„Jungs stehen nicht so auf diese süße Kuchenmentalität“

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Die Münchnerin Iris, 34 und der Australier Sheloian, 32 lieben Cupcakes. Weil sie finden, dass die kleinen Törtchen viel mehr als nur eine amerikanische Modeerscheinung sind und unbedingt in die deutsche Lebensart integriert werden müssen, eröffnen sie jetzt einen eigenen Laden in München. Mercedes Lauenstein hat mit ihnen über Cupcake-Kultur gesprochen. jetzt.muenchen: Iris und Sheloian, warum machen derzeit eigentlich alle so ein Aufhebens um Cupcakes? Sind das nicht eigentlich bloß Muffins? Ines: Nein! Muffins werden aus einer Art Brotteig gebacken. Der enthält Hefe und sorgt dafür, dass Muffins immer fester, trockener und aufgequollener in der Konsistenz als Cupcakes sind. Diese sind eher fein und akkurat, sie werden aus richtigem Kuchenteig gebacken. Außerdem tragen Cupcakes im Gegensatz zu Muffins immer ein sogenanntes Frosting auf der Spitze – eine üppige Cremehaube, Früchte oder ähnliche Dekoration. Wie richtige kleine Törtchen eben. Ihr seid kürzlich erst von Sydney nach München gezogen. In Australien habt ihr hauptsächlich im Marketingbereich gearbeitet und nur nebenher Cupcakes gebacken. In München wollt ihr euch ganz auf die Süßigkeit konzentrieren – und sie bei uns in der Stadt gewissermaßen etablieren? Sheloian: Genau. Das ist natürlich keine neue Idee – die Begeisterung um Cupcakes wurde in den USA, England und Australien schon 1997 losgetreten – als die ersten „Sex and the City“-Staffeln erschienen. Die Singlefrauen Carrie und Co treffen sich in der Serie regelmäßig bei der Magnolia Bäckerei, einer kleinen Cupcake-Bäckerei. Die aufgeregte Art, wie sie ihre Nachmittagsnascherei zelebrieren, hat immer wieder eine magische Wirkung auf das Publikum: Plötzlich scheinen alle, ganz verrückt nach Cupcakes zu sein. Dieser Trend ist natürlich auch an Deutschland nicht vorbei gegangen. Aber im Gegensatz zu den englischsprachigen Ländern ist das hier immer noch ein Nischengeschäft – was man zum Beispiel daran sieht, dass es in München bisher keine einzige Cupcake-Bäckerei gibt.

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Illustration: Julia Schubert

Meint ihr denn, es hat einen bestimmten Grund, dass die Deutschen – bis auf ein paar junge Szenemenschen – dem Cupcake-Trend bisher anscheinend nicht so recht folgen mochten? Sheloian: Die Deutschen haben eben ihre eigene Backtradition. Cupcakes gehören da einfach nicht dazu. Außerdem stehen die Deutschen nicht auf die mächtig süße Küche der Amerikaner oder Engländer. Unsere ersten Backversuche und Testessen mit Freunden haben gezeigt: Um den Leuten hier die Cupcakes schmackhaft zu machen, muss man die Rezepte anpassen: Sie mögen es nicht so süß, nicht so exotisch und vor allem nicht so künstlich! Statt Lebensmittelfarben benutzen wir bloß frische Zutaten. Wir experimentieren viel, um verrückte Verzierungen auf natürlich Weise zu erzeugen. Was genau ist es eurer Meinung nach denn nun eigentlich, das den Cupcake so beliebt macht? Ines: Ein Cupcake symbolisiert immer ein Stückchen Luxus. Er ist so schön anzusehen, dass er beinahe schon ein modisches Accessoire sein könnte. Und: Er ist für absolut jedermann erschwinglich. Hinter dieser Nascherei steckt eine ganz neue „Weil ich es mir wert bin“-Haltung. Man belohnt sich – einfach so, ganz außer der Reihe – ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Das ist attraktiv, denn in unserer heutigen Leistungsgesellschaft ist dieses besinnliche Innehalten im Alltag selten geworden. So ein Ritual wieder einzuführen, hat für viele etwas Tröstliches. Und wie läuft das Geschäft in München bisher? Einen festen Laden habt ihr noch nicht – auf Bestellung backt und liefert ihr aber schon, oder? Ines: Genau. Die Nachfrage ist riesig und wir sind ziemlich beschäftigt. Vor allem beliefern wir Hochzeiten, Geburtstage und private Feiern. Viele unserer Kunden sind Amerikaner und Engländer, die mit der Cupcake-Kultur vertraut sind. Dass das Geschäft mit Cupcakes hier noch völlig unbekannt ist, haben wir auch gemerkt, als wir auf Ladensuche waren. Viele Vermieter reagierten befremdet auf unsere Idee – sie hätten lieber das tausendste Nagelstudio oder eine Fußpflege in ihren Räumen gehabt. Backt ihr die Cupcakes eigentlich wirklich alle selbst? Ines: Nein, wir organisieren unser Geschäft zwar selbst – besprechen also die Wünsche der Kunden und entwickeln dementsprechende Rezeptideen – geben sie dann aber bei einem Münchner Konditor in Auftrag. Mit ihm zusammen entwickeln wir jede Kreation. Er weiß besser als wir, wie sich auch die verrücktesten Ideen verwirklichen lassen. Zum Beispiel? Sheloian: Zur WM haben wir Fußballcupcakes verkaufen wollen – damit wir die Farbe der Deutschlandflagge ohne künstliche Lebensmittelfarbe hinbekommen, mussten wir experimentieren. Kürzlich hatten wir wieder eine Hochzeit – die Braut hatte ein Faible für Schuhe, der Bräutigam für das Surfen. Wir wollten diese Vorlieben dekorativ aufgreifen und haben dann so kleine High-Heels und Surfbretter zusammen gebastelt. Ganz allein würden wir das niemals so gut hinkriegen. Und verratet ihr uns auch schon ein bisschen über das Konzept eures Ladens? Sheloian: Es wird etwa sieben, acht verschiedene Sorten Cupcakes regulär im Laden zu kaufen geben. Saisonal wollen wir diese Sorten immer wechseln. Wir möchten regelmäßig neue Kreationen herausbringen, die wir vorher auf öffentlichen Probierpartys gemeinsam mit unseren Gästen ausprobieren. Was gefällt, bleibt. Gerne möchten wir auch mit im Umland ansässigen Obstfarmen oder Imkern zusammenarbeiten – und so die bayerische Esstradition in unsere Cupcakevariationen verankern. Außerdem wird es in unserem Laden nicht nur Cupcakes, sondern auch Kaffee, Getränke und alles, was man rund um das Thema Cupcakes braucht, geben. Und wann wird die Eröffnung stattfinden? Ines: Ein Termin steht noch nicht fest, aber wir sind fleißig am Vorbereiten. Über unsere Homepage, Facebook und Twitter sind wir so gut vernetzt, dass die Eröffnungsparty an niemandem vorbei gehen wird. Das Interesse ist groß – auch wenn man sagen muss, dass 80 Prozent unserer Follower und Abonennten weiblich sind. Jungs stehen einfach nicht so auf diese süße, bunte Kaffee- und Kuchenmentalität.

Text: mercedes-lauenstein - Foto: Juri Gottschall

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