Junge Libanesen engagieren sich für Umweltschutz - zu Besuch bei Greenpeace in Beirut

Hussein Fakhi muss lächeln, wenn er an seine Anfangszeit bei Greenpeace Libanon zurückdenkt.
dirk-schoenlebe

Hussein Fakhi muss lächeln, wenn er an seine Anfangszeit bei Greenpeace Libanon zurückdenkt. „Wir waren nur zu dritt im Büro, ich war für die Kommunikation verantwortlich. Immer wenn wir eine Aktion planten, gab es Diskussionen, ob ich mitgehen sollte.“ Hussein wollte, aber die anderen beiden waren dagegen uns setzten sich meist durch: „Wir konnten uns einfach nicht leisten, dass ich verhaftet werde. Denn was nutzt die beste Aktion, wenn die Welt nachher nicht davon erfährt, weil ich im Knast sitze statt Fotos online zu stellen?“ Es hätte sogar noch Schlimmeres passiert können, immerhin gab die Polizei als 1999 Aktivisten eine Chemiefabrik im Nordlibanon blockieren wollten, auch mal Warnschüsse ab. „Gewaltlose direkte Aktionen waren im Libanon unbekannt, die Polizei war misstrauisch. Aber inzwischen kennen sie uns“, sagt Hussein. Mehr als Handy und Autos Im Februar 2002 war der damals 22-Jährige zu Greenpeace gestoßen. Schuld dran waren auch seine Freunde an der Lebanese American University (LAU) in Beirut, der libanesischen Hauptstadt. Hussein studierte Informatik, aber das Studium reichte ihm nicht, „ich wollte etwas tun, das mein Leben bereichert“. Allerdings nicht das, was viele andere Studenten taten. „Angeben liegt den Libanesen im Blut“, sagt Hussein. „Schon in der Uni ging es vor allem um Autos, Kleider, das neue Handy. Wer da nicht mitmacht, hat es schwer“, erinnert er sich. Hussein entschied sich für Greenpeace, weil er die Umwelt und vor allem das Meer schützen wollte und weil er bei Greenpeace nicht das Gefühl hatte, mit seinem Engagement jemandem im Hintergrund eine Möglichkeit zur eigenen Profilierung dient.

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Illustration: Julia Schubert

