Jordanien hat mich nicht besser gemacht

Darf man einen Auslandsaufenthalt während des Studiums zur Heldentat verklären? Bitte nicht, sagt unsere Autorin, die gerade weg war.
nadja-schlueter

"Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“, könnte ich nun sagen, so wie der ehemalige Bundeskanzler Konrad Adenauer. Aber ich sage es nicht, denn es interessiert mich sehr, vor allem, wenn ich es mit dem Geschwätz von heute vergleichen kann. Mein Geschwätz* von gestern ging ungefähr so: „Alle erzählen ständig, wo sie schon überall waren, und behandeln mich wie eine Person zweiter Klasse, weil ich zwar schon mal in Paris, aber noch nie in Perth war.“ 

 Als ich das gedacht und gesagt habe, war viel Wut in mir. Es war Wut auf die, die beim ersten Gespräch nach zwei Minuten eine Überleitung fanden, um zu erzählen, wo sie gewesen waren; Wut auf die, die „Queensland – I’ve been there“-Aufnäher an ihren Rucksäcken hatten oder Wut auf all die, die sagten „In Peru hat jeder Rhythmusgefühl, in Deutschland niemand“. Ich dachte dann: „Ich weiß noch nicht mal, wie du heißt“ oder „Souvenirladen – you’ve been there“ oder „So wie du pauschalisiert, hast du in Peru anscheinend gar nichts gelernt“. Aber ich sprach es nie aus. Denn Freunde, die einen Auslandsaufenthalt hinter sich haben, reagieren boshaft, wenn man ihre Haltung kritisiert. Sie schimpfen dann mit dir und sagen, dass man engstirnig sei, neidisch und irgendwie langweilig.

  Natürlich tun das nicht alle. So wie nicht alle Peruaner Rhythmusgefühl haben und nicht alle Deutschen keines, schimpfen längst nicht alle Auslandsaufenthaltfreunde mit dir und profilieren sich über „sechs Monate China“, „ein Jahr Afrika“ oder „zwei Semester in Moskau“. Jene, die sich profilieren, sind jene, die das Erlebnis Auslandsaufenthalt zu einem Prestigeobjekt und zu einer Art gesellschaftlichem Zwang gemacht haben, und nicht wenige von ihnen beziehen die Anzahl der gereisten Kilometer und fern von der Heimat verlebten Monate in die Bewertung ihres Gegenübers mit ein.

  Lange Zeit löste diese Tatsache einen kindlichen Trotz in mir aus. Als nach bestandenem Bachelorabschluss fast alle meine Kommilitonen entweder das Land verließen oder die Studienstadt wechselten, verschränkte ich die Arme und blieb wo ich war, um meinen Master zu studieren. „Na gut, wenn du nichts anderes mehr sehen willst“, sagte eine der Kommilitoninnen, und nur allzu gerne hätte ich sie ein bisschen angeschrien. Dass ich glücklich bin, hätte ich geschrien, dass hier meine Liebe ist und dass ich mich niemals langweile. Aber ich schwieg, denn das war es nicht wert. „Wieso gehst du nicht mal ein halbes Jahr nach Frankreich?“, fragten sogar meine Eltern, und ich sagte: „Ich bin glücklich, hier ist meine Liebe und ich langweile mich nie.“



  Doch wer kann schon für immer die Arme verschränken, wer kann acht Semester studieren, ohne sich eine Pause zu wünschen oder ohne sich Sorgen um die Zukunft zu machen, und: Wer kann sich für immer gegen den sozialen Druck wehren? Vielleicht kann irgendjemand das, ich konnte all das irgendwann nicht mehr und ich dachte lange nach. Und dann wollte ich weggehen. „Aber wenn schon“, dachte ich, „denn schon.“ Wenn schon, dann wollte ich mich herausfordern, dann wollte ich in den Nahen Osten und mir dort keinen Aufnäher kaufen, mich nachher nicht damit profilieren, und Menschen mit viel Rhythmusgefühl neben Menschen mit wenig Rhythmusgefühl tanzen sehen, was ich auch in Deutschland oder sonstwo tun konnte, aber die Bar sollte eben in Nahost sein, bitte sehr. 

  Vielleicht war ich für Frankreich zu trotzig, ja, ganz sicher sogar. Aber vor allem hatte ich nun meinen Zeitpunkt gefunden, um zu gehen. Es gab nichts, wovor ich weglaufen musste, und ich wusste, wohin ich zurückkehren konnte und wollte. Ich war zufrieden genug, um überall zufrieden sein zu können. Ich kann nicht leugnen, dass ich stolz auf meine Bewerbung war. Ich nahm zehn Anläufe, sie zu schreiben, las Plattitüden wie „Horizonterweiterung“ und „aus dem Alltag ausbrechen“ aus meinen Zeilen heraus, und zehnmal war mir das zuwider. Beim elften Anlauf wurde mir bewusst, dass ich anscheinend nur mit der Wahrheit glücklich werden konnte, und schrieb es auf, wie es war: dass fast jeder ins Ausland geht, dass eine Art Zwang entstanden ist, dass man Zeit braucht, um herauszufinden, ob man wirklich gehen will oder nur das Gefühl hat, gehen zu müssen. Dass ich jetzt gehen will. Irgendjemand fand das gut und schickte mich nach Jordanien. 

