"Keiner braucht deutsche Songwriter"

Mit seinem Song "Keine Songwriter" veralbert Friedemann Weise seine eigene Szene. Ein Interview
pierre-jarawan
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Illustration: Julia Schubert

jetzt.de: „Keiner braucht deutsche Songwriter“. Warum nicht?

Friedemann: Diesen schönen Satz hat ein noch schöneres Mädchen in ihr Telefon gesagt, als sie aus einem Club kam, in dem ein deutscher Singer-Songwriter spielte. Ich hab den Wahrheitsgehalt des Satzes nicht überprüft, sondern eine Single draus gemacht.

Jetzt könnte man sagen: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen“. Worin unterscheidest du dich von anderen Songwritern?

Mein Produzent Ekimas hat beim Mischen gesagt: Das gute an deinen Songs ist, dass man sie auch scheiße finden kann! Und das stimmt. Die Lieder von den anderen sind immer mindestens okay.

Hast du von Kollegen Feedback zu dem Lied bekommen? Wie ist das ausgefallen?

Ja, hab ich. Die meisten fanden es lustig, weil sie das alles kennen mit der Gästeliste, dem Schulterklopfen nach den Gigs und so. Manche dachten auch, es sei die reine Selbstoffenbarung und hatten Mitleid.

In deinem Song erwähnst du stereotype Songwriterthemen wie die verlorene Liebe und sagst: „Nie geht’s um Sex oder Morde“ – sind das Themen, die du lieber von deutschen Songwritern hören würdest?

Lieber nicht. Die verlorene Liebe geht immer.

 

Aber glaubst du dann tatsächlich, dass viele deutsche Songwriter nur noch versuchen Klischees zu erfüllen, wie du sie in deinem Song aufzählst?

Nein, nicht viele. Das passte aber nicht mehr in den Song rein.

 

Du besingst darin ja auch Größen wie Bob Dylan oder Kurt Cobain. Glaubst du, dass zu viele Songwriter versuchen, sich an Vorbildern zu orientieren und sie zu kopieren, statt auf der Bühne authentisch zu sein?

Man kann ja nicht alle Moves neu erfinden. Ich hab auch ein paar Schritte von Harry Belafonte gelernt. Aber auf Dauer kann ein Künstler auf der Bühne gar nicht einen anderen nachmachen.

 

Würdest du denn sagen, dass die Zeit großer Songwriter vorbei ist?

Ja. Ich schätze, in Zukunft wird sich das so bei 1,78 m einpendeln.

 

Gibt es aktuelle deutsche Songwriter, die du gerne hörst?

Hm.

 

Ok, anders gefragt: Was würdest du dir von deutschen Songwritern wünschen?

Ein iPhone. Ich bin Backstage immer der einzige ohne.

 

Du thematisierst in dem Lied auch die deutsche Sprache. Glaubst du, dass Deutsch für Songwriter eher ein Trend ist, als ein Weg sich Ausdruck zu verschaffen?

Bestimmt gibt es ein paar Leute, die die Sprache nach Marktlage aussuchen. Aber eigentlich unterstelle ich jedem Songwriter, dass er sich die Sprache aussucht, in der er besser seine Gefühle delivern kann.

Ich persönlich stelle es mir schwer vor, gleichzeitig ein guter Schreiber und ein guter Sänger zu sein. Mein Eindruck ist: Viele Songwriter schreiben tolle Texte, können aber nicht besonders gut singen. Umgekehrt werden viele mittelmäßige Texte durch Gesang enorm aufgewertet. Wie siehst du das?

Das habe ich auch schon oft gedacht. Früher war es ja nicht üblich, dass der Interpret auch der Komponist und Texter war. Genau das haben ja die sogenannten Singer/Songwriter in den 60ern erst angefangen. Meistens sind einfach die Egos zu groß bzw. zu klein. Bei mir auch. Wenn ich was schreibe, will ich das auch singen. Und umgekehrt.

 

Die Tatsache, dass viele Songwriter oft in denselben kleinen Clubs spielen klingt in deinem Text etwas negativ. Ist das wirklich etwas Schlechtes?

Bei den Fragen komme ich mir langsam vor wie der Osama der deutschen  Songwriterszene. Ich mach das doch genauso. Ich freue mich doch, wenn ich irgendwo spielen darf. Und ich finde super, wenn Leute zu kleinen Bands in kleine Clubs gehen.

 

Verständlich, denn du selbst spielst ja auch in diesen kleinen Clubs.  Und nicht nur das: Du trittst mit deinen Liedern auch in Comedyclubs auf. In der Presse wird deine Musik teilweise begeistert gefeiert. Auch die Bezeichnung „Musikkaspar“ ist zu lesen. Wie würdest du dich auf der Bühne selbst beschreiben?

Musikkasper find ich gut, dann darf ich mich öfter verspielen. Die Comedyclubs in denen ich spiele sind auch übrigens klein. Oft sind es sogar die gleichen Clubs an einem anderen Wochentag.

 

Wie viel von den Songwritern, die du besingst, steckt denn dann selbst in dir?

Wie gesagt, man kann „Keine Songwriter“ auch als traurige Selbstreflektion sehen. Ich hatte früher auch viele Weltschmerznummern. Aber die Kollegen bringen solche Songs besser rüber, ich bin dafür besser als Kasper.

 

Lass uns mal einen Ausblick wagen: Wie, glaubst du, wird sich die deutsche Songwriter-Szene in den nächsten Jahren entwickeln?

Vielleicht gibt es bald einen Backlash wie nach der neuen deutschen Welle oder der Deutsch-HipHop-Welle in den 90ern. Wahrscheinlich müssen dann alle auf chinesisch singen. Es bleibt spannend.

 

Deine aktuelle EP  „Keine Songwriter“ ist inzwischen deine fünfte CD. Was würdest du sagen, hat sich musikalisch und inhaltlich verändert?

Also „fünfte CD“ ist ein sachlich richtig, stimmt aber nicht. Das sind auch Demo-EPs bei, die gar keinen Vertrieb hatten. Richtig erschienen sind zwei Alben und jetzt die „Keine Songwriter EP“. Zur Entwicklung: Musikalisch werde ich immer dilletantischer, inhaltlich immer alberner. Kurz: Ich bin auf dem Weg zu mir.

 

Letzte Frage: Welche Aufgabe hat Musik deiner Meinung nach?

Keine. Das ist ja das Schöne.

 

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