Jugend musiziert vs. DSDS: Tristan, der Superstar

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Am Ende des zehnsekündigen Countdowns donnert der Applaus der Zuschauer: Der Pinsel steht immer noch senkrecht auf Tristans Nase. 14,7 Millionen Menschen sehen im November 2000 „Wetten, dass...?“, als Tristan Iser seine Wette gewinnt und den Plan verkündet. „Nächstes Mal“, sagt er und strahlt in die Kamera, „nächstes Mal bin ich als Sänger hier!“

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Illustration: Julia Schubert

Tristan, der Jüngere: Hier steht der Superstar-Anwärter vor den Abzeichen seiner bisherigen Erfolge. Fotos: Dominik Asbach Genau so hatte er es sich ausgemalt. Drei Jahre lang, während er für seine Wette übte. Er kam mit dem Versprechen in die Sendung, hundert verschiedene Gegenstände je zehn Sekunden auf der Nase balancieren zu können. Es war hartes Training, doch der Lohn war es wert. Neben Thomas Gottschalk wollte er die Deutschen auf etwas Großes vorbereiten. Auf Tristan Giovanni Iser, Sänger aus Drensteinfurt bei Münster. Als Gottschalk ihn vor der Sendung fragt, auf was er sich denn an diesem Tag am meisten freue, antwortet er: „Auf Sasha. Ich muss Kontakte knüpfen, für meine Karriere.“ Kontakte knüpfen liegt in der Familie. In Tristans Elternhaus sind die Wände der Diele gekachelt mit Bilderrahmen. Kante an Kante zwängen sie sich zusammen – die Eltern treten seit 20 Jahren mit Varieté-Shows auf, auch vor Prominenten. Auf den Bildern steht Tristans Mutter neben Claudia Schiffer, Tristans Vater hält Wolfgang Joop im Arm. Und auch Tristan ist zu sehen, mit Eros Ramazotti, mit Sasha, mit Dieter Bohlen. Drei Mal hat sich Tristan bei DSDS beworben, Deutschland sucht den Superstar. Er sitzt jetzt auf dem schwarzen Ledersofa im Wohnzimmer, bunt bedruckte Jeans, weißer Pulli, seine Haut ist braungebrannt. Beim ersten Mal, 2003, scheitert Tristan in der Vorauswahl. „Das hat mich hart getroffen“, sagt er. Aber der Rückschlag spornt ihn an. Nach dem Ausscheiden nimmt er Gesangsunterricht, er singt zwei Stunden täglich, er macht Atemübungen, es wirkt – sein Stimmvolumen vergrößert sich. Plötzlich spricht Tristan lauter, und wie immer, wenn er einen Satz betonen will, setzt er das Prädikat zweimal: „Sänger ist so ein geiler und besonderer Beruf, ist das“, sagt er, „da braucht es auch besondere Anstrengungen!“ Wie Tristan mit einer besonderen Aktion die Aufmerksamkeit von Superstar-Juror Dieter Bohlen vor dessen Haus auf sich zog, liest du auf der nächsten Seite.


An einem Sonntag im Frühjahr 2005 brennt er eine CD mit Playbacksongs und fährt im Mercedes S-Klasse seiner Eltern 280 Kilometer nach Tötensen bei Hamburg. Hier wohnt der Mann, dem Tristan genug Erfahrung zutraut, sein Talent zu erkennen: Dieter Bohlen. Aber der ist im Urlaub auf Mallorca. Tristan fährt nach Hause und kehrt zwei Monate später wieder. Er parkt vor dem Tor der Villa und kurbelt die Fenster runter. Dreht die Musik auf maximale Lautstärke, steigt aufs Autodach und singt. Der Plan geht auf. Nach einer Viertelstunde öffnet sich die Haustüre und Dieter Bohlen kommt ans Tor. Er lacht, er hört sich zwei Songs an und sagt: „Meld’ dich bei DSDS an.“ Tristan hört auf ihn. Als er vor die Jury tritt, springt Bohlen auf: „Den kenn’ ich, das ist ein geiler Typ!“ Als einer von 120 Kandidaten darf Tristan zum Recall nach Berlin. „Von insgesamt 16 000“, ergänzt Tristan. Er fliegt im Recall raus und sieht, wie Tobias Regner „Superstar“ wird.

