Klassentreffen

Der eine war obdachlos und saß im Gefängnis, der andere ist Sohn eines Stardirigenten: Said und David Barenboim haben ein HipHop-Album herausgebracht. Die Geschichte einer unwahrscheinlichen Freundschaft in Berlin.
jan-stremmel

Said und David laufen auf eine Tischtennisplatte zu, der eine fühlt sich wohl, der andere unwohl. Die Füße der Tischtennisplatte sind in den Boden eines Hinterhofs im Wedding betoniert, dahinter erhebt sich eine graue Brandmauer, der Himmel darüber hat die gleiche Farbe. Berlin im Herbst. Said strahlt, David tritt vom linken Fuß auf den rechten und saugt an einer Marlboro Medium.    

Der Hinterhof gehört zum weiß gestrichenen Gebäude des Jugendnotdienstes, hierher können Kinder und Jugendliche flüchten, wenn sie geprügelt werden, wenn die Eltern saufen, wenn daheim nichts mehr funktioniert. Auf der Tischtennisplatte sitzen vier Jungs und rauchen. Sie tragen schiefgelaufene Turnschuhe, einem fehlt ein Schneidezahn. Sie sind noch lange keine 18 und sehen deutlich zu zerkratzt aus für ihr Alter. Skeptische Blicke zu den Neuankömmlingen.    

Said legt los: "Na Jungs, hat man hier immer noch zwei Wochen, bis man weiter muss?" Der Junge mit dem fehlenden Zahn antwortet. "Schön wär’s. Drei Tage höchstens." – "Wo warste davor?" – "Heim, Drogentherapie, Jugendknast. Jetzt wieder hier." – "Fast wie bei mir damals. Gibt’s hinter der Tür rechts immer noch die Küche mit dem vollen Kühlschrank?" Said ist in Fahrt, er strahlt jetzt noch mehr. "Dicker, da hab ich mir immer so dick Philadelphia aufs Brot geschmiert", er formt Zeigefinger und Daumen zu einem U. Jetzt grinsen alle vier Jungs. Tatsächlich, der wuchtige Mann in der Daunenjacke ist einer von ihnen.    

David sagt nichts. Auf ihn muss die Szene im Hinterhof wirken wie ein Besuch auf einem unbekannten Planeten. Einem Planeten, auf dem sein Freund jahrelang zu Hause war.    


David Barenboim (rechts) studierte in Boston. Said knackte währenddessen Autos. Ihre Freundschaft funktioniert über Musik.


Said ist Rapper, als Jugendlicher lebte er auf der Straße, klaute Autoradios, verkaufte kiloweise Gras, landete im Gefängnis. David ist sein Produzent, einer der gefragtesten im deutschen HipHop, Künstlername KD Supier, bürgerlicher Nachname Barenboim. Barenboim wie Daniel Barenboim, der vielleicht berühmteste lebende Dirigent der Welt, aktuell Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. Er ist Davids Vater.    

Der Plan war: Wir machen eine Tour durch Berlin, an die Orte von Saids Jugend. An die Plätze, die ihn zu dem gemacht haben, der er jetzt ist: ein Rapper mit Gangster-Jugend, der soeben ein Album veröffentlicht hat, das sich zu weiten Teilen mit dieser Jugend beschäftigt.    

Jetzt also der Hinterhof mit der Tischtennisplatte, die zerkratzten Jungs und Saids plötzliche Verbrüderung. Diese vorbehaltlose Offenheit, das merkt man nach ein paar Stunden mit ihm, ist typisch für Said. Was soll David, der schmale dunkelhaarige Mann mit den Musikerhänden, da schon sagen? Wortlos öffnet er sein Big Pack und lässt jeden der Jungs zwei Zigaretten nehmen. Am Ende wird er die fast volle Schachtel auf die Tischtennisplatte legen, nicken und gehen. Behutsame Zurückhaltung, auch das merkt man nach ein paar Stunden, ist typisch für David Barenboim.    

