Jobs ablehnen, wenn sie die Welt nicht verbessern

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Kalle Lasn ist einer, der sich auf Bildern gerne zornig abbilden lässt. Er fuchtelt mit einer zusammengerollten Zeitschrift herum und brüllt in die Kamera. Sein letztes Buch hat Kalle Lasn der Tabakfirma Philip Morris Inc. gewidmet: „Für meinen Todfeind, den ich, das schwöre ich, erlegen werde.“ Wer Kalle Lasn nicht kennt, ist deshalb beim ersten Zusammentreffen ein bisschen verwirrt. Hinter der Bühne auf der Designkonferenz „Typo Berlin“ Ende Mai entpuppt sich der erwartete Haudegen als kleiner, alter Mann mit weißem Haar und sanfter Stimme, der von seiner Kindheit erzählt. Aber dann dauert es doch nur zehn Minuten, bis der Märchenonkel zum ersten Mal „Fuck“ brüllt.

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„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Auf der Bühne nimmt Lasn kein Blatt vor den Mund. Seine Eröffnungsrede irritiert nicht nur wegen des F-Worts. 195 Euro haben Designer und andere Kreative für ein Tagesticket bezahlt, die meisten haben sogar 595 Euro für die gesamte Messe hingelegt. Sie wollen sich hier fortbilden, wollen Kontakte knüpfen, wollen die neusten Trends von den Großen der Gestalter-Szene erfahren. Fight Club für Designer Und jetzt, gleich zu Beginn der Messe, steht Kalle Lasn auf der Bühne und fordert Ungehorsam. „Wie viele Designer sind hier?“, ruft er in den Vortragssaal. Nahezu alle Hände gehen nach oben. Später wird ein Veranstalter sagen, die „kreative Elite Westeuropas“ sei im Saal gewesen. „Ihr habt die Macht, die Welt zu verändern! Ihr seid die Coolsten“, ruft Lasn den Kreativen zu. Die grinsen nur, denn das denken sie sich schon. Der gebürtige Este senkt die Stimme: „Also tragt Ihr gesellschaftliche Verantwortung!“ Den „Coolsten“ klappen die Kinnladen runter. Aber sie haben richtig gehört. Und Lasn legt gleich noch mal nach. Er fordert: „Lehnt Jobs ab, wenn sie die Welt nicht verbessern!“ Sein Wunsch an die Designer: Die Einheitskultur bekämpfen, das „Diktat der Firmen und Medien“ verweigern. „Culture Jamming“ nennt Lasn das. Über die Technik, die Welt von heute zu verweigern, hat er ein Buch geschrieben. In seinem „Manifest der Antiwerbung“ räumt der Este nicht nur mit Werbung auf: Egal ob Schönheitsindustrie, Tabakfirmen, Fast-Food-Restaurants – die gesamte westliche Kultur sei längst nur noch ein Produkt ihrer Konzerne, schimpft Lasn. Den erstaunten Designern in Berlin gibt er daher einen großen Auftrag mit auf den Weg: „Verbessert die Welt!“ Wie die von Jobsorgen geplagten Kreativen ihre neue Mission in den Werbe- und Designagenturen verwirklichen sollen, sagt Lasn nicht. Dafür hat er ein paar konkrete Designvorschläge mitgebracht: Lasn entwirft Gläser mit messerscharfem Rand für Alkoholiker und Wolldecken, um sie über Fernseher zu stülpen. Wenn der alte Kreative seine Ideen präsentiert, wirkt er ein bisschen wie Tyler Durden, der durchgeknallte Revolutionär aus dem Film „Fight Club“. Durden pinkelt heimlich reichen Bonzen ins Essen und füttert nachts Tauben, die morgens auf Nobelkarossen kacken. „Der Film“, gesteht Lasn nach seiner Rede im persönlichen Gespräch, „hat mir gut gefallen.“ Warum fliegt er aus Kanada nach Berlin und versaut ein paar hundert Designern den Tag? Im Interview erklärt Lasn, wie wichtig seine Biographie für seine Arbeit ist: In Estland geboren, musste er während des Zweiten Weltkrieges mit seinen Eltern flüchten. Es verschlägt ihn nach Australien, wo es sein Job ist, Atomexplosionen am Computer zu simulieren. Er beschließt, nach Europa zurückzugehen, verliebt sich aber bei einem Zwischenstopp während der Rückreise in Japan. Lasn gründet ein Marktforschungsinstitut in Tokio und wird sehr schnell sehr reich. Seine Kunden sind die größten Werbeagenturen der Welt. Schließlich heiratet er eine Japanerin, mit der er nach Kanada auswandert. Er wechselt den Job und gewinnt als Dokumentarfilmer internationale Auszeichnungen. Während seiner Arbeit hinter der Kamera entdeckt er zum ersten Mal in seinem Leben das, was ihn fortan treiben sollte: Lasn nennt es einen „mindfuck“, einen „Gehirnfick“. Wenn er davon erzählt, senkt er die Stimme und fixiert sein Gegenüber mit wütenden Blicken. Das Thema bringt ihn heute noch zur Weißglut. „In Nordamerika holzte eine Firma Wälder ab und schaltete gleichzeitig im Fernsehen einen Spot, in dem sie sich als Umweltschützer profilierten.