Kinder kriegen und studieren? Bitte unbedingt! Ein Fachgespräch

Rund sieben Prozent der eingeschriebenen Studenten in Deutschland haben mindestens ein Kind. Die Professorin Barbara Vinken tritt dafür ein, dass mehr Studenten den Schritt wagen und Eltern werden. Zu diesem Thema organisiert sie an der LMU die Vortragsreihe „Alma Mater- Kind und Karriere“. Die Ringvorlesung startete am Montag, den 26. November, mit ihrem Vortrag. jetzt.de sprach mit Vinken über Kinderglück und Möglichkeiten, es studierenden Eltern einfacher zu machen.
sascha-chaimowicz

Eine Freundin von mir hat gerade ein Kind bekommen und hat folglich ihr Medizinstudium im vierten Semester abgebrochen. Sind Studentinnen nicht selber schuld, wenn sie während des Studium schwanger werden? Die Vorstellung, man müsse das Leben gelebt haben, bevor die Kinder kommen, ist wirklich falsch. In Deutschland glauben die Leute, dass man entweder Karriere machen oder Kinder kriegen kann. Das ist wie ein deutsches Dogma, dem wir anhängen. Das ist ein deutscher Sonderweg. In Frankreich gibt es dieses Dogma zum Beispiel nicht. Da ist es total normal, dass sie, um bei Ihrem Medizinbeispiel zu bleiben, Ärztin werden und drei Kinder haben und sich dadurch weder in ihrer Professionalität noch in ihrem Muttersein dauernd in Frage stellen oder gestellt sehen.

Illustration: Julia Schubert

Professorin Barbara Vinken Ist es nicht sinnvoller, nach der abgeschlossenen Ausbildung schwanger zu werden? Es ist keinesfalls leichter, nach dem Studium Kinder groß zu ziehen als während des Studiums. In Deutschland bleiben bei den Akademikerinnen, das heißt Frauen mit universitärem Abschluss, 40 Prozent kinderlos. Das finde ich wahnsinnig viel. Das liegt daran, dass man das Kinderkriegen immer weiter herausschiebt. Man denkt, irgendwann passiert es doch, und dann passiert es eben nicht. Wird mir die Vortragsreihe erklären, wie ich mit Kind studieren kann? Die Vortragsreihe ist zum ersten dazu da, die Vorstellung, dass man beides, Kinder und Karriere, nicht vereinbaren kann, abzubauen. Und hier darauf aufmerksam zu machen, dass es sich um einen deutschen Sonderweg handelt, dass wir hier ganz anders als der Rest von Europa sind und uns verhalten. Und sie soll deswegen vor allen Dingen dazu beitragen, dass dieses Dogma als solches erkannt und dadurch auch bearbeitbar wird. Alle Umfragen in Deutschland zeigen, dass die Gesellschaft gegen die Familie steht. Wir versuchen, die Familie gegen die gesellschaftlichen Institutionen abzuschotten, denen wir nicht vertrauen. Bei uns sagt man beispielsweise:„dann können sie ihr Kind gleich zur Adoption freigeben“, wenn man es mit einem Jahr in eine Kinderkrippe bringt. Das ist in Frankreich ein völlig absurder Satz, da würde kein Mensch auf so eine Idee kommen. Das hört man immer wieder: Im Ausland sind die Menschen kinderfreundlicher. In Dänemark gehen 80 oder 85 Prozent der Kinder ab dem sechsten Monat in Ganztagskrippen. Punkt. In Frankreich sind 40 Prozent der Kinder in Ganztagskrippen, weitere 30 Prozent werden von assistantes-maternelles betreut, und andere von den Großmüttern. In diesen Ländern ist es normal, dass man als Mutter ganztags berufstätig ist. Wenn sie in anderen Ländern ihr Kind in die Krippe geben, wird akzeptiert, dass das gut für sie und ihr Kind ist. Dort wird man nicht als Rabenmutter abgestempelt und unterstellt, dass ihr Kind wird später einmal aggressiv, beziehungsgestört oder leistungsunfähig wird. Wer soll die Lage verbessern? Die Universitäten? Es ist nicht unbedingt die Aufgabe der Universität, Kinderkrippen einzurichten, obwohl sich die Universitäten da an Unternehmen orientieren und Kinderkrippen einrichten könnten. Die LMU hat das in bescheidenem Umfang getan. Das wäre eine wichtige Sache, die die Unis machen könnten. Darüber hinaus kann die Universität auf gar keinen Fall finanzielle Transferleistungen an die Studentinnen leisten. Das ist Sache des Sozialstaats und nicht der Unternehmen und Universitäten. Sollten Professoren Studenten mit Kindern entgegenkommen? Ja natürlich, das tue ich doch bei jedem. Jeder, der in einer spezifischen Situation ist, verlangt doch von mir zu Recht, dass ich mich auf seine Situation einstelle. Das ist doch ganz normal. Ich finde jetzt nicht, dass das zu einer Stigmatisierung führen soll. Man sollte nicht glauben, die Studenten mit Kind könnten nicht soviel leisten. Man könnte Müttern die Studiengebühren erlassen. Das ist, wie ich finde, nicht der richtige Weg. Ich finde der richtige Weg ist dafür zu sorgen, dass man Karriere und Kind vereinbaren kann. Kind und Karriere vereinbaren klingt gut, aber wie lässt sich das umsetzen? Konkret dadurch, dass sie ihr Kind acht Stunden am Tag oder die Zeit, die sie eben arbeiten müssen, in einer Krippe unterbringen können. Und nicht über andere finanzielle Transfers. Oft lässt sich das Studium nicht in einen geregelten acht-Stunden Tag pressen. Ist die Ausbildungszeit nicht zu zeitintensiv und unvorhersehbar für die Kindererziehung? Professorinnen haben mir gesagt, dass sie nie wieder so viel Zeit im Leben hatten wie während ihres Studiums. Ich will nun weiß Gott nicht sagen, dass alle im Studium Kinderkriegen sollen, aber ich meine, so ein Fiasko ist es auch nicht. Man muss auch ein bisschen mehr Mut haben. Die Studienzeit besteht nicht nur aus Vorlesungen und kurzen Prüfungsphasen. Die meisten Studenten jobben nebenbei oder absolvieren Praktika. Und Kinder nehmen nun mal wahnsinnig viel Zeit in Anspruch. Es gibt bei uns Professorinnen, die haben vier Kinder, die haben fünfmal soviel veröffentlicht wie all ihre männlichen Kollegen. Daß Kinder die Leistungsfähigkeit einschränken, scheint mir ein Phantasma. Die Leistungsfähigkeit ist doch absolut individuell. Außerdem geben Kinder einem wahnsinnig viel Ruhe. Ich habe ein Kind und schwöre ihnen, dass ich noch nie so viel gearbeitet hat, als in der Zeit, in der mein Sohn klein war. Haben sie das Kind während dem Studium bekommen? Nein. Während der Habilitation. Das mit den Kindern ist nicht so schrecklich wie Sie denken. Und sie sind vielleicht doch das schönste auf der Welt.

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