Hier mal kurz stopp: deutscher Gangster-Rap? War das nicht diese Unterkategorie des HipHop, von der die FAZ vor ein paar Jahren schrieb, sie bringe nicht viel mehr hervor "als Musik, die dreizehnjährigen Mädchen gefallen will" und nudele in Endlosschleife die stumpfesten aller Werte runter: Bitches, Geld, Autos? Ist nicht einer der erfolgreichsten Vertreter dieses Genres ein Mann namens Kollegah, der Anfang des Jahres 13 Wochen die Eins der Albumcharts besetzte und in Zeitungsinterviews gerne die Botschaft verbreitet, Mütter zu ficken sei wertvoller als Abitur? Der in seinen Videos im maßgeschneiderten Trainingsanzug einen Porsche durch Düsseldorf jagt und in Wahrheit in Mainz Jura studiert? Ja, doch. Genau das. Aber bei Said lohnt es, die Schublade noch mal aufzuziehen.    

Bei Said werden Mütter nicht gefickt. Er erzählt vom Tod seiner Mom.

Der Tag beginnt nicht mit einem Porsche, sondern mit einem leicht eingestaubten Saab mit Kindersitz im Kofferraum. Said und David sitzen auf der Rückbank. Keiner von beiden hat einen Führerschein, "wegen Betäubungsmittelgeschichten". Hinter dem Steuer sitzt Guido Schulz, ein Mann mit gepflegten grauen Haaren, Camouflage-Jacke und locker sitzender Levi’s. Schulz ist der Verleger von Said und David, er ist seit 20 Jahren Talentscout, Manager und Labelchef, er hat in den Neunzigern DJ Tomekk entdeckt, später Harris, Prinz Pi und viele andere HipHop-Künstler, "ich kenne eigentlich jeden Berliner Rapper", sagt er, und man glaubt ihm das sofort. Allein 2012 hat er drei HipHop-Alben in die Top Ten gebracht.    

Das Album von Said und David heißt "Zum Leben verurteilt", die Musik darauf klingt so düster und schwer wie der Titel. Und tatsächlich anders als vieles, was der deutsche HipHop in letzter Zeit hervorbringt. Nicht so sehr wegen der Düsterkeit, die zelebrieren ja viele Rapper. Auch die Themen kennt man: Drogen, Gefängnis, Berliner Familiendramen, Loyalität unter Straßenjungs. Aber Said sonnt sich nicht im schmutzigen Glanz der Halbwelt, und das unterscheidet ihn von Typen wie Kollegah, die den Gestus des Kriminellen überstreifen wie ein Elvis-Imitator seinen Anzug. Bei Said tauchen keine Bitches auf, die auf die Knie müssen, auch keine dicken Autos. Und Mütter kommen in seinen Songs nur vor, wenn er von der eigenen erzählt: "Die Last, die ich hab, kann ich grad so tragen / Knast geschafft, meine Mom begraben".

    

Said in einem Hinterhof der Osloer Straße. In der Nähe wohnte er ein paar Monate in einer Wohnung für schwer erziehbare Jugendliche.

Saids Texte handeln zum Beispiel von der Schlaflosigkeit, die einen Dealer nachts quält, wenn er einem Großhändler 160 000 Euro schuldet und jederzeit die Polizei durch die Tür brechen könnte. Auch von dem Gefühl, wenn sich Zellentüren hinter einem schließen. Die Beats, die David für diese Texte produziert hat, sind oft sphärisch, nachdenklich, kühl, es kann einen frösteln, wenn man das Album hört.    

