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Wer Peer Müller treffen will, muss in den Wald. Nach einer Viertelstunde Autofahrt gelangt man zu einem umzäunten Gelände, auf dem flache Häuser und bunkerähnliche Gebäude stehen. Eine Gruppe Rehe grast neben einem Grillplatz, auf dem Stühle stehen, die aus den Überresten von Fliegerbomben gebaut sind. Manchmal zeichnet sich ein sarkastisches Lächeln an Müllers Mundwinkeln ab. Zum Beispiel, wenn er die Türen der Halle öffnet, in der sein Lehrmaterial lagert. "Der Mensch ist sehr kreativ, wenn es darum geht, sich gegenseitig umzubringen", sagt er, grinst und schaltet das Licht an. In der Halle lagern präpariert und sauber geordnet Waffen aus vier Jahrhunderten: Kanonenkugeln aus dem Dreißigjährigen Krieg, schlanke Giftgasgranaten aus dem Ersten Weltkrieg, mannshohe Brandbomben aus dem Zweiten Weltkrieg, Gewehre, Pistolen, Mörser, Granatwerfer, Panzerfäuste, Maschinengewehre. Doch Peer Müller ist nicht hier in einem Wald südöstlich von Stuttgart, um Waffen zu sammeln. Seine Arbeit besteht darin, Waffen zu entschärfen und sie anschließend zu vernichten. Seit vergangenem Juli gilt für Besitzer nicht registrierter Waffen bundesweit eine Amnestie - sie können ihre Waffen noch bis Ende dieses Jahres straffrei abgeben. 200 Schusswaffen werden zurzeit allein in Baden-Württemberg abgegeben - täglich. Sie alle landen hier im Wald beim Kampfmittelbeseitigungsdienst, einer Sondereinheit der Polizei, um vernichtet zu werden. Nur selten ist eine brauchbare Waffe dabei, meistens sind es alte, vergessene Erbstücke aus dem Zweiten Weltkrieg. Peer Müller und sein bärtiger Kollege entladen die Lieferung des Tages. Mit dem Lauf nach oben stecken sie die Waffen in eine stählerne Tonne, deren Boden offen ist. Dann entzünden die Beamten die Holzscheite am Boden der Tonne. Binnen Sekunden füllt sich der Schuppen mit schwarzem, beißendem Rauch. Das Feuer wird über Nacht brennen. Danach sind alle Holz und Plastikteile verglüht. Das restliche Metall wird zu einem Stahlwerk gebracht und dort recycelt. Auch die Waffe, mit der Tim Kretschmer 16 Menschen einschließlich sich selbst erschoss, wird irgendwann im Laufe des nächsten Jahres hier landen. Peer Müller glaubt nicht, dass es weniger Amokläufe geben würde, wenn die Waffengesetze strenger würden. "Wenn jemand töten will, dann tötet er", sagt er. Tim Kretschmer, 17, fand eine Waffe und wurde zum "Amokläufer von Winnenden". Er fand sie im Kleiderschrank, weil sein Vater sie nicht ordnungsgemäß weggeschlossen hatte. Tims Vater wird in ein paar Monaten vor Gericht stehen - wegen 15-facher fahrlässiger Tötung. Nach dem Amoklauf von Winnenden am 11. März verlangte man Reaktionen. Um das Unverständliche erklärbar zu machen, gab man Waffen die Mitschuld am Tod von 15 Menschen. Wenn eine Waffe, schuld am Tod eines Menschen sein kann, muss man dann nicht Waffen verbieten? Die Große Koalition beschloss strengere Waffengesetze (siehe Kasten). Waffengegner gehen die Änderungen nicht weit genug, Waffenbesitzer fühlen sich diffamiert und unter Generalverdacht gestellt. Was kann der Weg einer Waffe über unseren Umgang mit Waffen erzählen? Welche Menschen hatten diese Waffe in der Hand, bevor Tim Kretschmer damit mordete? Die Beretta 92 FS ist 21 Zentimeter lang, besteht zum größten Teil aus Stahl und wiegt im ungeladenen Zustand 945 Gramm, im geladenen sind es 1100 Gramm. Die Inox-Variante glänzt silbern. 15 Schuss passen in ihr Magazin, dann muss nachgeladen werden. Tim Kretschmer tat dies genau sieben Mal. Die Kugeln verlassen den Lauf mit einer Geschwindigkeit von 365 Metern pro Sekunde und treffen ihr Ziel auf eine Entfernung von 50 Metern. Dies gelingt allerdings nur geübten Schützen. Berührt man die Beretta zum ersten Mal, kühlt der Stahl angenehm die eigene Hand. Nach einigen Minuten nimmt er die Körperwärme an. Die geriffelten Griffschalen verleihen auch einer schwitzenden Hand Halt. Ein wenig wundert man sich, wie schwer die Waffe ist - so schwer wie ein Liter Milch im Glas. Die letzte Pistole, die man in der Hand hielt, war aus Plastik und dementsprechend leicht. Man spielte damit einen Cowboy, der auf Indianer schoss, manchmal auch einen Piraten oder einen Soldaten. Die Beretta 92 FS wird geladen mit "9mm Parabellum"-Patronen, eine von dem Österreicher Georg Luger Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte und weltweit am weitesten verbreitete Munition. Diese Geschosse gelten als Großkaliber, die sogar mehrere Zentimeter dicke Wände durchschlagen können. Die Beretta 92 ist eine vergleichsweise leichte Waffe: Der Rückstoß ist deswegen stark und reißt die Hände eines ungeübten Schützens samt der Pistole gute zehn Zentimeter in die Höhe. Von einer geladenen Waffe geht eine Faszination aus. Sie abzufeuern, ist ein Erlebnis; wer es zum ersten Mal tut, wird es nicht vergessen. Im Kopf explodiert ein Gefühlscocktail aus Angst und Macht: Angst - vor sich selbst, Angst, die Kontrolle über die eigenen Bewegungen zu verlieren, Angst, dass im eigenen Gehirn eine Sicherung durchbrennt (obwohl einem noch nie einfach eine Sicherung durchgebrannt ist), dass etwas in einem drin sich selbstständig macht und plötzlich töten will. Macht, weil die sonst sozial so gut gesicherte Grenze zwischen Leben und Tod plötzlich auf wenige Millimeter zusammenschrumpft. Weil nun eine kleine Bewegung der letzten beiden Glieder des Zeigefingers über den irreversiblen Übergang entscheiden kann. Mit einem Klick auf das Bild startest du die Bildergalerie:

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Illustration: Julia Schubert

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Text: philipp-mattheis - Fotos: Juri Gottschall, dpa, Philipp Mattheis

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