Für einen Moment erstarrt sie, fixiert das Regal der Bäckerei, in dem ihr Brot für gewöhnlich liegt. Es ist leer. Ausverkauft. Ihr Herz rast. Verlässt sie wortlos den Laden oder gelingt es ihr, ein anderes Brot zu kaufen? Da ist sie wieder, die Angst, wie eingefroren dazustehen und nicht sprechen zu können.    

Sabrina ist 26 Jahre alt und studiert an einer hessischen Universität. Seit frühester Kindheit leidet sie unter Mutismus, einer Kommunikationsstörung, die wenig erforscht und kaum bekannt ist. Sie verstummt, obwohl sie sprechen will. Kontaktaufnahme mit anderen fällt Sabrina schwer, wer sich mit ihr treffen möchte, muss erst langsam über E-Mails einen Kontakt aufbauen.    

Verabredungen mit Fremden vergleicht sie mit einer Achterbahnfahrt, ein Nervenkitzel, den Sabrina in ihrem Leben nicht braucht. Für das erste Treffen schlägt sie ein ruhiges Café vor. Es sind kaum Gäste da, die Kaffeemaschine röhrt mit dem Platzregen draußen um die Wette. Sabrina spricht schnell und leise, oft kaum zu verstehen. Sie trägt eine braune Hose und ein gestreiftes T-Shirt. Sie ist blass, ohne Make-Up oder Nagellack. Eine, die nicht auffällt und das auch nicht will. Wenn sie über ihre Schulzeit spricht, dreht sie immer wieder eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger, der Anflug eines Lächelns huscht über ihr Gesicht, als könne sie sich selbst nicht erklären, warum alles so gelaufen ist.    

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Hinter einem Vorhang aus Schweigen: Bevor sie spricht, wägt Sabrina genau ab, ob sich der Stress dafür lohnt.

In dem hessischen 300-Seelen-Dorf, in dem sie aufwächst, fällt ihre Schweigsamkeit nicht weiter auf. Das ist Schüchternheit, das verwächst sich, sagen die Leute. Immerhin redet sie zu Hause mit ihren Eltern. Niemand ahnt, dass Sabrina nicht einmal sagen kann, wenn sie Durst oder Hunger hat, sobald andere dabei sind. "Es war eine einsame Kindheit", sagt sie heute. Es gibt im Dorf keinen Supermarkt, keinen Tante-Emma-Laden, die Eltern haben kaum Freunde, sind nur Zugezogene. Im Kindergarten sitzt sie allein in einer Ecke und malt, statt mit anderen Kindern zu spielen. Später, in der Schule, als Mitschüler ihr ein Bein stellen, wehrt sie sich nicht. Nimmt es auch stumm hin, als sich ihre Nebensitzerinnen wortlos von ihr wegsetzen. Wenn Leute sie auf der Straße nach dem Weg fragen, tut sie, als hätte sie nichts gehört, läuft einfach weiter.    

Sabrina erinnert sich gut an den Chemielehrer, der sie immer zwang laut vorzulesen. Sie saß wie eingefroren auf der Schulbank, ihr Puls raste, doch sie verzog keine Miene. Innen tobte der Sturm, äußerlich war sie ganz ruhig. Sie glaubt, das war das Problem. "Dann hätte vielleicht jemand gesehen, ich will sprechen, aber ich habe zu viel Angst."    

Für Menschen wie Sabrina folgt Kommunikation Regeln, die sie nicht befolgen können. Ihr Schweigen ist nicht freiwillig. Selektiver Mutismus tritt häufig im frühen Kindesalter auf. "Die Menschen schweigen entweder bestimmten Personen gegenüber, an festgelegten Orten oder in bestimmten Situationen", erklärt Kerstin Bahrfeck-Wichitill, Expertin für Mutismus an der TU Dortmund.    

Als Sabrina 17 wird, kann sie den Berg an Problemen nicht mehr überschauen. Während ihre Mitschüler sich verlieben, heimlich die erste Zigarette rauchen, den ersten Schnaps trinken, quält Sabrina sich im Stillen. Sie hat Depressionen, will nicht mehr leben. Immer wenn es mit dem Sprechen nicht klappt, bestraft sie sich, ritzt sich mit Rasierklinge oder Schere. "Ich war schon immer ehrgeizig", sagt sie. Die Schuld für ihre Probleme gibt sie niemandem. Nicht der stillen Mutter, die das Geschimpfe des Vaters ohne Widerworte erträgt. Nicht dem Vater, einem Mechaniker, der kein Verständnis für seine Tochter zeigt, zugleich aber jeden ihrer Schritte ängstlich verfolgt.   

Am Bahnhof fühlt sie sich wie auf dem Weg zum Schlachter.