“ Lasn dreht einen Werbespot, in dem er über die wahren Machenschaften der Firma aufklärt. Als sich die Fernsehsender weigern, den Spot zu senden, stachelt ihn der Misserfolg nur an. Er gründet sein Magazin Adbusters, in dem er die Welt der Werbung bissig kommentiert. Fortan nutzt er sein kreatives Können und sein Geld, um die Branche, die ihn reich gemacht hat, zu kritisieren. Seine Jagd nach den „mindfucks“ geht in Berlin weiter: „Der Platz vor eurem Parlament ist mit Adidas-Logos gepflastert“, schimpft er. Was er damit fragt: Geht die Gewalt in Deutschland vom Volk oder von Adidas aus? Lasn kämpft elegant: mit den Waffen der Werbung gegen die Werbung. Es macht ihm Spaß, jungen Designern ihre Einheitssuppe aus Corporate Identity und Kreativwettbewerben zu verpfeffern. „Stop kissing Corporate Ass“, brüllt er ihnen entgegen, hört auf, den Konzernen den Hintern zu küssen. Weil er selbst ein exzellenter Designer ist, sieht seine Präsentation dabei auch noch besser aus als alles, was seine Zuhörer in je produzieren werden. Lasn liebt gutes Design und schicke Werbung. Sogar dann, wenn sie von seinen ärgsten Feinden kommt. „Ich muss zugeben: Neulich haben wir in unserem Büro einen Nike-Spot gesehen. Der war so gut, dass wir uns alle kaputt gelacht haben.“ Auch sein zweites Talent, nämlich das, aus seiner Arbeit eine Menge Geld zu machen, hat den alten Esten nicht verlassen. In Nordamerika kann er sich die besten Anwälte leisten, um Fernsehsender zu verklagen, die seine Spots nicht zeigen wollen. Dass die Schuhe, die er mittlerweile produzieren lässt, anstelle von Logos einen einfarbigen Punkt als „Anti-Logo“ tragen, ist nicht nur ein politisches Statement. Es ist auch eine geniale Geschäftsidee. Lasns Adbusters-Magazin liegt längst in jedem Meetingraum seiner Erzfeinde: Die finanzstarken Werbeagenturen scheren zehn Dollar pro Ausgabe wenig. Der Este hat das bewundernswerte Talent, seine hehren Ziele so zu vermarkten, dass das Kommerzielle seiner Idee akzeptiert wird. Tyler Durden, die Filmfigur, hat in seiner Verzweiflung Clubs gegründet, in denen sich Männer gegenseitig verprügeln. Kalle Lasn hat ein Netzwerk aufgebaut, das Geld scheffelt. Neben Schuhen und Magazinen verkauft er auf seiner Website auch Unterrichtsmaterialien, Designbücher, DVDs und Schlüsselanhänger. Auf das Geschäft mit dem Gegengeschäft angesprochen, reagiert er hinter den Kulissen der Berliner Messe locker – und wiegelt ab: „Ich kann davon leben. Besonders reich werde ich nicht dabei.“ Revolution ohne Revolutionär Lasn surft geschickt auf verschiedenen gesellschaftlichen Strömungen. Dabei hat er immer genau so viel Wind in den Segeln, dass er schnell vorwärts kommt, aber niemals zu kippen droht. Er kritisiert die Globalisierung, ohne sie grundsätzlich zu verurteilen. Er spricht vor Leuten, die sich die hohen Eintrittspreise leisten können, und fordert hinterher öffentlich, die Preise für die Messe zu senken: „Ich habe ja gerade mal 1000 Euro für meine Rede bekommen.“ Lasn gratuliert den linksradikalen Präsidenten Chavez und Morales zu ihren Wahlerfolgen in Lateinamerika, und warnt im gleichen Satz vor dem Kommunismus. Er fordert eine Revolution, aber er will kein Revolutionär sein. Dabei würde der Begriff ihn gut beschreiben. Über sein Netzwerk sagt er: „Wir sind eine der wichtigsten sozialen Strömungen der nächsten zwanzig Jahre. Wir werden den Informationsfluss ändern, das Mächteverhältnis der Institutionen und auch die TV-Sender. Die Prioritäten der Lebensmittel-, Bekleidungs-, Auto-, Sport-, Musik- und Kulturindustrie werden wir ändern. Die Menschen werden die Massenmedien anders wahrnehmen, die ganze Meinungsbildung in unserer Gesellschaft wird sich ändern.“ Ganz zum Schluss hat Kalle Lasn in Berlin übrigens auch noch was zum eigentlichen Thema der Messe gesagt. „Wie das Design von morgen aussehen sollte? Härter! Rauer! Gröber! Mit mehr Biss.“ Die Designer im Zuschauerraum haben nur ganz ruhig genickt.

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