Um so mehr, wenn man die dazugehörige YouTube-Doku gesehen hat. Seit ein paar Wochen stehen vier Clips im Netz: vier mal 25 Minuten, in denen Said auf einer beigen Ausziehcouch sitzt und aus seinem Leben erzählt. Vom Gefängnisaufenthalt seines Vaters, dem Selbstmord seines Großvaters, den Problemen seiner Mutter, dem Hass seiner Großmutter, die ihn vor die Tür setzte, als er zwölf war. Ab und zu kratzt seine Stimme. Als er vom Tod seiner Mutter erzählt, muss er Tränen wegblinzeln, dann steckt er sich eine Weintraube in den Mund. Und obwohl diese Videos natürlich Werbung für sein Album sind, wirken sie nicht wie eine Politur für sein Image. Man fühlt sich, als würde man den Mitschnitt einer Therapiesitzung ansehen.    

Das Auto stoppt in der Schierker Straße in Neukölln vor einem türkischen Supermarkt. Said kommt als Sohn einer Deutschen und eines Syrers zur Welt, aber den Vater lernt er kaum kennen, weil der fünf Jahre im Gefängnis sitzt und dann abgeschoben wird. Mutter und Sohn ziehen bei der Großmutter in Neukölln ein, "aber die konnte mich nicht riechen", sagt Said. Die Großmutter, selbst verwitwet, gibt dem Jungen die Schuld für das Unglück der Familie. Said ist blond, hat aber als einziger einen arabischen Namen. Er muss das Abendbrot auf seinem Zimmer essen, seine Wäsche von Hand waschen, er bekommt von der Oma keinen eigenen Wohnungsschlüssel. Wenn nach der Schule niemand zu Hause ist, muss er vor der Tür warten. So erzählt er das, während er am alten Schulgebäude vorbeiläuft, ein paar Blocks weiter am Körnerpark.    

Sein erster Einbruch geht durchs Fenster des eigenen Klassenzimmers, er klaut die Urlaubskasse und kauft sich vom Geld Mad-Hefte.    

Said spricht wie ein ernstes, kluges Kind. Da ist kein Misstrauen, keine Berechnung, und eigentlich am überraschendsten: keine Spur von Selbstmitleid. Er zieht sein T-Shirt hoch und zeigt Narben von Wunden, die er sich als Jugendlicher selbst zugefügt hat. Er erzählt, wie er zum "kleinen Frustfresser" wurde und wahllos auf Passanten einprügelte. "Ich wollte, dass es allen so beschissen geht wie mir." David geht zehn Schritte weiter vorne und telefoniert auf Französisch.    

David im Treppenhaus von Saids ehemaliger Wohnung. Als KD Supier ist er einer der gefragtesten HipHop-Produzenten in Deutschland.

Said landet im Heim. Und bricht nach ein paar Tagen aus. Er schläft in U-Bahnhöfen und baut sich Lager auf leeren Dachböden. Von anderen Straßenjungs lernt er, wie man die Tür des VW Golf III knackt. Er verkauft Autoradios an arabische Hehler. Wenn der Hunger schlimm ist, geht er wochenweise in ein Heim – oft in das am Plötzensee, in dem in den Neunzigern auch DJ Tomekk und der Rapper Fler Teile ihrer Jugend verbringen. "Wenn deine Eltern verkacken", sagt Said, "startest du mit Minus auf dem Konto ins Leben."    

Davids Leben startet deutlich im Plus. Er wird in Paris geboren, wo sein Vater Chefdirigent ist. Er zieht nach Chicago, wo der Vater das Symphony Orchestra leitet, und nach Berlin, als er zur Staatsoper kommt. David besucht das französische Gymnasium am Tiergarten, bis heute spricht er deutsch mit französischem Akzent. Er beginnt mit einem Schulfreund zu rappen, sie gründen ein Label, der Freund wird unter dem Namen Megaloh bekannt, David produziert die Beats. Er geht nach Boston und studiert Musik am renommierten Berklee College. Man kann sagen, David Barenboim nähert sich dem HipHop von oben.    

