Karolina studiert doppelt

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Montage sind hart: Für Karolina Ryszka, 22, beginnt die Woche mit drei Vorlesungen, zwei Übungen und zwei Seminaren. Morgens um halb acht in die Uni, nachts um zehn wieder zurück. Tageslicht sieht sie im Winter nur auf dem Weg zur U-Bahn, wenn sie vom Politikinstitut der Freien Universität Berlin zur VWL-Fakultät an der Humboldt Universität pendelt. Die Strecke fährt sie teils mehrmals am Tag hin und zurück: Karolina ist für zwei Fächer eingeschrieben und vielleicht hält sie irgendwann zwei Bachelorabschlüsse in der Hand. Im Oktober 2008, nach zwei Semestern Politikwissenschaften, beschloss sie, sich zusätzlich für Volkswirtschaftslehre einzuschreiben. Seitdem studiert sie für zwei. Das bedeutet: 3 500 Seiten Pflichtlektüre, 11 Klausuren und zwei Hausarbeiten pro Semester und jede Woche 42 Präsenzstunden. "Es hört sich schlimmer an, als es ist", sagt Karolina. Sie habe immer noch Zeit für Unisport, Freunde, Partys. "Ich bin weder Streber noch hochbegabter Überflieger", sagt sie, ihr Zeitmanagement sei bloß sehr gut. "Manchmal wundere ich mich, wieviel Freizeit meine Mitbewohner haben - was machen sie bloß damit?" Das Jammern über den Bachelor hat sie nie verstanden. "Ist doch machbar, wenn man ein bisschen Disziplin hat." Es ist auch nicht so, dass sie mit ihrem Politikstudium unterfordert gewesen wäre. Bloß spürte sie die Angst im Nacken, später beim Bewerben um einen Job zu kurz zu kommen. Das Doppelstudium ist jetzt Karolinas Waffe gegen Zukunftspanik. Etwa 10.000 Studierende in Deutschland kombinieren einen Bachelorstudiengang mit einem anderen Abschluss. Es gibt zwar keine Zahlen darüber, wie viele, so wie Karolina, ein doppeltes Bachelorstudium wagen, aber es handelt sich um eine Minderheit. Zum Beispiel sind von 400 Doppelstudenten an der Uni Leipzig nur 18 für zwei Bachelorfächer eingeschrieben. An der Ludwig Maximilians-Universität in München sind es nur 58 von 600. Es scheint, als trauten sich Magister- und Diplomstudenten eher ein Doppelstudium zu, als die neue Unigeneration. Sterben mit den alten Abschlüssen auch die Doppelstudenten aus?

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Illustration: Julia Schubert

"Ist doch machbar": Karolina trägt die Bücher für zwei Studiengänge. "Ein Doppelstudium war auch vor der Hochschulreform schwierig", sagt Heidi Neugebauer vom Studierendensekretariat der Berliner Humboldt Universität. "An den Leistungsanforderungen hat sich nichts geändert." Die Koordination sei aber komplizierter geworden: Anwesenheitspflicht und starre Stundenpläne machten es nicht einfach, zwei Studiengänge zu schaffen. "Ein Doppelstudent muss sehr leistungsstark sein und ein Organisationstalent", so Neugebauer. Karolina hat ihren sehr eigenen Stundenplan entwickelt: Er ist in drei Farben angemalt. Rot steht für Dozenten mit gutem Gesichtergedächtnis, Gelb für Veranstaltungen, bei denen notfalls auch die Komillitonen die Unterschrift auf der Anwesenheitsliste fälschen können. Grüne Veranstaltungen werden in Absprache mit dem inneren Schweinehund besucht. Karolina hat außerdem schon während der ersten Semester vorgearbeitet und doppelt so viele Politik-Module abgeschlossen, wie sie eigentlich müsste. "Hätte ich gleichzeitig mit zwei Studiengängen angefangen, wäre es kaum möglich." Aber nicht nur inkompatible Stundenpläne, auch die Zulassungsregelung kann eine Hürde auf dem Weg zum Doppelabschluss sein. Die Hochschulgesetze sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, meist kann man aber nur zweigleisig studieren, wenn eines der Fächer keinen NC hat. Oder einen so niedrigen, dass alle Erstbewerber aufgenommen werden können - schließlich sollen Doppelstudenten niemandem einen Studienplatz nehmen. Viele Zweitstudenten entscheiden sich deshalb für ein Fernstudium: 1.300 "Studiengangzweithörende" gibt es an der Fernuni Hagen. Damit sind Studenten gemeint, die neben ihrem Präsenzstudium ein weiteres Fach vom heimischen Computer aus "hören". Immerhin 240 von ihnen haben zwei Bachelorstudiengänge auf einmal belegt. "Das Doppelstudium an einer Fernuni ist einfacher zu organisieren", sagt Magdalena Saarmann vom Studierendensekretariat in Hagen. "Trotzdem ist es nicht einfach, dran zu bleiben." Neulingen rät sie deshalb, langsam anzufangen. "Lieber mit wenigen zusätzlichen Modulen beginnen und aufstocken, wenn es gut läuft. Und sich vorher Gedanken machen, ob man das Zweitstudium wirklich braucht." Natalie Janus hat unter anderem aus diesem Grund abgebrochen. Ein Semester tingelte die 22-Jährige in Berlin zwischen Fakultäten der Theologie und der Agrarwissenschaften. Die Hörsäle lagen zwar nur 15 Radminuten voneinander entfernt, aber das Problem war die Motivation. Natalie fing mit Theologie an - ohne einen Plan, was sie später mit dem Abschluss machen möchte. "Das war für mich", sagt sie. Die Agrarwissenschaften waren für ihre professionelle Laufbahn gedacht: Natalie wollte vielleicht Entwicklungshelferin werden. Bald aber kamen Zweifel an der Schinderei und sie fragte sich: Wofür? Im ersten Monat ging Natalie pflichtbewusst zu allen Vorlesungen, im zweiten tauschte sie ihr 14-Uhr Seminar gegen das Mittagessen, im dritten Monat besuchte sie nur noch die Pflichtveranstaltungen. Nach Weihnachten 2008 war klar, dass sie Agrarwissenschaften aufgibt. Ein Schicksal, dem sich viele anfangs motivierte Doppelstudenten gegenübersehen. Jene, die es zum Ende schaffen (eine Statistik der Erfolgreichen gibt es noch nicht), sagen, dass man sich ernsthaft für beide Fächer interessieren müsse. Der Meinung ist auch Karolina, die von ihrer "intrinsischen" Motivation" für das Doppelstudium spricht. Ohne die gehe es nicht. Ohne sie wäre die Studienarbeit auch kein Spaß sondern nur noch Qual.

Text: wlada-kolosowa - Foto: wk

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