie fast alle Ägypter, die ihr Geld mit Alkohol verdienen. Die Mehrheit seiner Gäste sind Muslime, doch Religion ist kein großes Thema. Saad knallt ein paar Flaschen Stella-Bier auf den Tisch, geht weiter. Saad hat schon zu viele Gäste über Politik und Revolutionen schwadronieren hören, als dass es ihn noch interessieren würde. Nicht erst in diesem Jahr, als sich die Massen inspiriert von den Ereignissen in Tunesien auf dem Tahrirplatz versammelten, schon viel früher.

  Als das Café 1963 eröffnet wurde, herrschte Gamal Abdel Nasser, vier Jahre später begann Saad hier zu arbeiten. Er ist 61, trotz seiner Plateauschuhe klein, trägt einen Pulli mit buntem Aufdruck, wie ihn sonst nur Berliner Hipster mit ironischer Attitüde anziehen.

  Heba ist einer der wenigen, die auch im Horreya online sein wollen, und dazu braucht sie zunächst ein kleines Tuch. Auf dem Tisch liegen Zigarettenasche, Schalen von Sonnenblumenkernen und der in Kairo allgegenwärtige Fallout der von Dieselruß schweren Luft. Das mag ihr Laptop nicht. Heba zupft ein paar Mal den kunstvoll gefalteten Turm aus roter Seide zurecht, den sie als Kopftuch trägt, dann schreibt die 21-Jährige eine Twitter-Meldung: „Wenn wir ihn nicht kriegen, dann holen wir ihn: Nächsten Freitag Beachparty in Sharm el-Scheich.“

  In Sharm-el-Sheich, da saß bis vor kurzem Ex-Präsident Hosni Mubarak in seiner Prunkvilla, das Militär hatte ihn unter Hausarrest gestellt und erst jetzt beginnt es zögerlich, Mubarak zu verhören. Schätzungen zufolge hat er zwischen 40 und 70 Milliarden Euro veruntreut, und Heba versteht nicht, warum das Militär Mubarak nicht schneller vor ein Gericht stellte. Deshalb folgte sie letzte Woche den Aufrufen im Netz, zu demonstrieren. Hundertausende waren auf dem Tahrirplatz, es war eng und laut. Jetzt gibt es einen Pausentee.

  Wenn das Militär nicht auf ihre Forderungen reagiert, sagt Heba, „dann werden wir den Dieb aus seinem Schloss tragen, wir werden dafür 1800 Busse organisieren“. Alles scheint möglich, ganz Kairo fährt nach Sharm el-Sheich. Heba lacht, ihr Begleiter auch. Sie sagt noch etwas, doch den Rest verschluckt das Dröhnen der vielen Stimmen im Café. Nur ein hohes Klirren dringt durch das Gemurmel, wenn Saad und sein Kollege Milad mit den Öffnern auf die Bierflaschen schlagen, um die Gäste auf den Nachschub aufmerksam zu machen.

  Die Demonstranten auf dem Tahrirplatz bekommen inzwischen regelmäßig Besuch von Touristen, einige von ihnen kommen anschließend zu den Redenschwingern ins Horreya. Etwa die deutschen Friedensaktivisten, die sich jetzt Tische in der Mitte des Cafés zusammengeschoben haben. Sie tragen Anglerwesten und Gesundheitsschuhe, und lauschen unter einer aufgepflanzten Palästina-Flagge den Worten eines österreichischen Korrespondenten. „Die Flitterwochen zwischen Armee und Revolution sind nun vorbei“, sagt der wahrscheinlich, so genau ist das im Lärm nicht zu verstehen. Vor kurzem hat er aber etwas ähnliches im Netz gepostet.

  Die Augen der Revolutionstouristen leuchten, sie sind ja früher auch marschiert, nur hat es leider nie zum Sturz des Systems gereicht. Und als sie das Café verlassen, klopft einer im Vorbeigehen Said anerkennend auf die Schultern, über denen eine ägyptische Fahne liegt.

  Said ist Berufsaktivist, neben der Fahne hat er noch Charity-Armbänder aus Gummi um das Handgelenk, auch sie in den Nationalfarben. Said ist eben mit seinem Freund Samy vom Tahrir gekommen, dort ist die Stimmung in der letzten Nacht gekippt: Die Armee versuchte den Platz mit Gewalt zu räumen, es gab Tote, die Demonstranten verschanzten sich, Said und Samy waren dabei. Aber auch Aktivisten müssen sich mal ausruhen, und das Horreya sei die Auswechselbank der Profi-Revolutionäre, sagt Said, ähnlich wie beim Fußball sei das.

  Said ist 30, hat ein „Earth Hour“-T-Shirt an, die Haare im Afro-Look. Und im Gegensatz zu den vielen Ägyptern, die ihre Kassengestelle seit 20 Jahren tragen, hat er sich seine Nerdbrille aus modischen Gründen ausgesucht. „Mit Bussen nach Sharm, so ein Schwachsinn“, sagt Said. „Die machen den Tunnel unter dem Suezkanal dicht, da kommen höchstens Hundert an. Solche Träumer.“ Die Aktivisten sind sich nicht mehr so einig wie in den Tagen, als das große Ziel, Mubarak zu stürzen, alle Differenzen überdeckte.

  Kurz bevor die Ausgangssperre beginnt, mit der das Militär Kairos Straßen zwischen zwei und fünf Uhr morgens leer halten will, kommt Ramy mit zwei Freunden. Ramy ist 23, Upper-Class-Kid mit Marco Polo-Hemd und RayBan-Brille, und wohnt eigentlich mit seiner Familie in einem noblen Vorort. Eigentlich, denn seit ein paar Monaten hat er auch eine Wohnung in der Stadt, was sein Vater nicht weiß. Genauso wenig weiß der Vater, dass Ramy schwul ist. Und er sollte es auch besser nicht erfahren.

  „Die Zukunft wird schwierig, aber besser“, sagt Ramy, und das ist für Leute seiner Herkunft nicht selbstverständlich. Über Ramys Vorort ist eine Verhaftungswelle gerollt, die Väter von vielen seiner Freunde warten jetzt auf einen Korruptionsprozess. „Sie haben das Volk bestohlen. Aber das ist schon komisch, wenn dein Nachbar plötzlich weg ist“, sagt Ramy. Dann steht er auf, und geht mit ein paar Freunden zum Tahrirplatz. Ramy war während der Revolution oft dort. Seine Freunde aus dem Nobelvorort nicht, aber sie wollen schnell ein paar Fotos machen. Ohne digitale Revolutionstrophäen fehlt etwas auf einem ägyptischen Facebook-Profil. Drei Stufen bringen sie aus dem Café Freiheit, dann verschwinden sie in der Nacht. In der Freiheit, die sich nun zaghaft auch außerhalb des Cafés breit macht.



Text: moritz-baumstieger - Foto: Autor

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