Als Sabrina von der Realschule auf die Fachoberschule wechselt, trifft sie auf den ersten Menschen, der einen Blick hinter ihre Mauer wirft. Die neue Klassenlehrerin übersieht die schweigsame Schülerin nicht, vielleicht geben ihr die Narben an Sabrinas Armen zu denken. Als ahne sie, dass sich das Mädchen nie alleine trauen würde, begleitet sie Sabrina zum Schulsozialarbeiter. Nun gehört jeden Donnerstag eine Stunde ihm. Sie fühlt sich wohl in seinem Büro, traut sich jedoch nicht, ihn anzusehen, starrt stattdessen auf seine Ohrringe und Halskette. Er sieht ihren Blick, erzählt, woher er den Schmuck hat. Die Antworten auf seine Fragen schreibt sie auf Zettel und schiebt sie über den Tisch. Es gehe ihr schlecht, steht da. Vielleicht ist der Sozialarbeiter überfordert, jedenfalls bricht er Sabrinas Vertrauen: Er verständigt das Jugendamt. "Ich hasste ihn dafür."

Sie landet in der Jugendpsychiatrie. Nachdem sie sich von ihrer Mutter verabschiedet hat, folgt Sabrina einer Betreuerin mit dem Koffer in der Hand auf Station 3. Am Ende eines langen lichtdurchfluteten Korridors liegt ihr Zimmer. Ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch. Acht Monate wird sie in der Klinik verbringen. Dort hört sie zum ersten Mal das Wort, das zusammenfasst, wofür sie all die Jahre keinen Begriff hatte. Ärzte meinen, die späte Diagnose bedeute, dass sie den Mutismus nie mehr ganz loswerden wird. Je früher er entdeckt wird, desto erfolgreicher lässt er sich in den Griff bekommen. Noch existieren keine Langzeitstudien. Schätzungsweise fünf von tausend Kindern erkranken an selektivem Mutismus. Über erwachsene Mutisten gibt es keine Zahlen. Untersuchungen besagen, dass Angststörungen und gehemmtes Verhalten bei mutistischen Kindern in der Familie liegen. Ein Hinweis auf erbliche Faktoren.    

In ihren ersten Sitzungen schweigt sie den Therapeuten an. Herr V., wie sie ihn nennt, ist sehr geduldig mit ihr, auch wenn sie nur dasitzt und nichts sagt. Er geht mit ihr zum Bahnhof. Dort soll sie sich nach einer Zugverbindung erkundigen. Sie fühlt sich wie ein Tier, das zum Schlachter geführt wird. Stresshormone fluten ihren Körper. Sich Sätze zurechtzulegen ist das eine, sie auszusprechen das andere.    

Fünf Jahre lang sitzt Sabrina jede Woche im Sprechzimmer von Herrn V. Er denkt sich ständig neue Übungen für sie aus. Sie zwingt sich ans Telefon. Mal gelingt es, mal knallt sie den Hörer panisch hin, wenn sich eine Stimme meldet. Den Anruf, den sie eine Woche nach der letzten Sitzung erhält, wird sie nie vergessen. Sie war verärgert, weil Herr V. sie gefragt hatte, ob sie ein Antidepressivum nehmen wolle. Sie wollte nicht. Vor Wut konnte sie nicht sprechen, zuckte beim Abschied nur mit den Schultern, sagte nicht "auf Wiedersehen" und zog die Tür hinter sich zu. Eine Woche später klingelt ihr Telefon. Immer wieder. Sie sieht die unbekannte Nummer auf dem Display. Normalerweise geht sie in solchen Fällen nicht ran, doch es scheint dringend zu sein. Die Stimme am anderen Ende sagt, Herr V. sei tot. Hirnblutung. Sabrina zittert am ganzen Leib. Seitdem hat sie nie wieder einen Therapeuten besucht. Der Tod von Herrn V. hat eine Leere hinterlassen.    

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Sabrina auf der Straße in der Stadt, in der sie studiert. Von ihren Kommilitonen oder Professoren weiß niemand von der Krankheit.

Heute sagt Sabrina, sie fühle sich "austherapiert". Sie sagt, sie habe zwar vor vielem Angst. Aber sie sei glücklich und zufrieden. Sie sagt, sie habe keine Selbstmordgedanken mehr. Sie sagt, sie akzeptiere, dass sie viele Dinge, die für die meisten Menschen normal sind, nie machen wird. "Das muss ich auch nicht." Sie muss nicht tanzen oder Smalltalk auf Partys halten oder auf dem Markt nach einem Kilo Kartoffeln fragen.    
Um abzuwägen, was sie "können muss", folgt sie einem Prinzip. Sie nennt es Kosten-Nutzen-Analyse. Da funktioniert sie wie ein Unternehmer. Sabrina berechnet, ob sich der Aufwand an Stress bei bestimmten Aktionen lohnt. Auf dem Markt lässt sie ihren Freund einkaufen, Roland. Er wusste schon von ihrer Krankheit, bevor sie ein Wort mit ihm gewechselt hatte. Denn wie andere ihren Freunden bei einem Glas Wein von den eigenen Problemen erzählen, hält Sabrina ihre Gedanken auf einem Blog fest. Sie führt es seit Jahren. Anfangs schrieb sie unreflektiert über ihre Frustration: "Ich würde euch am liebsten dieses Ding ausleihen und vor lauter Stummheit würdet ihr keine Fragen mehr stellen, sondern einfach nur fühlen, wie es das ganze Leben ruiniert." Roland, ihr "Herzmensch", las ihr Blog und wurde neugierig. Er schrieb ihr, sie trafen sich, verliebten sich.    