Hussein Fakhi Greenpeace Libanon, Teil von Greenpeace Mediterranean, wurde 1996 vom deutsch-Libanesen Fouad Hamdan gegründet. Heute arbeiten 13 junge Leute in Beirut für Greenpeace Libanon, dazu kommen Aktivisten wie Hussein, der oft in Beirut ist, seit zwei Jahren sein Büro aber in der Zentrale von Greenpeace Mediterranen in Istanbul hat. Hussein möchte aber schon bald wieder länger im Libanon sein, um endlich sein Studium abzuschließen. Eigentlich hatte er das für 2006 geplant, „aber dann kam der Krieg dazwischen“, sagt er. Er meint die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah im so genannten Zweiten Libanonkrieg 2006, in deren Verlauf auch Teile von Beirut bombardiert wurden. Jetzt hat er es sich für 2008 vorgenommen, „Inshallah“, so Gott will. Die derzeit wichtigste Kampagne von Greenpeace Libanon, „Defending our Med“, gilt der Einrichtung von Meeresschutzgebieten. 40 Prozent des Mittelmeeres, darunter sämtliche libanesischen Hoheitsegewässer, sollen in solche Reservate umgewandelt werden. Hussein hat sehr persönliche Gründe, sich für diese Kampagne einzusetzen. Er ist in Sarafand aufgewachen, einer kleinen Küstenstadt rund 60 Kilometer südlich von Beirut. Während des Bürgerkriegs hatte die Miliz im Süden ein Schiff gekapert und vor Sarafand auf Grund laufen lassen, „das war unser Spielplatz“, erzählt Hussein. „Da haben wir gegessen, Karten gespielt, sind vom Schiff ins Wasser gesprungen.“ Drei Sommer lang arbeitet er zudem als Fischer, um sich Geld zu verdienen, „viele andere Möglichkeiten gab es da unten nicht.“ Geblieben ist von alldem ein starker Bezug zum Meer. Für die „Defending our Med“-Kampagne hat Greenpeace Libanon in den letzten Wochen mit einer Tour durch die Küstenstädte des Libanon und Veranstaltungen in den größten Städten Tripoli Byblos, Sidon, Tyros Werbung gemacht. Als Abschluss war vor zehn Tagen eine große Kundgebung in Beirut geplant, aber die musste abgesagt werden. Um die am Ende wieder verschobene Wahl eines neuen Präsidenten zu sichern, waren 20 000 Soldaten und Polizisten in der Stadt, die Organisation einer Kundgebung war unter solchen Bedingungen unmöglich. „Aber wir versuchen, es so schnell wie möglich nachzuholen“, sagt Hussein. Ziel von Greenpeace Libanon ist es, im Sommer 2008 ein Gesetz vom Parlament verabschieden zu lassen, das die Einrichtung der Meeresschutzgebiete beschließt. Dafür jedoch muss die derzeitige Krise überwunden werden und das Parlament überhaupt erstmal zusammentreten. Im Augenblick verschanzen sich zum Beispiel gut 40 der 128 Parlamentsmitglieder aus Angst vor Anschlägen in einem schwer gesicherten Luxushotel in Beirut. „Ich glaube, die haben schon vergessen, was normale parlamentarische Arbeit ist“, sagt Hussein. Ob es ihn frustriert, dass politische Umstände Aktivitäten wie die von Greenpeace behindern? „Das ist der Libanon“, sagt er und zwinkert, „hier sprechen die Politiker einfach gern über sinnlose Dinge, wir sagen dazu: Sie diskutieren das Geschlecht der Engel.“ Trotz oder vielleicht gerade wegen der unsicheren politischen Lage sei es nicht schwer, gerade junge Libanesen für Umweltschutzthemen zu erreichen. „Vielleicht wollen sie einfach mal was anderes machen, als sich mit Krieg, Krisen und der Präsidentschaftswahl zu beschäftigen“, mutmaßt Hussein. Vielleicht liege es auch daran, dass die Verschmutzung des Meeres oder der eigenen unmittelbaren Nachbarschaft jedem schnell auffalle. „Wer im Großraum Beirut lebt, wohnt sehr wahrscheinlich entweder nicht weit von einer Müllkippe, oder er kommt auf dem Weg zur Arbeit an einer vorbei“, sagt Hussein. Schwerer hat es Greenpeace Libanon jedoch, Libanesen für ein Thema wie den Klimawandel zu interessieren. „Das ist wahrscheinlich einfach noch zu abstrakt“, sagt Hussein. Mülltrennung ist im Libanon noch nicht weit verbreitet. Dass im Supermarkt noch der kleinste Einkauf in unzählige kostenlose Plastiktüten verpackt wird, wird wohl noch lange unverändert bleiben. „Wir haben mal aus alten T-Shirts Stofftaschen genäht und verteilt, das war ein voller Erfolg – aber langfristig geändert hat es bisher nichts.“ Seine Eltern zumindest haben auf Husseins Rat hin ihre Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzt und sein Vater, ein Armeegeneral im Ruhestand, hat in seinem gepflegten Garten in Sarafand sogar einen Kompost angelegt. „Ob er das aber regelmäßig was drauf tut oder nur, wenn er weiß dass ich komme, das weiß ich nicht“, sagt Hussein und lacht. Religion und Umwelt Hussein, selbst Schiite, schätzt an Greenpeace sehr, dass Religion und Herkunft der Aktivisten keine Rolle spielen. In dem relativ kleinen Beiruter Büro kennen sich alle gut, „wir gehen zusammen aus, es hat etwas von einer Familie, Christen, Sunniten, Schiiten.“ Keine Selbstverständlichkeit im Libanon, wo die ganze Gesellschaft mit konfessionellen Grenzen durchzogen ist. Wo man in Beirut ein Wohnung bekommt, kann nicht zuletzt davon abhängen, welcher Konfession man angehört. „Ein Freund von mir hat eine Christin geheiratet und sie haben eine Wohnung in Beirut gefunden, die Vermieter waren Christen. Alles lief gut, sie waren sich einig, bis mein Freund seinen Vornamen nannte. Mohammed. Damit war klar dass er Sunnit ist und plötzlich hatten die Vermieter die Wohnung schon ihrem Neffen versprochen.“ Greenpeace legt auch aus diesem Grund im Libanon noch mehr als anderswo Wert darauf, nur von Einzelpersonen unterstützt zu werden, um weder einer Partei noch einer Konfession zugerechnet zu werden. Rund 2000 Unterstützer hat Greenpeace im Libanon, und etwa 200 Freiwillige bemühen sich darum, jeden Tag neue Spender aufzutreiben. Hussein ist stolz, als Libanese für Greenpeace zu arbeiten, und der Stolz und seine Ehre bekommen nur einen leichten Dämpfer, wenn er sich an seine einzige Begegnung als Greenpeace-Aktivist mit der Polizei erinnert. 2003 hatte Greenpeace ein Banner an einer Müllverbrennungsanlage in Beirut angebracht, Hussein war derjenige, der den Schornstein raufgeklettert war. „Innerhalb von Sekunden war die Polizei da, wollte unsere Ausweise und überprüfte alle. Nur mich nicht. Sie beachteten mich gar nicht. Das war natürlich gut, so konnte ich zurück ins Büro und die Aktion gleich ins Netz stellen. Aber irgendwie fühlte es sich auch komisch an. So, als hätte die Polizei mich nicht ganz ernst genommen.“

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