Jetzt darf ich „Klausur“ sagen

Manche Begriffe kann man erst in einem bestimmten Alter in den Mund nehmen. Ein paar Gedanken übers verbale Erwachsenwerden
nadja-schlueter

Irgendwann hört das ja auf, dass man älter oder endlich erwachsen sein will. Bis dahin begleitet es einen aber stetig.
  Als kleines Kind zum Beispiel spielt man „Büro“ und fühlt sich wahnsinnig gut, wenn man Blätter mit Büroklammern zusammenheftet, mit dem Stift ein Gekrakel hervorbringt, das einer Unterschrift ähnelt, und am Telefon mit dem Freizeichen spricht. Wo man diese Bewegungen und Handlungen herhat? Von Mama und Papa oder irgendwelchen anderen Menschen über dreißig. 

  Von ihnen hat man auch die Worte, mit denen man die Imitation des Erwachsenendaseins perfekt macht: „Guten Tag, hier ist Büro XY“, „Gib mir doch bitte mal den Ordner mit den Rechnungen“ oder „Heute ist schon wieder so viel zu tun“. Sogar das gestresste Seufzen kann man ganz gut. Bloß hat man nicht dieses Gefühl, aus dem heraus es bei den Erwachsenen entsteht. 

  Natürlich nicht, denn man ist ja nicht wirklich gestresst, es ist ja nicht wirklich viel zu tun, man weiß nicht mal, was das bedeutet, „viel zu tun haben“ – man weiß nur, dass es wohl irgendwie zum Erwachsensein dazugehört.
  Mit Beginn der Schulzeit sind es immer die höheren Klassen, die einem wahnsinnig erwachsen erscheinen und damit völlig erhaben über alles Jüngere. Wie stolz ist man, wenn man das erste Mal auf seinem Holzstuhl in der 5b sitzend den Nachbarn fragen kann: „Hast du Englisch gemacht?“ Als sei das die natürlichste Frage der Welt. In Wahrheit ist es eine Frage, die man schon tausend Mal gehört hat, die aber bisher nicht in das eigene Leben passte, sondern immer denen gehörte, die schon da waren, wo man möglichst mal hinkommen wollte oder sollte. 

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Illustration: Julia Schubert



  Wenn man eine solche Frage die ersten Male ausspricht, prickelt sie fast spürbar auf der Zunge. Es ist, als habe man endlich die Rolle im Theaterstück bekommen, die man immer wollte und dürfe nun endlich den Satz sagen, den man schon so oft daheim vorm Spiegel geprobt hat. In der Oberstufe ist es ähnlich, mit Sätzen, in denen Begriffe wie „Leistungskurs“ und „Kursarbeit“ vorkommen. An der Uni geraten dann die „Klausur“, der „Dozent“ und die „Fachschaft“ ins Vokabular. 

  Neue Sätze und Begriffe ins Repertoire aufzunehmen ist ein Zeichen dafür, dass man wieder ein bisschen älter geworden ist, dass man in die nächste Klassenstufe der Schule oder des Lebens versetzt worden ist. Und man spielt mit diesen neuen Worten, solange, bis sie sich verfestigt haben, und bis das, was dahintersteckt – der Englischunterricht, der Leistungskurs, der Dozent oder der Stress – den Reiz des Neuen verloren hat und wirklich bei einem angekommen ist. Solange, bis man verstanden hat, was es bedeutet, Englischhausaufgaben zu machen oder viel zu tun zu haben. Das ist dann so wie das erste Mal gestresst seufzen, weil man sich wirklich gestresst fühlt. Dann ist das Spiel vorbei und der Ernst ist da.

  Wenn man langsam aus dem komfortablen Studentenstatus ins Berufsleben rutscht, wird man noch ein letztes Mal eine Klassenstufe nach oben versetzt. Auf einmal muss man sich mit der Steuererklärung, der Krankenkasse und der Rentenversicherung auseinandersetzen. Oder mit einem richtigen Gehalt. Einer der Sätze, die man schon seit langer Zeit kennt und die dann neu ins eigene Repertoire kommen, ist „Ich muss noch meine Steuererklärung machen“. Den Satz muss man in einem Ton sagen, der so klingt, wie ein Augenrollen aussieht. Auch, wenn man noch nie eine Steuererklärung gemacht hat. Genervt-Sein von der Steuererklärung ist ein untrügliches Zeichen von wirklichem Erwachsensein jenseits jeder Schule, Uni und Schonfrist. Alle um einen herum, die noch keine Steuern zahlen, machen große Augen, wenn man sich darüber beklagt, dass man bald zwei bis drei Abende mit Bögen und Belegen verbringen muss. „Ach krass, bin ich froh, dass ich das noch nicht machen muss“, sagen sie.
  Aber in Wahrheit proben sie den Satz schon vor ihrem inneren Spiegel, bis sie ihn endlich auf der Bühne sagen dürfen.


Text: nadja-schlueter - Foto: la dina/photocase.de

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