Intimer als Unterwäsche

Wenn andere Leute ihren Computer nutzen, um schnell etwas nachzusehen, wird unserer Autorin Angst und Bange. Denn ein Blick in die Browserhistory eines Internetnutzers macht ein schonungslos ehrliches Bild von ihm sichtbar.
juliane-frisse

Es gibt wenig, was bei mir so zuverlässig einen Schweißausbruch verursacht wie die Frage: Darf ich mal kurz was an deinem Laptop nachgucken? Widerwillig reiche ich dann meinen Computer weiter an die Freundin, die wissen will, wie sie zu der Party am anderen Ende der Stadt kommt, oder an den Freund, der googeln möchte, wie man einen Satz nennt, der alle 26 Buchstaben des Alphabets enthält. Obwohl die Absichten meiner Freunde ehrenwert und nachvollziehbar sind, würde ich am liebsten wie aus der Pistole geschossen antworten: „Nimmdie17erTramundamHauptbahnhofdieU4!“ oder „EinPangrammbittegerngeschehennichtszudanken!“

Leider bin ich nicht allwissend, und es passiert, was passieren muss: Sie benutzen meinen Browser. Und die Adresszeile meines Browsers. Und auch noch die Suchmaschinen-Maske rechts oben. Und ich, ich rutsche nur noch nervös auf meinem Stuhl herum, betend, dass die automatische Ergänzung keine intimen Details meiner Internetnutzung aufploppen lässt.

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Illustration: Julia Schubert



Dabei ist mein Surfverhalten harmlos: In meinem jüngsten Browserverlauf finden sich vor allem Nachrichtenseiten, der RSS-Reader, ein Webmail-Programm, Google-Anfragen, ein Forum, Blogs, Facebook, Twitter. Ich bewege mich fast nie auf Seiten, die Netzmenschen unter dem Label „Not Safe for Work“ zusammenfassen. Nicht einmal Methoden, eitrige Pickel auszudrücken, habe ich in der jüngeren Vergangenheit gegoogelt, dafür die Konzerttermine einer krediblen Band. Ich bin also laut meiner Browserhistory sogar ein wenig cool und ansonsten unauffällig bis langweilig. Ich habe nichts zu verbergen!

Bloß heißt das ja nicht, dass ich nichts verbergen möchte. Ich verbringe jeden Tag mehrere Stunden im Internet. Mein Browser kennt mich wahrscheinlich besser als ich mich selbst, der Verlauf zeigt mich quasi nackter als nackt, er ist intimer als getragene Unterwäsche oder ein benutztes Kondom. So genau müssen auch meine engsten Freunde nicht über mich Bescheid wissen. Auch wenn die aufploppenden Intimitäten sie wohl nicht schocken würden.

Das Problem mit der Browserhistory ist ihre schonungslos ehrliche Vollständigkeit: Sie zeigt nicht nur die paar schillernden Seiten meiner Person, sondern auch den großen, unspektakulären Rest. In einer Welt, in der nicht nur Bücherregale sorgfältig auf Außenwirkung kompiliert werden, sondern auch Profile, und in der Menschen eine Viertelstunde an ihren Facebook-Postings feilen, bis sie genau das Bild von ihnen vermitteln, das sie vermitteln sollen, ist man diesen ungeschönten Blick auf einen Menschen gar nicht mehr gewöhnt. Das kann man gesellschaftskritisch beklagen. Zuerst aber muss man damit klarkommen.

Den Browserverlauf kann man natürlich löschen. Aus Sicherheits- und Geschwindigkeitsüberlegungen ist das sogar zu empfehlen. Es macht bloß fast niemand, weil es sich mit einem gut informierten Browser so bequem surft. Besser also, ich merke mir das mit dem Pangramm. 



Text: juliane-frisse - Bild: dpa

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