  Ich hasste mich still und leise für meinen Trotz und für die Befriedigung, die mir mein Reiseziel gegenüber der „Wenn du sonst nichts mehr sehen willst“-Kommilitonin, gegenüber den „Geh doch mal nach Frankreich“-Aussagen verschaffte. Dieser Trotz und diese Befriedigung widersprachen dem, was ich sein und fühlen wollte. Und daher machte es mich glücklich, wie schnell das alles verschwand und das Gefühl aufkam, dass es am Ende doch egal war, ob man nun in Paris oder Perth, Amsterdam oder Amman lebte. Das Eingewöhnen dauert hier eventuell länger als dort, die Blicke auf der Straße sind dort vielleicht intensiver als hier, aber am Ende kann jeder dieser Orte ein Zuhause sein. Ich spürte dem Wegsein nach, in Amman, wie es sich anfühlte und was es mit mir machte. Gegen Ende meines Aufenthaltes filterte ich heraus, was ich am Schönsten daran fand und was eventuell das sein könnte, was so viele so schön an Auslandsaufenthalten finden. Es war nicht etwa, all das Neue zu sehen und zu erleben, das konnte man auch in zwei bis vier Wochen Urlaub haben. Es war dieses langsame Werden eines Zuhauses, das Aufkommen eines Alltags, in dem Muezzin und Dinar und Taboulé Selbstverständlichkeiten wurden, in dem viele andere Dinge Selbstverständlichkeiten blieben, und der sich mit dem vorherigen Alltag vergleichen lies, wie sich das Geschwätz von gestern mit dem von heute vergleichen lässt – und das Ergebnis dieses Vergleichs, die Schlüsse die man daraus zieht und die Erkenntnisse, die man daraus gewinnt, schienen mir das zu sein, was ich gelernt hatte. 

  „Früher“, sagte meine Mitbewohnerin, „hätte ich Respekt gehabt vor jemandem, in dessen Lebenslauf steht, dass er in Berlin, Beirut und Mexiko studiert und in Amman gearbeitet hat – heute steht das in meinem Lebenslauf und ich bin ja auch nicht besser als jemand, der in Freiburg Anthropologie studiert hat.“ Das hat sie gut gesagt, denn: Der Auslandsaufenthalt macht dich nicht besser für andere, er macht dich höchstens besser für dich selbst. Ich habe nichts geleistet dadurch, dass ich in Jordanien war. Ich habe bloß mich selbst konfrontiert, mit Ungewohntem und Gewöhnlichem, mit Schönem und Hässlichem, mit Heimweh und Vermissen und daheim sein. Und das ist gut.

  Ich würde nun gerne sagen, dass ich meinen Frieden geschlossen habe mit dem großen Auslandsaufenthalt-Hype. Ja, ich würde wirklich gerne sagen: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“. Aber auch im Vergleich mit meinem Geschwätz von heute ist es immer noch wahr und die Wut und den Trotz habe ich mir auch bewahrt, wenn auch in abgeschwächter Form. Ich habe in Amman viele Leute kennengelernt, die ich zum Kreise der Leute zählen kann, die eine angenehme Einstellung zum Auslandsaufenthalt haben. Sie fühlen sich wohl hier und sie stricken keine große Heldentat daraus. Aber dann kam der Abend, als da dieser Junge saß und sagte, dass er gerade um die Welt reise und morgen für drei Tage nach Hongkong fliege. „Wie schön“, sagte da ein Junge aus Hongkong, „aber schade, dass du nur drei Tage hast.“ Und da antwortete der Weltreisende, mit der bitteren Ernsthaftigkeit eines Weltreisenden, der im Kopf eine Liste mit Orten abhakt und auf Facebook eine „Places I’ve been to“-Karte ausfüllt: „Im ‚Lonely Planet‘ steht, drei Tage sind genug.“ 

  Dieser Junge hat mich daran bestätigt, dass es diese Leute gibt und immer geben wird, die mein Geschwätz von gestern anklagt. Ich sage nicht, dass ich besser bin als er, nicht, dass ich den Durchblick und alles richtig gemacht habe. Auch ich spreche gerne von Amman und auch ich habe drei Facebook-Alben – aber ich nehme mir heraus zu behaupten, dass ich ein bisschen mehr darüber nachgedacht habe, was ich sage, wem ich es sage und was ich an meinen Rucksack nähe. So viel zu meinem Geschwätz von heute.
 
  * Im Herbst 2009 schrieb Nadja Schlüter auf dieser Seite, warum sie nicht wie ihre Kommilitonen ins Ausland will.

Text: nadja-schlueter - Foto: SickRick/photocase.com

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