Und Said von unten. Er zieht nach Kreuzberg, in die Nähe des Halleschen Tors. Mit Nothämmern aus den BVG-Bussen schlägt er morgens die Seitenfenster von Familienautos ein, während Mütter ihre Kinder in den Kindergarten bringen, "dann lassen die immer ihre Handtasche im Auto". Er lernt die Dealer und die HipHopper am Mehringplatz kennen. Der talentierteste von ihnen ist Harris, er wird bald darauf von Guido Schulz entdeckt und nimmt fortan seine Freunde aus dem Viertel im Bus mit auf Deutschlandtour. Ein Haufen Jungs mit harter Kindheit, die zum ersten Mal in ihrem Leben verwöhnt werden. Hotels, Backstageräume, Catering. Guido Schulz erzählt im Auto, wie er ständig Konzertveranstalter beruhigen musste, wenn die Kreuzberger Entourage mal wieder mit dem Feuerlöscher eine Garderobe geflutet hatte.    

Das Schlimmste am Gefängnis: die Stille. Kein Lärm, keine Musik. Nur die Raben im Hof.

Und dann muss Said ins Gefängnis. Er verstößt gegen Bewährungsauflagen, es geht um Körperverletzung, sein Pitbull-Weibchen spielt eine Rolle, viel mehr will er dazu nicht sagen. Ein Jahr in der JVA Tegel, wo 25 Jahre vorher schon sein Vater saß. Das Schlimmste dort: die Stille. Kein Verkehrslärm, keine Musik, nur die Raben im Hof. "Du darfst nichts selbst entscheiden", sagt er, "außer wann du kackst und pisst." Er beginnt, Texte zu schreiben.    

Wir gehen Mittagessen im "Ya-Hala Chicken" in der Pankstraße, Saids Lieblingsrestaurant in der Gegend. David hat bisher noch kaum gesprochen, er ist ein stiller Typ, der offenbar nur etwas sagt, wenn man ihn fragt. Aber man spürt eine selbstverständliche Vertrautheit zwischen den beiden. Wenn Said erzählt, lacht David immer in den richtigen Momenten. Meist ist es wie im Hinterhof im Wedding: Said erledigt das Reden, David beobachtet und raucht. Es hat schon Gründe, weshalb der eine Rapper wird und der andere Soundfrickler im Studio.    

Harris ist der Berührungspunkt zwischen ihnen. Als er ein Album von Megaloh hört, engagiert er David für seine nächste Platte. Als Said aus dem Gefängnis kommt, treffen sich er David zum ersten Mal. "Wir waren beide zu schüchtern, um miteinander zu reden", sagt Said. "Eigentlich ein Wunder, dass wir uns befreundet haben."    

Und ein bisschen märchenhaft wirkt es ja ohnehin: Der gut betuchte Sohn und der Junge von der Straße, die Musik als Schnittpunkt zwischen Unterschicht und Bürgertum. Vielleicht ist HipHop eine Musikrichtung, die aus der Unterschicht stammt, aber nach oben hin durchlässig ist wie keine andere. Vielleicht wäre eine Freundschaft zwischen einem reichen Sohn und einem Straßenjungen auch nirgendwo anders denkbar als in Berlin, wo man an den meisten Ecken dringenderes zu tun hat als sich mit Herkunft und Nachnamen zu befassen. Vielleicht ist das aber auch Unfug, und es braucht weder Thesen noch Theorien, um eine Freundschaft zu verstehen, die über Musik funktioniert.    

Im "Ya-Hala Chicken" gabelt Said jedenfalls ein Stück Huhn in die weiße Soße auf seinem Teller und sagt: "Es gibt zwei Dinge, in denen ich baden könnte: Knoblauchsoße. Und grüner Wackelpudding." David Barenboim lacht ein kehliges Lachen für seinen Freund, und dann stapeln die beiden die leeren Teller und bringen sie zurück zum Tresen.

Text: jan-stremmel - Fotos: Monika Keiler