Jung und jüdisch in München: Uri Siegel erinnert sich

Wie war es, im München der zwanziger Jahre aufzuwachsen? Wie hat sich die Stadt seit dem Krieg verändert? Am 9. November wird die neue Synagoge am Jakobsplatz im Zentrum der Stadt eröffnet – bis dahin wird jetzt.de junges jüdisches Leben in der Stadt porträtieren. Den Anfang macht Uri Siegel, der im Dezember 1922 in München geboren wurde, elf Jahre alt war, als die Familie nach Palästina emigrierte und nach dem Krieg, erst vorübergehend, nach München zurückkehrte. Heute lebt der Anwalt in Haidhausen.
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jetzt.muenchen: Wo sind Sie in München aufgewachsen? Uri Siegel: Wir haben zunächst in Schwabing gelebt, wo ich zwei Jahre die Hohenzollernschule besucht habe. Danach sind wir nach Bogenhausen umgezogen, einen Steinwurf entfernt vom Thomas-Mann-Haus. Den habe ich nie gesehen, dafür aber die Monika Mann. Sie ist einen roten Zweisitzer gefahren, das war natürlich eine Sensation. Sind Sie waschechter Müncher? Aber ja! Mein Vater und mein Großvater waren Anwälte in München. Meine Mutter kam aus einer alten Münchner Kaufmannsfamilie, die einige Häuser in der Kaufingerstraße besaß – die Landauers. Mein Onkel war Kurt Landauer, der Präsident von Bayern München.

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Illustration: Julia Schubert

Uri Siegel als Kind und 2006 auf dem Viktualienmarkt; Foto: privat; dirk-schmidt Waren Sie dann auch Bayern-Fan? Ich weiß nur, dass wir das Meisterschaftsfinale 1932 mit Kopfhörern am Radio gehört haben und dass wir in der Kaufingerstraße den Einzug der Mannschaft angeschaut haben. Mein Onkel saß in einer offenen Kutsche, die von zwei Pferden gezogen wurde. Aber in den 30er-Jahren war Fußball nicht so prominent wie heute. Es war eine große Sache, dass die Bayern Meister wurden, aber ich erinnere mich nicht, dass ich in der Schule damit angegeben habe. Waren Sie in der Schule der einzige jüdische Schüler? In der Grundschule in der Gebelestrasse waren in meiner Klasse sicher noch zehn andere jüdische Kinder, das war relativ viel. Unser Lehrer hieß Bauer. Um ihn vom Lehrer der Parallelklasse zu unterscheiden, der Baur ohne ‚e; hieß, nannte man ihn den „Judenbauer“. Wie haben Sie als Kind Ihr Jüdischsein erlebt? Wir waren halt Juden, aber mehr hat man mir und meiner Schwester, die zwei Jahre älter ist, nicht erklärt. Wir hatten den obligatorischen Religionsunterricht, aber sonst war nicht viel. Ich bin in speckigen Lederhosen herumgegangen wie alle anderen Kinder auch und ob man jüdisch war oder nicht, hat niemanden interessiert. In die Synagoge musste ich noch nicht, weil ich noch nicht alt genug war. Das einzige, was wir feierten, war im Winter Chanukka, das Lichterfest. Wir hatten aber auch einen Christbaum daheim – offiziell für die Dienstboten. Wie haben Sie die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 erlebt? Die hat mich in der Gebeleschule getroffen. Aber wir haben uns wenig dabei gedacht. Ein jüdischer Mitschüler, der Gerhard, hat noch abfällige Bemerkungen über die Hakenkreuz-Fahne gemacht. Auch der Lehrer Bauer hat nichts besonderes gemacht, aber das Schuljahr ging nur bis Ostern, danach kam ich schon aufs Gymnasium. Auf welches Gymnasium sind Sie gegangen? Die meisten jüdischen Kinder haben die Eintrittsprüfungen im Wilhelm-Gymnasium gemacht. Ich auch. Aber mein Vater hat befürchtet, es würde ein Numerus Clausus für Juden eingeführt - also dass nur eine gewisse Prozentzahl von Juden an Schulen und Universitäten dürfen. Weil im Wilhelm-Gymnasium schon so viele Juden waren, hat er mich im Ludwigs-Gymnasium angemeldet, das er auch selbst besucht hatte. Es war ein echtes katholisches Gymnasium mit einem Pfarrer wie im Buch, mit glattgeschorenem rosigen Kopf samt Stiernacken und schwarzer Soutane. In der ganzen Schule gab es sonst nur noch einen einzigen jüdischen Schüler, in der Klasse über mir. Wie wurden Sie im Gymnasium behandelt? Das Ludwigs-Gymnasium hat sich einwandfrei mir gegenüber benommen, die hatten mit Hitler nichts am Hut, da waren ja alle katholisch. Wir hatten einen Turnlehrer, der war Kriegsflieger im Ersten Weltkrieg mit persönlichem Adel und Orden „Pour le Mérite“ und war Mitglied im NS-Fliegerkorps. Aber er hat mich anständig behandelt. Nur wenn wir Feldübungen hatten, eine vormilitärische Ausbildung, fand er, dass ich dort nichts zu suchen hätte. Ich war ihm deswegen nicht gram. Mein Klassenlehrer war ein ehemaliger Klassenkamerad von meinem Vater. Der hat ihm gesagt: „Ich schütz’ dir deinen Buben, wo ich kann, nur: Muss der so stinkfaul sein?“ Und Ihre Mitschüler? Zu denen habe ich ein sehr gutes Verhältnis gehabt. Nur einer kam mit einer Uniform der Hitlerjugend in die Schule – das war der Blödste von uns allen. Hier geht es zu Teil 2 und Teil 3 des Interviews. dirk-schoenlebe und

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