"In München ist Sperma frischer": Über den Vice Guide to München

Cool jetzt auch hier: Das Magazin „Vice“ stellt das Leben zwischen Glockenbach und Schwabing vor – eine Besprechung
philipp-mattheis

„Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Münchner Sperma frischer und milchiger ist als das Sperma im restlichen Deutschland. München ist nicht nur sauber, sondern auch moralisch rein. Diese Stadt hat eine starke und gesunde DNA, die ihren Bewohnern eine absolute Gewissheit darüber verleiht, was richtig und was falsch ist – eine Gewissheit, die, weit über bloßen Katholizismus hinaus, tief greifende Auswirkungen auf das Sozialverhalten ihrer Bewohner hat. In München gibt es eine richtige und eine falsche Art über die Straße zu gehen, seine Kinder zu erziehen, Hefeweizen zu trinken, einen Ausländer zu beleidigen und auf Grundlage der Biotechnologie eine erfolgreiche Wirtschaft aufzubauen.“ aus: „Vice Guide to München“ Einem Münchner außerhalb Münchens kann es passieren, dass ihm eine 19-jährige Mannheimerin, die seit einem halben Jahr in Berlin studiert, Fragen stellt wie „Du kommst aus München? Lebst Du freiwillig da?“ Sprachlos zieht sich der Exilant auf die bayerische Siegfried-Stellung („Mia san mia“) zurück, bringt aber – immer noch perplex – nur ein „So schlimm ist es gar nicht“ heraus. Avantgarde und Leberkäs Münchner wissen, dass München ganz wunderbar ist. Nur erklären können sie es nicht. Weil sie diese Stadt nach kurzer Zeit verschluckt, sediert und einlullt. Weil Bier, Föhn und Isar die Sinne verwirren. Weil Münchner überhaupt nicht mehr auf die Idee kommen, Menschen außerhalb der Käseglocke könne das Leben innerhalb skurill erscheinen. Seit letzter Woche hat diese Erklärungsarbeit ein kostenloser Reiseführer übernommen: Der „Vice Guide to München“. Für alle, denen das Vice-Magazin nichts sagt: Das Heft zeichnet sich durch Fotos von behaarten Frauen und Reportagen über sexuell missbrauchte Orang Utans in Indonesien, oder das Alkoholverhalten Jugendlicher in der fränkischen Provinz aus. Das ist nicht jedermanns Sache. Vice ist: derb, eklig, arrogant, versnobt, sexistisch, skurill, beleidigend, verstörend, oberflächlich, geschmacksfaschistisch und kryptisch. Weil sich das zu sein kein anderes Magazin traut, ist das Vice-Magazin so etwas wie Avantgarde. Avantgarde also. Und jetzt München. Die zwei Worte standen das letzte Mal ohne Ironie in einer Zeile, als Wladimir Illjitsch Lenin noch im Schellingsalon Bier trank. Die Latte ist damit ist hoch gelegt. Zu hoch. Denn auch der „Vice Guide to München“ behauptet nicht, dass München auf einmal wieder total hip und angesagt sei. Aber er sagt etwas zu jungen, überdurchschnittlich gebildeten Menschen, die gerne American Apparel-Klamotten tragen und ab und an mal zuviel Drogen nehmen, denen es aber im allgemeinen recht gut bis sehr gut geht. Er sagt ihnen, warum sie in dieser Stadt ziemlich gut leben. Und vor allem: Er sagt das auch Nicht-Münchnern. Und die neigen ja dazu, schlecht über die Stadt zu reden.

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

München neu verkartet: Auszug aus der besprochenen Publikation. Der Vice Guide beginnt bei den Klischees: Weißwürste auf dem Cover, Leberkäs und Schnupftabak auf den ersten Seiten. Im Anschluss werden auf knapp 80 Seiten – nach Stadtviertel und Aktivität sortiert – enzyklopädisch wichtige Bars, Klamottenläden und Restaurants präsentiert. Beim Glockenbach, neben Schwabing das Lieblingsviertel der Vice-Redaktion, liest sich das dann so: „Das Glockenbachviertel soll angeblich die coolste Gegend sein, ist aber heute nur noch ein trauriges Beispiel für das Phänomen Gentrifizierung: eine billige Arbeitergegend, in der sich die intellektuelle Nomenklatura rumgetrieben hat. In der Künstler einmal die Sachen gemacht haben, die Künstler eben so tun. Alle haben Drogen genommen, Schwule konnten ihre Diversität zelebrieren und jeden Abend der Woche jemand anderen ficken. Alles war auf Poppers.“ Das ist nicht böse gemeint, das ist einfach Vice-Stil, das heißt: In diesem Viertel lässt es sich gut aushalten. (Das Wort „Gentrifizierung“ kommt übrigens häufiger vor – hier wurde übersehen: Diese Stadt ist komplett gentrifiziert!) Es folgen kurze Vorstellungen von Loretta Bar („Epizentrum des Faulenzertums“), Holy Home („Leber des Münchner Nachtlebens“), Plattenladen Optimal („Ein kleiner Hinweis für den Besitzer: Du bist echt unfreundlich, Kumpel.“) und anderen Anlaufstellen im Viertel. Da „gut in München leben“ selbst für extrem hedonistische Mittzwanziger mehr bedeuten kann als Ausgehen und Einkaufen, stellt der Vice Guide auch Museen, Bäder und umliegende Seen vor. So zieht sich das durch von Registratur, Atomic Cafe und Erste Liga über Atzinger und Schall&Rauch bis zum Viktualienmarkt und den Isarauen: Vice stellt coole Orte vor und lässt böse Sprüche ab. Auch wenn das Prinzip Kommentar-unter-der-Gürtellinie spätestens auf Seite 40 mehr als verstanden ist, stößt man immer wieder auf erstaunlich treffende Formulierungen wie „Der italienische Einfluss hat auch zur Folge, dass Münchner ein wenig zu sehr auf sportliche Freizeitmode abgehen und es folglich eindeutig zu viele weiße Hosen, gelbe Pullover und Sonnenbrillen in den Haaren gibt.“ Derb und kostenlos Auf eine Sektion für Schwule wurde verzichtet, dafür finden sich unter „München von A bis Z“ Sätze wie „Ein guter Ort, sich in den Hintern vögeln zu lassen, ist das Hotel zur Eiche, in dem schon Fassbinder und Freddy Mercury logierten. Es gibt dort einen unterirdischen Sauna-Bereich, der sich bis runter zum Isartor erstreckt.“ Puristen mögen sich über die viele Werbung aufregen, aber dafür kosten die 80 Seiten auch nichts: Den „Vice Guide to München“ findet man in angesagten Läden oder man lädt ihn auf der Website viceland.com/germany als PDF runter. Und auch, wenn der eine oder andere Ort fehlt (wie das Netzer & Overath, der Bergwolf und das Mariandl), bekommt der Münchner in der Defensive auf 80 Seiten Argumente, warum er in dieser Stadt gerne und freiwillig lebt. Er muss nicht mehr die geringe Arbeitslosigkeit, die Nähe zu den Alpen und die Sicherheit aufzählen. Er kann das nächste Mal, wenn Berliner Erstsemester aus Deutschlands Provinz blöde Fragen stellen, einfach laut „Mia san mia“ sagen und den Vice Guide to München auf den Tisch knallen.

  • teilen
  • schließen