Kein Muff in den Talaren

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Viele deutsche Hochschulen verabschieden ihre Absolventen mittlerweile sehr aufwändig und nach amerikanischem Vorbild – mit Robe und Doktorhut. In Deutschland stellt eine Handvoll Firmen die einheitliche Kleidung bereit, unter anderem der Versandhandel „Robe Academicus“ der Brüder Martin und Peter Augsdörfer. Vom beschaulichen Dießen am Ammersee aus verschicken sie Talare und Doktorhüte an deutsche Hochschulen, sie werden verliehen und verkauft. Ein Interview mit Martin Augsdörfer über die neue Lust am festlichen Abschluss.
 
jetzt.de: Herr Augsdörfer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, in Deutschland einen Versandhandel für Talare und Doktorhüte aufzumachen?
Augsdörfer: Wir haben diese Tradition in England gesehen. Außerdem gibt es das ja auch in Irland, in Amerika, in Australien, in Asien. Wir haben uns gedacht, dass das im Zuge der Internationalisierung auch nach Deutschland kommen wird – und wir haben richtig gelegen. Das ist ein Globalisierungsphänomen. Außerdem ist Europa durch den Bologna-Prozess an den Hochschulen zusammengewachsen. Studenten sehen solche Abschlussfeiern im Ausland und wollen das dann auch.
 
jetzt.de: Glauben Sie, dass der Uniabschluss eine größere Wertschätzung erfährt, wenn er mit Talar und Doktorhut begangen wird?
Augsdörfer: Früher wurden die Zeugnisse einfach per Post zugeschickt, heute begeht man den Abschluss feierlicher. Ich denke, der Hintergrund dafür ist der zunehmende Wettbewerb unter den Hochschulen. Sie wollen sich differenzieren und überlegen, womit sie Studenten anziehen können. Es ist ein Profilierungsmerkmal: Mit den Roben kommt man in die Zeitung, weil es noch immer etwas Besonderes ist. Aber gleichzeitig denke ich, dass das auch seitens der Studenten als „Fun-Faktor“ ,begriffen wird. Es ist nicht mehr so wie in den Sechziger Jahren, als man noch vom „Muff in den Talaren“ sprach.

jetzt.de: Aber haben Sie keine Befürchtungen, dass Sie Absolventen durch die vorgeschriebene Kleidung abschrecken? Vielleicht hat man ja gar keine Lust, seinen Anzug unter einer Robe zu verstecken?
Augsdörfer: Ja, doch, das ist schon so. Aber die Universitäten oder die Studenten, die das organisieren, zwingen ja keinen mitzumachen. Man kann sein Diplom nach wie vor per Post zugeschickt bekommen. Die, die mitmachen, wollen einfach zusammen Spaß haben und gebührend feiern, dass sie ihren Abschluss geschafft haben.
 
jetzt.de: Glauben Sie, irgendwann werden alle Hochschulen ihre Absolventen so verabschieden?
Augsdörfer: Wenn man vom Gedanken des „Global Village“ ausgeht, wachsen die Kulturen immer enger zusammen. Halloween zum Beispiel gab es vor zwanzig Jahren in Deutschland noch nicht. Es wurde erst durch einen Steven-Spielberg-Film bekannt. Mittlerweile gehören Halloween-Parties aber zur Kultur der deutschen Jugend. Deshalb kann ich mir durchaus vorstellen, dass es mit Bezug auf die akademische Kleidung genauso ist.
 
jetzt.de: Das hört sich an, als seien die USA immer noch ein Sehnsuchtsland?
Augsdörfer: Die USA haben durch Hollywood natürlich einen unwahrscheinlichen Hebel, ihre Kultur zu internationalisieren. Ich kann mir schon vorstellen, dass beispielsweise die asiatischen Länder amerikanische Filme sehen, in denen solche Traditionen vorkommen, und so etwas dann auch haben wollen. Aber das ist nicht auf Amerika beschränkt. Gucken Sie mal nach Indien. Da hat der britische Imperialismus seinerzeit ganze Arbeit geleistet: Dadurch, dass diese Traditionen in England verwurzelt waren, wird auch vermehrt in Indien mit Talaren gefeiert.
 

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Illustration: Julia Schubert

Abschlussfeier in Bonn im vergangenen Jahr.

 jetzt.de: Ihre Roben und Doktorhüte werden nicht nur für Diplom-, Master- oder Promotionsfeiern bestellt, sondern auch für Bachelorfeiern. Nimmt das den höheren Abschlüssen nicht etwas von ihrer Bedeutung?
Augsdörfer: Nein, ich finde, wenn man einen Grund zum Feiern hat, dann soll man den auch wahrnehmen. Ich bin da Hedonist. Das ist ja durchaus eine große Sache, wenn man einen Bachelor- oder Masterabschluss hat. Das soll man auch so feiern!
 
jetzt.de: Wie viele Kunden beliefern Sie momentan?
Augsdörfer: Insgesamt beliefern wir 250 Hochschulen. Das hört sich nach viel an. Aber wir zählen auch Unis zu unseren Kunden, an denen nur ein Doktorhut für eine Promotion bestellt wird. Das sind also nicht alles Großkunden wie beispielsweise die Universität Bonn, bei der sämtliche Fakultäten zusammen feiern und 1200 Absolventen auf einer gemeinsamen Abschlussfeier verabschiedet werden.
 
jetzt.de: Bestellen Privatunis mehr als staatliche Unis?
Augsdörfer: Beide Hochschultypen bestellen bei uns, aber ich würde sagen, dass achtzig Prozent der Bestellungen von staatlichen Hochschulen kommen. Trotzdem ist es vor allem für die Privaten ein Differenzierungsmerkmal. Außerdem haben die keine „Altlasten“. Damit meine ich Professoren, die die 68er-Bewegung mitgemacht und dafür gekämpft haben, die Uniformen abzuschaffen. Es ist tatsächlich so, dass die Jugend das gerne will, aber die Professoren das dann ablehnen. Aber die akademische Kleidung hat heute eine andere Symbolwirkung – früher war das Establishment, mittlerweile ist es zum Spaßfaktor geworden.
 
jetzt.de: Auf Ihrer Homepage gibt es sogar Kommentare von deutschen Professoren in den USA, die sich etwas von Ihnen haben liefern lassen. Wie kommt es dazu?
Augsdörfer: Das hat meistens einen einfachen Grund: Diese Professoren müssen im Ausland an einer Zeremonie teilnehmen und fragen uns, ob wir ihnen eine Robe in der Tradition der Hochschule, an der sie ihren Abschluss gemacht haben, schneidern können. Die meisten Hochschulen in Deutschland haben früher auch Roben gehabt. Die hatten dann einen bestimmten Farbkodex – heute würde man Corporate Identity dazu sagen. Davon gibt es meist Dokumentationen und wir schneidern die Roben dann nach diesem Vorbild.



Text: dorothee-klee - Foto: dpa

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