Ins Wasser!

Vom Beckenrand zu springen ist verboten. Trotzdem macht es jeder, es geht nur darum, auf welche Art. Eine kleine Typologie der wichtigsten Figuren.
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Köpfer

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Illustration: Julia Schubert



Grundsätzlich: Der Köpfer, auch Köpper, Hecht oder formaljuristisch Kopfsprung genannt, ist natürlich der Klassiker des kleinen Stapellaufs. Er markiert für die meisten Höhepunkt und auch schon das Ende der Beckenspringer-Entwicklung.

So geht’s: Meistens beginnt das Herantasten an den Kopfsprung mit einem in der Beuge versteinerten Einkippen in die Flachwasserzone des Beckens. Unabdingbar wichtig ist dabei, dass die Arme fest vornüber an den Kopf gepresst sind. Dergestalt stellt man sich schlotternd ganz dicht an den Rand, verkleinert in Zeitlupe den Winkel zur Erdoberfläche und lässt dann die Schwerkraft den Rest erledigen. Das sieht letztlich meist aus, als wäre man beim Purzelbaum versteinert worden und endet bisweilen in einem halben Salto inkl. Rückenprellung. Später wird der Köpfer aktiver angegangen, das bedeutet, mit Abstoßen und ansatzweise gekrümmter Flugbahn. Um einen Kopfsprung wie in der „Cliff“-Duschgel-Werbung hinzukriegen braucht es aber schon eher eine Klippe als den Beckenrand.

Der macht’s: Eigentlich jeder, Kinder als Mutprobe, junge Männer als Pflichtübung, junge Frauen als sportlicher Nachweis.

Was bleibt: Im Idealfall sollte der Köpfer gestreckt eintauchen und also wenig spritzen. Klappt vom Beckenrand aber nicht so gut, meistens tauchen Hände, Kinnpartie und Torso gleichzeitig ein. Sieht dann auch uneleganter aus als eine gute Kerze.



 
Kerze

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Illustration: Julia Schubert



Grundsätzlich: Die Kerze ist der Basic-Einstieg ins Wasser, für alle, die sonst lieber Treppe oder Rutsche nehmen. Sie ist das allerfrühste Wagnis und ziemlich bald dann nur noch Objekt des Spotts. Wer als Junge jenseits des elften Geburtstags noch Kerze ins Freibadbecken macht, der darf jedenfalls im Schulbus nicht auf einen Platz ganz hinten hoffen. Andererseits machen Taucher, die vom Forschungsboot in den Pazifik springen ja auch immer nur Kerze. Aber das weiß man eben mit elf noch nicht.

So geht’s: Eine Hand gerade an den Körper gelegt, die andere hält verkrampft die Nasenspitze zugepresst, Augen werden ebenfalls zugehalten, es folgt ein einziger großer Schritt ins Offene – platsch. Die Anfangskerze ist kein Sprung, sondern eher ein Straucheln. Später geht's ohne Nasenklemme und mit Körperstreckung.

Der macht’s: Alle irgendwann. Denn  die Kerze ist auch das Mittel der Wahl, wenn man sich sprungtechnisch in die Höhe wagt. Beim ersten Sprung vom Fünfmeter-Turm hört der Spaß auf, da macht erstmal keiner was anderes als eine Kerze. Auch nicht die aus dem Bus ganz hinten.

Was bleibt: Die Erkenntnis, dass man mit einer guten Kerze auch im Vier-Meter-Becken auf den Grund kommt und deswegen: ein süßsaurer Schauder der Tiefe.




Bauchplatscher

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Illustration: Julia Schubert



Grundsätzlich: Bauchplatscher verhalten sich zu Wassersport wie Rülpsen zu Rhetorik. Sie sind meistens vorher nicht geplant, sondern Universalergebnis nahezu jeden missglückten Sprungs.

So geht's: Als Bauchplatscher zählt alles, was breitflächig und unvorbereitet Körperteile und Wasseroberfläche zusammenbringt und auch Weichteile nicht ausspart. Anlass kann ein halbherziger Salto, ein falsch verstandener Kopfsprung oder, schlimmster Fall, eine plötzliche Unentschlossenheit während des Fluges sein.

Der macht’s: Erstmal keiner freiwillig. Ausnahme sind aufgedrehte Jungs die ihre Schmerzfreiheit damit unter Beweis stellen wollen. Zu beobachten sind aber gelegentlich auch Menschen, die im Besitz eines stattlichen Bauches sind und diesen eben nun einmal gewinnbringend einsetzen möchten

Was bleibt: Hämische Schadenfreude der Umstehenden und viel Spritzwasser am Rand, das nur langsam und schmachvoll in der Sonne verdunstet.
 




Hebebühne

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Illustration: Julia Schubert



Grundsätzlich: Kein Sprung, sondern der Übergang vom Sitzen am Beckenrand zu Stehen im Wasser.
So geht’s: Verkünden, dass das Wasser doch ganz schön kalt ist, dann wie bei einer komplizierten Reckübung den Körper langsam und mit Zehenspitzen voran ins Wasser ablassen, Atem anhalten oder fröstelnd rumzischen.

Der macht’s: Alle, denen das Wasser zu kalt ist oder die Angst vor Herzstillstand haben. Außerdem besonders elegante Mädchen, sonnenmüde Swimmingpool-Beaus und ja, auch die Badehauben-Omas.

Was bleibt: Die abgelegte Uhr am Beckenrand und kleine Wasserspritzer, mit denen sich vorher ordentlich abgefrischt wurde.




Arschbombe

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Illustration: Julia Schubert



Grundsätzlich: Auch einfach Bombe oder Paket genannt, ist sie das ironische Ausdrucksmittel aller Beckenrandcowboys, die ewige Furcht derjenigen, die sich gerade abgetrocknet haben und steter Anlass für Geschimpfe und Gejohle.

So geht’s: Abspringen, Beine anziehen oder im besten Fall sogar mit beiden Armen an den Körper binden, das anvisierte Publikum noch mal breit angrinsen. Wenn die Arschbombe als Grundlage für Flirts herhalten muss, besteht eine gewisse Herausforderung noch darin, sie so nah wie möglich am Beckenrand zu platzieren.

Der macht’s: Pubertierende Jungs aller Altersklassen.

Was bleibt: Viele Nachahmer bei den Jungs und viele verdrehte Augen bei den Mädchen. Und natürlich die Schilderung der kleinen Kinder, wie hoch diesmal die Spritzfontäne war.

Text: max-scharnigg - Illustration: Katharina Bitzl

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