Jung und jüdisch in München: Uri Siegel erinnert sich - Teil 2

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Haben Sie als Kind Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht? Als ich einmal mit der Trambahn nach Hause gefahren bin, hat ein Schaffner zu mir gesagt: „Du bist doch ein Judenbüble, warum bist du noch nicht in Palästina?“ Ein anders Mal hat ein Pulk von Jungs bei uns um die Ecke meinen Freund Wolfi Bacherach umzingelt. Als ich dazu kam und wissen wollte, was los ist, haben sie gesagt: „Den schicken wir jetzt nach Dachau, wo die Juden Torf stechen müssen.“ Damals war ich zehn. Ich hab’ mir nicht viel gedacht dabei, sondern bin einfach rein in den Pulk und habe den Wolfi heim gebracht. Was uns erwarten würde, habe ich gar nicht mitbekommen. Aber das illustriert, wie unbefangen und naiv ich damals war. Es war eine trügerische Ruhe - bis auf die Geschichte mit dem Michael Siegel, dem Vetter meines Vaters. Was für eine Geschichte war das? Michael Siegel war der Sozius meines Vaters in der Kanzlei. Unter seinen Mandanten war auch Max Uhlfelder (Leiter des Kaufhaus Uhlfelder im Rosental, wo heute teilweise das Stadtmuseum steht. Anm. der Red.) Der Uhlfelder wurde 1933 von SA-Leuten entführt. Deshalb ist der Michael Siegel als sein Anwalt aufs Polizeipräsidium gegangen, um sich zu beschweren. Sie haben ihn vermöbelt, schnitten ihm die Hosenbeine ab und trieben ihn durch die Stadt mit einem Schild um den Hals: „Ich will mich nie mehr bei der Polizei beschweren.“ Für meinen Vater war das der Anlass zu sagen: „Wir wandern nach Palästina aus.“

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Illustration: Julia Schubert

Michael Siegel wird in München gedemütigt; Foto: SV-Bilderdienst Sind Sie dann auch. Meine Eltern sind zunächst 1933 alleine nach Palästina gefahren, haben dort ein Grundstück in Haifa gekauft und Anfang März 1934 sind wir eingewandert. Die Ironie der Geschichte ist: Michael Siegel ist erst 1940 ausgewandert und mit 96 Jahren in Peru gestorben; mein Vater ist 1934 mit uns allen ausgewandert und 1951 in Israel gestorben. War es schwer, aus München weg zu gehen? Sie waren ja erst 11! Eigentlich nein. Aber meine Verwandten habe ich vermisst, darunter meine Tante, bei der wir vor der Emigration gewohnt hatten. Außerdem hatte sie ein Anwesen in Untergrainau, ein norwegisches Holzhaus mit 14 Zimmern, mit Wiese, Bach und rundherum Wald. Da habe ich die schönste Zeit meiner Kindheit verbracht. In ihrem Haus in München hatte sie eine große Bibliothek, die habe ich auch vermisst. Und den Schnee. In Palästina haben Sie verschiedene Schulen besucht, sind mit 19 zur englischen Armee und haben gegen Nazi-Deutschland gekämpft, waren beim israelischen Unabhängigkeitskrieg dabei und sind dann wieder nach München gekommen. Wie kam es dazu? Ich habe München erstmals nach der Verfolgung im November 1945 besucht, als ich als englischer Soldat in Belgien stationiert war. Ich war dann zwischen 1951 und 1956 fünf Mal in München, meist aus beruflichen Gründen. 1956 habe ich die deutsche Staatsangehörigkeit wiedererlangt. Ein Jahr später habe ich die Vertretung einer israelischen Wiedergutmachungskanzlei in München übernommen und mit meiner Frau festen Wohnsitz hier aufgenommen. Wo haben Sie Ihre Frau kennen gelernt? Beim „Annast“ am Hofgarten. Das hieß früher „Tambosi“, dann „Annast“ und jetzt heißt es wieder „Tambosi“. Und wenn Sie gut Karten gespielt und einen Stich gemacht haben, dann sagte man: „So spielt man beim Tambosi.“ Wann war das? Im April 1951. Ich war in München und sie war eigentlich auf dem Weg von Los Angeles, wohin die Familie emigriert war, nach Israel. In München machte sie nur einen kurzen Stopp, um sich von ihrer Stiefmutter zu verabschieden, die hier ihre Wiedergutmachungsangelegenheiten regeln wollte. Dabei haben wir uns kennen gelernt und im November 1951 haben wir in Israel geheiratet. Hier geht es zuTeil 1 und zu Teil 3 des Interviews. dirk-schoenlebe und

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