Früher, das verraten ältere Blogeinträge, gab Sabrina allen anderen die Schuld, Mitschülern, Lehrern, der Gesellschaft: "In diesem verdammten Leben zählt nun mal der Erfolg, die Leistung, was man mit Behinderungen nicht schafft. Behinderungen, die von dieser dummen Gesellschaft selbst verursacht wurden." Sabrina dokumentiert ihre Fortschritte in der Therapie und notiert, wie viel Kraft es manchmal kostet, sich an die Uni zu zwingen. Manchmal ist sie schon mittags so erschöpft, dass sie nach Hause geht und nur noch schlafen will. Sie bloggt auch über Erfolge. Über die eben bestandene Prüfung in ihrem Masterstudium. Über das beflügelnde Gefühl, es mit harter Arbeit und im Kampf mit sich selbst geschafft zu haben. Obwohl Lehrer ihr vor Jahren nahelegten, die Fachoberschule sein zu lassen, da sie es doch nicht schaffen würde.    

Seit zwei Jahren wohnt sie mit Roland in einer Zweizimmerwohnung. An der Schlafzimmertür hängt ein Schild. "Normalerweise hänge ich es ab, wenn Besuch kommt", sagt Sabrina. Roland hat es an die Tür gehängt. "Die Angst muss draußen bleiben!" steht darauf. Er wollte ihr vor einer mündlichen Prüfung einen angstfreien Raum schaffen, vor allem gegen die schlaflosen Nächte. Es ist nicht die Angst, etwas nicht zu wissen. Es ist die Angst, das Wissen nicht in Sätze verpackt nach außen tragen zu können. Vor einer mündlichen Prüfung übt sie Wort für Wort die Antworten.    

Wenn sie doch mal etwas sagt, hüpft sie danach vor Freude.


An einem warmen Mittag gehen die beiden in eine schicke Salatbar. Sabrina flüstert Roland zu, welche Zutaten sie möchte – so schnell und leise, dass man es kaum wahrnimmt. Sie tritt zwei Schritte zurück, verschwindet aus dem Sichtfeld der Verkäuferin. "So viel Auswahlmöglichkeiten", sagt sie später, "verschiedene Dressings, das ist so chaotisch. Es könnten zu viele Nachfragen kommen." Sie sagt weder danke noch tschüss.    

Kaum jemand in Sabrinas Umfeld weiß von ihrer Krankheit. Ihr Blog ist anonym, sie erwähnt nicht die Stadt, in der sie lebt und studiert. Sie hat weder Dozenten noch Kommilitonen eingeweiht. Roland hat seinen Eltern und Freunden erzählt, dass sie Probleme habe, sich mitzuteilen. "Es macht vieles einfacher. So denkt keiner, sie sei komisch, weil sie so still ist", sagt Roland. Sabrina sitzt neben ihm auf einer Bank im Botanischen Garten und nickt. Beide genießen die Ruhe dieses stillen Ortes. "Manchmal, nach einem Treffen mit Freunden, sprudelt es auf der Heimfahrt einfach aus ihr heraus", sagt Roland. Erst dann holt sie die Gespräche des Abends nach, weil sie sich in keine Diskussion einklinken konnte. Wie auf der Lauer hat sie die ganze Zeit dabei gesessen, genau zugehört, gehofft, etwas sagen zu können. Erst später, im Auto, fallen ihr tausend Dinge ein.    

Roland stellt sich das Dilemma so vor, als teile sich eine Tischrunde in zwei Gruppen. "Dann sitzt man dazwischen und sagt zu nichts etwas." Sabrina mag solche Situationen. "Ich kann beiden zuhören. Vielleicht spricht ja eine Gruppe über ein Thema, bei dem ich mich auskenne. Dann fällt mir vielleicht etwas ein, das ich sagen kann." Manchmal gelingt ihr das. Dann hat sie Schmetterlinge im Bauch und hüpft vor Freude zu Hause auf und ab. Wie vergangenes Jahr in der Uni. In einem Seminar ging es um einen Text über einen Sporttag, der Dozent fragte in die Runde, was daran gut sei. Sabrina hatte den Text gründlich gelesen. Sehr gründlich. Sie fühlte sich sicher. Sie hob die Hand. Dann sagte sie den ersten und einzigen Satz, den sie je spontan vor der ganzen Klasse gesagt hat. Sie kennt ihn heute noch auswendig. Der Satz lautete: "Es ist gut, dass es an dem Tag nicht nur Kurse gab, sondern auch Leiter ausgebildet wurden, die wiederum Kurse anbieten können."

An jenem Tag ging es Sabrina richtig gut.

Text: marta-popowska - Fotos: Fabian Fiechter