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Illustration: Julia Schubert

Selbstbewusster Superstar in spe: Tristan, Foto: Dominik Asbach Aber Tristan hat jetzt eine wichtige Spielregel des Musikgeschäfts verstanden: Man muss gar nicht gewinnen. „Du musst bloß jemanden finden, der Geld mit dir verdienen will“, erklärt er. Er nimmt seine Karriere von nun an selbst in die Hand, verschickt Demo-CDs, gibt kleine Konzerte in Clubs der Umgebung und auf den Betriebsfeiern von zwei Autohäusern. „Solche Auftritte bringen einen wieder richtig auf den Boden“, sagt Tristan. Viele der Kandidaten bei DSDS seien zu schnell abgehoben und nach dem Ausscheiden umso tiefer gefallen. Auch er selbst. „Das ist aber Trainingssache“, sagt Tristan. „Inzwischen kann ich super mit Niederlagen umgehen.“ „Tristan hat den nötigen Biss“, sagt der Vater, er heißt auch Tristan, und setzt sich mit auf die Couch. „Der fehlt den meisten Kandidaten.“ Schon als Kind will Tristan junior bei den Auftritten der Eltern auf die Bühne, mit zehn spielt er die Hauptrolle in einem Kinderfilm, mit 15 springt er bei einer Varieté-Show in Hamburg als Moderator ein. Dann „Wetten, dass...?“, der Erfolg bei DSDS. „Von allem kann der Junge was.“ Der Vater ist überzeugt, dass in Tristan ein Star schlummert. „Tristan würde sich kopfüber an den Kirchturm hängen, wenn das für seine Karriere gut wäre.“ Er klopft seinem Sohn auf die Schulter. „Und genau das ist dein Vorteil, Junge!“ DSDS, dritte Bewerbung. Dieter Bohlen nennt Tristan „den Kämpfer“. Und tatsächlich, die Hartnäckigkeit lohnt sich: Tristan singt „Ich atme ein“ von Roger Cicero, kommt in den Recall, singt, setzt sich durch, singt, Runde für Runde, er schafft es unter die besten Zwanzig. Und scheidet aus. Und erhält noch eine vierte Chance. Der Kandidat Roman Lob wird krank, Tristan rückt nach. Es geht darum, in die großen Mottoshows zu kommen. Doch Tristans Chancen stehen schlecht: Erst am Tag der Liveübertragung wird seine Nachnominierung bekannt gegeben, es bleibt kaum Zeit, unter den Zuschauern Werbung zu machen. Außerdem haben sich die Fans von Roman gegen Tristan verschworen – sie sind sauer, dass er den Platz ihres Lieblingskandidaten eingenommen hat. Zu allem Überfluss bestehen die RTL-Produzenten darauf, dass Tristan „Can’t Wait Until Tonight“ von Max Mutzke singt, Romans Song aus der Vorrunde. In Internetforen hageln wüste Beschimpfungen auf Tristan ein. „Anonyme Beleidigungen berühren mich gar nicht“, behauptet er. „Ich werde ja dauernd auf der Straße angesprochen, und da hat noch nie jemand was Schlechtes gesagt.“ Tristan landet auf Platz acht bei den männlichen Bewerbern. Ausgeschieden. „Ich hab’ das megacool gesehen, hab’ ich das. Das war so eine geile Erfahrung, ich hab’ super Feedback gekriegt und megaviele Leute kennengelernt.“ Nun hat Tristan mit DSDS abgeschlossen. „Mein Gesicht hat jetzt schon jeder gesehen – als nächstes müssen neue Kandidaten an die Reihe kommen.“ Er wird in den nächsten Monaten mit seiner CD von Plattenfirma zu Plattenfirma gehen. Juli, so Tristan, seien 231 Mal zur selben Plattenfirma gegangen. „Und erst beim 232. Mal wurden sie genommen.“ Eigentlich würde Tristan am liebsten mit einer Big Band singen. „Aber wenn mir Dieter Bohlen sagt: ’Sing deutsche Schnulzen’, dann mache ich das auch.“ Kein Augenzwinkern, kein Lächeln. „Im Musikgeschäft musst du eben erst den Bückling machen, bevor du dich nach ein paar Jahren abkapseln kannst.“ Im nächsten Jahr will sich Tristan bei der belgischen Variante von „Deutschland sucht den Superstar“ bewerben. Dort, glaubt er, wird er noch weiter kommen als dieses Jahr bei RTL. Tristans Mutter ist Belgierin, „das ist ein total cooles Volk“, sagt er. „Da passe ich viel besser rein als in Deutschland.“ Bei der letzten Staffel in Belgien gab es 2.400 Bewerber.

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Illustration: Julia Schubert

Lies hier das Porträt von Miriam, die beim Wettbewerb "Jugend musiziert" sehr weit gekommen ist - und vielleicht noch weiter kommt.

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