Lack auf Leinwänden

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Die Besucher drängeln sich vorbei an den Bildern in der Galerie, als Buks mit einem Bild unter dem Arm die Ausstellung betritt. Mit fünf Hammerschlägen nagelt er sein Werk an die Wand: Auf eine etwa 50 Zentimeter breite und 30 Zentimeter hohe Leinwand hat er seinen Künstlernamen Buks gezeichnet, mit Filzmarkern. Das Werk, an dem er noch vor drei Minuten gearbeitet hat, ist jetzt Teil der Graffiti-Ausstellung „Bunt Lack“ in der Baaderstraße 7. „Ich hatte genug Ärger“ Graffiti-Künstler Riko und sein Partner Horas skizzieren, sprühen und malen seit zwei Monaten für diesen Abend, ein paar Künstler aus ihrem Bekanntenkreis, wie etwa Buks, haben Bilder für „Bunt Lack“ geliefert. Riko heißt in echt Talin Lopez, Horas’ Name ist Benjamin Schandelmair, und dass es heute in Ordnung ist, ihre Namen in die Zeitung zu schreiben, sagt etwas aus über den Wandel der Graffiti-Szene. Damals, 1993, mit 16, bemalt Horas in Marktredwitz in Oberfranken das erste Mal einen Zug. In den Jahren, die folgten, hätte die Polizei viel gegeben für den Namen Talin Lopez. Als sie ihn dann hatten, durchsuchten sie insgesamt sieben Mal seine Wohnung und sperrten ihn in U-Haft. Auf der Vernissage zu seiner ersten Ausstellung werden Häppchen verteilt.

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Illustration: Julia Schubert

„In eine Galerie zu gehen, ist für uns der nächste, logische Schritt. Ich male auch fast nur noch legal, außer vielleicht mal im Ausland. Ich habe genug Ärger gehabt“, sagt Benjamin. Den Versuch, Graffiti von den Straßen in die Ausstellungsräume zu transportieren, unternahmen amerikanische Graffiti-Künstler wie Keith Haring und Michel Basquiat schon in den Achtziger Jahren in New York. Kritiker fragen seitdem, ob man Graffiti überhaupt in sterile, geschlossene Räume sperren sollte. Ursprünglich sollte Graffiti Menschen auf der Straße auffallen. Die Sprayer gingen von Betrachtern aus, die nur wenige Augenblicke Zeit haben, sich die Bilder anzusehen, die vielleicht im Auto sitzen oder zum Bus rennen. Folglich mussten die Werke plakativ sein, laut und schnell konsumierbar. Die Leinwände, die in den drei Räumen und den Fluren der „Bunt Lack“ Ausstellung hängen, zeugen von diesen Ursprüngen. Eine Leinwand steht auf einer weißen Kiste wie auf einem Altar und zeigt ein Bild von Michael Jackson. Er hält sich eine Hand vor sein Gesicht. „Das soll bedeuten: Niemand kennt ihn“, sagt Talin. Schwarze Bläschen, die von seinem Körper zu entweichen scheinen, stehen für Jacksons körperlichen Verfall. Auf einem Bild im ersten Raum ist ein kleiner Auschnitt eines Schriftzugs, eines so genannten „tags“, zu sehen, auf weißem Hintergrund. Es sieht aus, als bröckele der Hintergrund in einer Ecke des Bildes ab, eine Backsteinwand kommt zum Vorschein. „Off the wall“ heißt das Bild. „Egal, auf was du malst, es ist immer vergänglich“, erklärt Talin das Motiv. Diese Vergänglichkeit ist Teil der Kunstform Graffiti, daraus entsteht Neues. Sprayer übermalen „tags“ von anderen Sprayern, die sie nicht mögen. Oder der starke Regen spielt mit den Farben. Doch was ist mit Leinwänden in geschlossenen Räumen? „Ich habe mich schon damit schwer getan, auf Leinwände zu malen. Das ist ein ganz anderes Körpergefühl. Du kannst deinen Körper nicht so einbringen wie draußen, du kannst nicht so ausholen“, sagt Talin. Früher hat er seine Bilder nachts malen müssen und lebte dabei ständig mit der Angst, von der Polizei erwischt zu werden. „Draußen hast du für ein Bild oft nur eine Minute. Wenn du auf Leinwand malst, ist der Druck weg. Dann bleibt mehr Zeit, sich Gedanken zu machen. Das verändert die Bilder.“ Benjamin und Talin sitzen auf einer Terrasse vor den Ausstellungsräumen und schreiben eine Preisliste. Sie wollen ihre Werke verkaufen. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass die Szene erwachsen geworden ist. Menschen, die Graffiti früher gut fanden, verdienen jetzt Geld und kaufen Bilder. Die meisten kosten zwischen 200 und 800 Euro. Die Käufer können die Bilder von der Galerie in ihre Autos tragen und dann in die eigene Wohnung, in das Schlafzimmer. Dann hätte Graffiti den ursprünglichen Sinn verloren: größtmögliche Aufmerksamkeit zu erreichen.

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